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Fit und Gesund: Wir treffen Schwimmlegende Michael Groß

Dr. Michael Groß im Interview mit Andrea Thoma

Im Profil …Dr. Michael Groß

 Er war DER deutsche Rekord-Schwimmer der 80er Jahre: Michael Groß. Genannt „Albatros“. Heute ist er selbstständiger Unternehmensberater in Frankfurt, Buchautor und Dozent an einer privaten Wirtschaftsuniversität. Begonnen hat seine legendäre Karriere mit 16 Jahren. Der Hausarzt hat seiner Mutter empfohlen, den Sohn wegen seines schnellen Wachstums zum Schwimmen zu schicken. Bald war Michael Groß 2,01 Meter lang und hatte eine Armspannweite von 2,13 Metern. Er machte als Schwimmer eine sensationelle Karriere: 21 Titelgewinne bei Olympischen Spielen, Welt-und Europameisterschaften. Davon drei Goldmedaillen, fünf Weltmeisterschaften, 13 Europameisterschaften, 12 Weltrekorde und 24 Europarekorde. Andrea Thoma traf den Weltrekordler zum Gespräch:

Andrea Thoma: Lieber Michael Groß, auf Ihrer Webseite steht ein wunderbarer Lebensspruch: `Nicht weil etwas schwer ist, wagen wir es nicht. Weil wir es nicht wagen, wird es schwer´. – Haben Sie alles gewagt im Leben?

 Michael Groß: Nein, ganz sicher nicht. Ich wollte zum Beispiel unbedingt einmal längere Zeit im Ausland leben, um andere Kulturen besser kennenzulernen. Ich wollte nach Amerika oder Australien. Als Student konnte ich das nicht machen, weil ich damals schon eigenes Geld durch den Sport verdient habe, und eine Scholarship (Stipendium) in den USA gab es leider nur für `mittellose´ Studenten. Und danach ging es weiter mit Universität, Wehrdienst, Familie und Firmengründung. Irgendwie hat es nie gepasst. Ich bin nun mal in Frankfurt verankert.

 Wenn man 21 Titelgewinne im Schwimmen nach Hause geholt hat, die ganze Welt den `Albatros´ kennt, zieht es Sie dann heute noch ins Schwimmbad?

 Dieses Jahr war ich überhaupt noch nicht schwimmen. Ich mache mit meiner Familie inzwischen einfach andere Sportarten, wie Wakeboarden, Snowboarden, Fahrradfahren. Außerdem habe ich einen Bootsführerschien. Die Prioritäten haben sich einfach im Laufe der Zeit verlagert.

 Was ist geblieben von der Weltkarriere in den 80er Jahren?

 Ich habe einfach eine ganz andere berufliche Laufbahn eingeschlagen. Mit dem damaligen Leben hat mein heutiges fast nichts mehr zu tun. Natürlich falle ich schon durch meine Größe immer noch auf. Aber die Jüngeren wissen mit dem `Albatros´ fast nichts mehr anzufangen.

 Eigentlich haben Sie Ihre Karriere ja Ihrem Hausarzt zu verdanken, der Ihrer Mutter riet, Sie zum Schwimmen zu schicken, weil Sie so schnell gewachsen sind….

 Ja, das hat der Arzt meiner Mutter sogar dringend angeraten. Denn die Muskeln sollten sich mit entwickeln und das geht im Wasser am besten. So wurde aus einem medizinischen Ratschlag eine Sportler-Karriere.

 Was ist die größte Kunst beim Schwimmen?

 Kraft und Technik in das Wasser zu bringen – das ist die Herausforderung für jeden Schwimmer.

 Sie sind 2,01 Meter lang. Diese Größe hat Ihnen den Zugang ins Cockpit verbaut, denn Sie wollten Pilot werden…

 MG: Ich bin kläglich an sechs Zentimetern gescheitert. Die Lufthansa hat mich nicht genommen, denn ich hätte in kein Cockpit einer kleineren Maschine gepasst. Und natürlich besteht bei großen Menschen auch die Gefahr eines Blackouts im Extremfall. Bei starken Beschleunigungen werden die Extremitäten und das Gehirn nicht mehr gut durchblutet. Das kann sich ein Pilot nicht leisten.

 Lassen Sie sich Ihre Kleidung maßanfertigen?

 Ja, mein Onkel und mein Cousin haben sich mit ihrer Spezial-Schneiderei Wermter auf maßgeschneiderte Konfektion für große Menschen spezialisiert. Sie haben tolle Schnitte und sehr schöne Stoffe. Also fahre ich öfter mal nach Essen, nicht weit von der Villa Hügel ist ihr Schneider-Unternehmen, und kleide mich dort ein. Das mache ich schon seit Jahrzehnten…

 Ihre sensationelle Sportlerkarriere haben Sie mit 26 Jahren beendet. Wenn man zurückblickt, dann hat man das Gefühl, Schwimmen war Ihr Hobby. Sie haben sich nicht so vermarkten lassen wie viele andere Sportler. War das so gewollt?

 Sie sagen es ganz richtig: Schwimmen war mein Hobby. Die schönste Nebensache der Welt. Ich hatte auch nur sehr kleine private Zeitfenster, also habe ich Vieles einfach abgelehnt. Heute ist der Sport Teil des Showbusiness. Ein großer PR-Aufmarsch. Da konnte man sich vor 20 oder 30 Jahren noch ganz gut raushalten.

 Nach Ihrer aktiven Zeit waren Sie auch als Funktionär im Vorstand des Deutschen Sportbundes. Sie sagen, Josef Neckermann, der erste und langjährige Vorstand, würde sich über die heutige Ausrichtung des Deutschen Sportbundes im Grabe herumdrehen. Warum?

 Weil dort seit vielen Jahren der Stillstand, die reine Verwaltung der Macht Einzug gehalten hat. Und das ist nicht mein Ding. Das war auch nicht Neckermanns´ Ding und schon gar nicht seine Vision von Sportförderung. Ich bin auch kein Machtmensch. Mir geht es um Inhalte. Dort wurden und werden Claims abgesteckt. Es gibt keine Visionen mehr, keine Agenda. Deshalb habe ich 2005, nach fünf Jahren im Vorstand, den Job auch niedergelegt.

 Nochmal zurück zu den Schwimmanfängen. Sie sind ja sozusagen auf Feindesland geschwommen. In Offenbach…

 Damals gab es rund um Frankfurt nur zwei gute Schwimmclubs, einer in Darmstadt und einer in Offenbach. Letzterer war einfach näher. Die S-Bahn hat an der Stadtgrenze von Offenbach gehalten und ich musste lange laufen, um das Schwimmbad zu erreichen. Die alte Fehde zwischen den beiden Städten ist eher belustigend, die habe ich nie ernst genommen. Darüber habe ich oft mit Petra Roth, der früheren Frankfurter Oberbürgermeisterin Witze gemacht.

 Sie haben inzwischen zwei Bücher geschrieben. Eines davon heißt: `Selbstcoaching´. Darin schreiben Sie, man solle für die Karriere ein Glückstagebuch führen. Wozu soll das gut sein?

 Um die Schlangenlinien im Leben aufzuzeichnen. Um die positiven Momente des Alltags später zu memorieren. Denn genau diese Kleinigkeiten gehen uns im Rückblick oft verloren. Aber sie sind Teil unseres Lebens und unseres Glücks. Diese Aufzeichnungen zeigen, wenn man sie später liest, die Schritte nach vorn, die zurück, und die zur Seite. Das ist im Rückblick oft sehr spannend.

 Und seine Erfolge solle man in einen so genannten Motivkompass eintragen…

 Das sind die Motive, die unser Leben wirklich bewegen. Kein festes Programm, aber das, was uns ausmacht. Manchmal, zum Beispiel bei wichtigen Entscheidungen, lohnt es sich, diese Motive mit einzubeziehen.

 Wie coachen Sie sich selbst? Woran denken Sie, wenn Sie morgens aufstehen?

 Ich führe auch ein solches Glückstagebuch und auch einen Motivkompass. Alles wird täglich und händisch eingetragen. Übrigens bin ich grundsätzlich ein sehr haptischer Mensch. Ich schreibe und strukturiere auch meine Bücher, Vorträge und auch wichtige Aufträge in meinem Unternehmen erst auf einem weißen Blatt Papier, dann erst übertrage ich sie in den Computer. Mein Selbst-Coaching besteht vor allem darin, dass ich meine Grenzen als Gestalter kenne und nach diesen mein Leben eingerichtet habe. Nicht statisch, aber in den wichtigen Eckpunkten. Ich gehe mit meinen Zweifeln, auch mit Trauer und Niederlagen, möglichst offen um. Am liebsten präsentiere ich meine Ansichten oder Pläne einem kleinen Kreis von engen Freunden. Das motiviert mich dann immer wieder neu.

Dr. Michael Groß ist am 17. Juni 1964 in Frankfurt geboren. Seine Schwimmkarriere begann er mit 16 Jahren, weil ein Arzt seiner Mutter anriet, ihn wegen seines schnellen Wachstums zum Schwimm-Unterricht anzumelden. Er belegte schon nach wenigen Monaten Training den zweiten Platz bei den Deutschen Meisterschaften in München über 100 Meter Schmetterling, im Jahr 1980. Groß trainierte von Anfang an beim Offenbacher Schwimmclub.

Schnell legte er in den 80er Jahren eine Weltkarriere hin. Er gewann insgesamt dreimal Gold bei Olympischen Spielen, wurde fünfmal Weltmeister, dreizehn Mal Europameister, er stellte 12 Weltrekorde und 24 Europarekorde auf. Seinen Spitznamen „Albatros“ erhielt der Schwimmer von den französischen Medien, aufgrund seiner Armspannweite von 2,13 Metern.

Groß machte parallel zur Schwimmkarriere sein Abitur, studierte Philologie und Medienwissenschaften, machte seinen Dr. phil. und schloss daran eine journalistische Ausbildung an.

Heute ist er Geschäftsführer der Frankfurter Kommunikationsagentur Groß & Cie GmbH und arbeitet als selbstständiger Berater, Hochschuldozent und Buchautor  („Siegen kann jeder“ und „Selbstcoaching“).

Mehr zu Michael Groß finden Sie hier: https://www.michael-gross.net/

Michael Groß, Autorin: Andrea Thoma, © Fotos: Michael Groß, privat und ATH Medien