Andrea Thoma im aktuellen Talk mit – Prof. Gustav Dobos

„Wichtig ist mir die persönliche Zuwendung“

Prof. Gustav Dobos hat viele Jahre lang Pionierarbeit für die Naturheilkunde geleistet. Im badischen Freiburg, im sächsischen Bad Elster, in Amerika, China und Indien. 1999 gründete er mitten im Ruhrgebiet die erste deutsche Modell-Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin am Akademischen Lehrkrankenhaus der Universität Essen-Duisburg.

Andrea Thoma hat Prof. Dobos in Essen besucht.

 Dobos ist das Alter Ego der Essener Klinik. Ohne ihn und seine Begeisterungsfähigkeit für die ganzheitliche Heilkunde, gäbe es das Projekt nicht. Inzwischen hat er mit seinem Team mehr als 40.000 Patienten behandelt und auch die Krankenkassen erkennen seine Therapien längst an. Gustav Dobos ist angekommen. Seinen Erfolg betrachtet er ganz ohne Hybris. Aus der Vision wurde Krankenhaus-Alltag.

In seinem Arbeitszimmer mit deckenhohen Regalen stapeln sich hunderte von Büchern. Medizinische und viele philosophische. Schriften von Konfizius, Laotse, Pfarrer Kneipp und Hildegard von Bingen. Dazwischen einige Holzfiguren, Mitbringsel aus Asien.

Gerade hat der 64jährige sein tägliches Sportpensum auf einem Desktop-Laufband absolviert. Es erlaubt ihm, Schreibtischarbeit und Laufen zu verbinden. Im Winter, wenn er die 16 Kilometer von seinem Zuhause in die Klinik nicht mit dem Fahrrad fährt, stehen Indoor-Übungen an. Sport, Meditation, Yoga – in Kombination mit guter Ernährung. Die Eckpfeiler seines Lebens. Die Bestandteile seiner ganzheitlichen Medizin. Er missioniert mit dieser Lebensweise nicht. Sie ist einfach seine Passion.

Andrea Thoma: Herr Prof. Dobos, was bedeutet Integrative Medizin?

 Prof. Gustav Dobos: Der Begriff definiert letztendlich, dass der Dualismus – auf der einen Seite die Schulmedizin, auf der anderen Seite die Naturheilkunde – in unserem Klinik-Alltag weitgehend aufgehoben ist. Was zählt, ist die nachgewiesene Wirksamkeit und die Sicherheit der Behandlung für den Patienten. Die standardisierten Abläufe einer Klinik erlauben es meistens nicht, den Menschen in seiner Ganzheitlichkeit zu erkennen und zu verstehen. Die Spezialisierung der Ärzte tut ein Übriges. Mit dem ganzheitlichen Blick auf einen Kranken ist oft schon der erste Schritt zu einer Veränderung gemacht.

Zu Beginn Ihrer Karriere haben Sie sich mit nephrologisch-immunologischen Themen in der Schulmedizin beschäftigt. Gab es ein auslösendes Erlebnis, sich komplett der Naturheilkunde zuzuwenden?

Eigentlich wäre ich ursprünglich am liebsten ein handwerklich arbeitender Künstler geworden. Noch heute mache ich in meiner Freizeit gerne filigrane Goldschmiedearbeiten und verschenke sie an Familie und Freunde. Dass ich letztendlich mit der Naturheilkunde reüssierte, daran ist meine Frau entscheidend beteiligt. Sie hat Anfang der Achtziger Jahre in Freiburg Sinologie studiert und mich zu einem Auslandssemester nach China einfach `mitgeschleppt´. Conditio für ein Visum war damals eine Ausbildung in Traditioneller Chinesischer Medizin (TCM) vor Ort.

Am Anfang war ich sehr skeptisch. Das Krankheit in Asien als Disbalance von Körper und Seele angesehen wird, dieser Gedanke war mir, in meiner erlernten Organfixiertheit, völlig fremd. Dann aber habe ich wahrgenommen, dass die Methoden der chinesischen Kollegen häufig zum Erfolg führten. Auch die Haptik dieser Medizin faszinierte mich. Der Arzt nahm sich Zeit für die Anamnese, er fasste die Patienten an, fühlte die Pulse und betrachtete die Energie-Linien auf ihrem Körper.

So entstand eine ganzheitliche Diagnose, die das Lebensumfeld des Kranken mit einbezog, und die dem ganzheitlichen Weltbild der Chinesen insgesamt entsprach. Zurück in Freiburg erweiterte ich nach Abschluss meines Studiums meine internistische Fachausbildung auf Ernährungsmedizin und Naturheilkunde.

Spiegelt denn die Naturheilkunde Ihr heutiges Weltbild wieder?

 Ja, denn der Anwendung von Naturheilverfahren liegt tatsächlich ein anderes Welt- und Medizinverständnis zugrunde, nämlich ein ganzheitliches. Das ist übrigens die Basis der gesamten asiatischen Medizin, ob TCM oder indische Medizin.

Eine zentrale Rolle spielt dabei immer auch ein nicht-stofflicher Faktor, ein dynamisches, fließendes Element. Eine Energie, die alles mit allem verbindet, die sich wissenschaftlich – noch – nicht nachweisen lässt, aber an Gesundungsprozessen ganz sicher beteiligt ist. Die Chinesen nennen sie Chi, die Inder Prana. Aristoteles sprach vom`Geist´ und meinte damit nichts anderes.

Auch im alten Europa wurde jahrhundertelang ganzheitlich diagnostiziert und behandelt, unter Einbeziehung dieser geistigen Energien. Die Aufklärung schob solche Phänomene dann in Richtung Mystik, Kirche und Glauben und überließ den physikalischen Körper dem Seziermesser der Wissenschaft.

Ein Seziermesser gibt es in Ihrer Klinik nicht, auch keinen Operationssaal. Wie sieht Ihr Behandlungsspektrum aus?

 Unsere Schwerpunkte sind chronisch internistische Erkrankungen, wie beispielsweise Rheuma und Herz-Kreislauferkrankungen, einschließlich des Bluthochdrucks und der koronaren Herzkrankheiten. Zu uns kommen vor allem viele Patienten mit chronischen Darmerkrankungen, Schmerzpatienten und auch Krebspatienten, die wir mit integrativer Onkologie, also in enger Zusammenarbeit mit den Krebsspezialisten der konventionellen Abteilungen unseres Gesamt-Klinikums, behandeln und begleiten.

Gibt es für Sie Ausschlusskriterien für naturheilkundliche Behandlungen? Wo lassen Sie die Finger weg?

Bei Therapien, die eine Gefahr für den Patienten bedeuten könnten und die keine nachgewiesene Wirkung haben. Das ist mein Credo und damit auch mein klar definiertes Auswahlkriterium. Zu unseren Therapien gehören zum Beispiel: Kneipp´sche Therapien, wie die Hydro- und Ordnungstherapie, Entspannungsmethoden wie Yoga und Meditation, Akupunktur, Schröpfen, Neuraltherapie und Elemente der chinesischen und indischen Medizin – falls notwendig auch in Kombination mit konventionellen Therapien.

Sie betonen diese Notwendigkeit eines wissenschaftlichen Nachweises für naturheilkundliche Verfahren immer wieder. Geht es Ihnen darum, der evidenzbasierten Schulmedizin ein wissenschaftliches Gegengewicht anbieten zu können?

 Die Komplementärmedizin hat doch schon längst das Reich der Kräuterweiblein und der Magie und Mystik verlassen. In den amerikanischen Gesundheitsforschungsinstituten (NIH) wird ihre Wirkung in vielen Studien seit 1992 systematisch erforscht und mit über 120 Millionen Dollar pro Jahr staatlich unterstützt.

Im Forschungszentrum unserer Klinik wurden bis heute über Hundert unterschiedliche Überprüfungsverfahren gemacht. Es gibt mehr als fünfzig abgeschlossene Doktorarbeiten und drei Habilitationen zu unseren Therapien. Mehrere Hundert Ärzte haben wir in Integrativer Medizin in Weiterbildungsseminaren ausgebildet.

Geforscht haben wir zum Beispiel zur Blutegeltherapie. In Kombination mit Akupunktur, Yoga und Bewegung ist sie für Arthrose-Patienten hervorragend geeignet. Meistens können Schmerzmittel dann reduziert oder sogar abgesetzt werden und vorher geplante Operationen sind nach dieser Therapie oftmals komplett überflüssig. Eine Studie bei Frauen mit Brustkrebs hat die Wirksamkeit von Meditation belegt. Die Frauen waren weniger ängstlich, weniger depressiv und sie konnten besser schlafen. – In der Forschung liegt für mich die Chance, dass der Nutzen naturheilkundlicher Therapien wissenschaftlich ausreichend belegt wird und sie bald zur Standardbehandlung auch an konventionellen Kliniken gehören. Aber solange ein Arzt, der Naturheilkunde anwendet, gesetzlich verpflichtet ist, seine Patienten über alle anderen schulmedizinischen Therapien zur Behandlung ihrer Krankheiten aufzuklären – völlig unabhängig von der nachweisbaren Wirksamkeit – dies aber nicht im umgekehrten Fall bei einem Schulmediziner gilt – selbst für nachweisbar wirksame naturheilkundliche Therapien – solange haben wir unser Ziel noch nicht erreicht.

Zu Ihrer Therapie-Palette gehört auch die so genannte MindBody (Geist/Körper)Medizin. Was meint der Begriff?

 Vereinfacht gesagt, ist die MindBody Medizin eine Therapie für eine `dickere Haut´. Die Basis dieser Medizin, die Ordnungstherapie, gehört zu den fünf klassischen naturheilkundlichen Verfahren. Bereits Hippokrates, der Vater der Medizin, hat vor mehr als 2000 Jahren dafür Empfehlungen gegeben. Sebastian Kneipp hat sie dann zu einer seiner Gesundheitssäulen gemacht.

Definitionsgemäß nutzt sie gezielt die Interaktion zwischen Gehirn und Körper und führt damit zu einer Steigerung der Selbstheilungskräfte. In der Praxis geht es darum, das eigene Innen- und Außenleben zu erforschen, zu ordnen und zu stabilisieren. Das erlernen die Patienten bei uns mit Gesprächen, Verhaltenstherapie, Körper- und Entspannungsübungen und Meditation. Und so haben wir vor allem bei Schmerzpatienten mit diesem Medizin-Modell große Erfolge nachzuweisen. Unser Vorbild ist die amerikanische MindBody Medicine, wie sie in Harvard und am Sloan Kettering Hospital in New York praktiziert wird. Auch sie basiert auf dem Erlernen eines geordneten Lebenswandels und wird in einer neuen Konzeption mit strukturiertem Gesundheitstraining kombiniert.

Beinhaltet die MindBody Medizin somit primär eine kognitive Umstrukturierung des Patienten?

 Natürlich gehen alle Veränderungen und Umstrukturierungen über Prozesse im Gehirn. Neurowissenschaftliche Untersuchungen gehen davon aus, dass das Gehirn ständig die inneren Bewegungen im Körper bewertet und auch versucht, sie immer wieder neu zu ordnen. Man nennt das auch `Homöodynamik´, also das Streben nach einem inneren Gleichgewicht, nach der Balance.

Ganzheitliche Therapien ticken diese emotionalen Zentren im Gehirn direkt an. An einem einfachen Beispiel erklärt: Es macht keinen Sinn, bei einem Patienten Schlafstörungen zu behandeln, ohne eine ungünstige Gliederung seines Tagesablaufs und psychosoziale Stressoren zu hinterfragen. Schon im Gespräch wird eine Umstrukturierung anzustoßen, die nachhaltige Veränderungen, wie zum Beispiel zukünftig vorbeugende Maßnahmen zu ergreifen, ermöglichen.

Also Salutogenese statt Pathogenese?

 Etwas von beidem. Salutogenese meint die persönliche Suche nach den einfachen Quellen für Gesundheit. Und solange das nicht die Basis unseres individuellen Lebens ist, brauchen wir die Pathogenese, also die Frage nach der Ursache von Krankheit. Den Begriff `Salutogenese´ hat übrigens der israelische Medizinsoziologe Aaron Antonovsky geprägt.

Bei KZ-Häftlingen hat er den Umgang mit Traumatas untersucht. Die Kraft der Gedanken, Imagination, Haltung und das innere Bewusstsein waren entscheidende Aspekte zum Überleben in solchen Ausnahmesituationen. Diese Kraft der Gedanken spiegelt sich in unseren Therapien wieder. Das Ziel ist immer, die Patienten für eine bewusstere und gesündere Lebensweise in Eigenverantwortung zu sensibilisieren.

Praktizieren Sie hier in Essen das Klinik-Modell der Zukunft?

 Fast 80 Prozent des Gesundheitsbudgets wird in Deutschland nur für die Behandlung chronischer Erkrankungen aufgewendet. Der rasche Anstieg der älteren Bevölkerung wird diese Entwicklung noch drastisch verschärfen. Unsere Medizin wird schlicht unbezahlbar. Hier haben die Salutogenese als Präventivkonzept, Ordnungstherapie und Naturheilkunde einiges anzubieten. Auch übrigens das Potential, den demografischen Wandel bezahlbar zu machen.

Sie vergleichen die ganzheitliche Medizin gerne mit dem Nachhaltigkeitsprinzip von erneuerbaren Energien, Umweltbewusstsein oder regionaler Ernährung.

Nachhaltige Medizin geht einher mit einem bewussten, nachhaltigen und ressourcenorientierten Lebensstil. Das bedeutet: Annahme von Eigenverantwortung für das individuelle Wohlbefinden, aktive Mit-Gestaltung einer  gesunden  Umwelt, Akzeptanz des Rechtes auf Unversehrtheit für alle Lebewesen – also auch humane Behandlung von Tieren, Ablehnung von kurzfristigen Erfolgen ohne stabilen Unterbau – ganz gleich, ob im Beruf oder für die eigene Gesundheit, Wertschätzung der  überlieferten Erfahrungen unserer Vorfahren – ohne dabei sinnvolle wissenschaftliche Fortschritte zu negieren.

Politik und große Teile der Gesellschaft haben das Prinzip der Nachhaltigkeit noch immer nicht verinnerlicht. Wenn wir aber diese achtsame Haltung in unserem Alltag einnehmen, dann entsteht Salutogenese.

Prof. Gustav Dobos ist Leiter der Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin an den evangelischen Kliniken Essen-Mitte, Stiftungsprofessor für Naturheilkunde an der Universität Duisburg- Essen und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Naturheilkunde.

Mit seiner Modell-Klinik  im Evang. Krankenhaus Essen-Steele der Kliniken Essen-Mitte ist er seit 20 Jahren Vorreiter für die so genannte Integrative Medizin (Kombination von Schulmedizin und Naturheilkunde) und MindBody Medizin (Ordnungstherapie). Der Internist mit dem Schwerpunkt Nephrologie und Arzt für Intensivmedizin, arbeitete zunächst an der Universitätsklinik Freiburg, wurde 1997 Chefarzt einer naturheilkundlichen Modell-Klinik in Sachsen und zwei Jahre später

Chefarzt an den Kliniken Essen-Mitte, Abteilung für Naturheilkunde und Integrative Medizin. Eine Modelleinrichtung des Landes Nordrhein-Westfalen. 2004 wurde er auf einen Stiftungslehrstuhl für Naturheilkunde, gefördert von der Krupp-Stiftung, an der Universität Essen-Duisburg berufen.

Dobos   ist   Autor   zahlreicher   Bücher,   wie:   „Chronische   Krankheiten   natürlich behandeln“, „Gemeinsam gegen den Krebs – Naturheilkunde und Onkologie“, „Endlich schmerzfrei und wieder gut leben“ und des Spiegelbestsellers „Das gestresste Herz“

Prof. Dobos ist Vater von zwei Töchtern und lebt mit seiner Familie in Essen.

Die Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin in Essen erreichen Sie unter: 0201-174 25008 und im Internet unter: www.kem-med.com.

© Fotos Prof. Dobosch: privat und Klinikum Essen Mitte

Andrea Thoma trifft: Dr.Wolfgang Schröder „Krebs kann man riechen!“

Dr. Wolfgang Schröder und ist mit Hilfe von Hundenasen „Krebs-Duftmarkern“ auf die Spur gekommen

Mithilfe der Retriever-Hündin Paula vom „TEAMCANIN“ aus dem Schwarzwald konnte der Chemiker Dr. Wolfgang Schröder seine Vorschläge für eine neue Geruchsklasse, die für Krebsgewebe charakteristisch zu sein scheint, bestätigen. Obwohl es schon länger bekannt ist, dass Hunde beim Menschen unterschiedlichste Tumorarten früh und extrem sicher erschnüffeln können („Sniffer Dogs“), sucht die Forschung seit mehr als einem Jahrzehnt nach einem Nachweis für den Geruch von Krebsgewebe, um damit neue Wege in der Diagnostik der Krankheit gehen zu können. Andrea Thoma hat mit dem Chemiker aus dem Norden, der inzwischen pensioniert ist, im Rahmen einer Fernsehsendung beim Südwestfunk gesprochen.

Der Hamburger Chemiker Dr. rer nat. Wolfgang Schröder ist den für Hunde riechbaren Duftmarkern von Krebszellen offenbar auf die Spur gekommen. Zwar lassen sich diese Stoffe immer noch nicht durch ein chemisch-analytischen Labor nachweisen, die chemischen Abläufe in Krebsgewebe lassen aber die Bildung einer ganz bestimmten und geruchsintensiven Stoffklasse wahrscheinlich erscheinen.

Zunächst hat er diese im Labor synthetisch hergestellt. Die Mischungen schickte er in Diffusionsröhrchen zu einem Tiertrainer-Team in den Schwarzwald. Da er sich mit den Sniffer-Dogs schon lange befasst hatte, wusste er um ihre Fähigkeiten bei Geruchsstoffen. Die Tiere erschnüffelten und übten zunächst mit den synthetischen Stoffen. Nach einigen Monaten Training bekamen sie schließlich von Dr. Schröder menschliche Gewebeproben zum Schnüffeln. Diese entstammten z.T. Menschen, die keine Krebserkrankung erlitten hatten und parallel dazu enthielt das Testszenarium auch Krebsgewebeproben. Über den voneinander streng isoliert gelagerten Probengefäßen wurden über Nacht im überstehenden Gasraum neutral riechende Wattekissen positioniert, die im Laufe der Zeit Gerüche der Probe aufnahmen und die tags drauf von den Hunden in einem Geruchspanel beschnüffelt werden konnten. Auf Anhieb erschnüffelten die Hunde unter 6 Proben die eine Krebsprobe, die nach einem Zufallsverfahren an wechselnden Positionen in der Reihe aufgestellt waren und das auch nach mehrfachen Wiederholungen, inklusive eines Doppel-Blind-Versuchs.

Diese Versuche sind ein erster und deutlicher Hinweis, dass diese Substanzklasse, sog. flüchtige „Nitrosothiole“, der geruchsaktive Anteil in Krebsausgasungen sein könnte.

In Deutschland wird es nun aber keine Hundestaffeln in Krankenhäusern geben. Dr. Schröder und die wissenschaftliche Community forschen nun mit Hochdruck nach einem elektronischen Gerät für Atemtests. Damit könnte man, ähnlich wie beim Alkoholtest, anhand einer Atemprobe einen Tumor diagnostizieren. Bislang hat sich jedoch herausgestellt, dass selbst die modernsten, nachweisstärksten Messgeräte bezüglich dieser Stoffklasse immer noch um das Hundertfache weniger leistungsstark sind, als die Nase eines Spürhundes und wohl wenig Hoffnung besteht, dies auch in den nächsten Jahren zu ändern.

Viele Jahre forschte der Wissenschaftler daran, den für Hunde riechbaren Krebs-Duftmarkern auf die Spur zu kommen. Mit Unterstützung der Uni-Klinik Kiel analysierte er hunderte von Atem-Proben von Patienten, dies allerdings mit keinen verwendbaren Ergebnissen in Sachen Krebsgeruch. Aufgrund dieser Situation blieb ihm nichts anderes übrig, als sich den bislang bekannten Chemismus in Krebsgewebe einmal genau anzugucken. Krebs hat sehr früh, mangels Nahrung, ein Problem weiter zu wachsen.

Sein Trick ist, Stoffe auszustoßen, die Adern in seine Richtung ausspriessen lassen. Diese Stoffe sind bekannt, aber sie riechen kaum. Dem Chemiker war aber klar, dass nicht nur hochmolekulare Vertreter gebildet werden müssten, sondern auch kleiner, flüchtige und stark riechende Anteile dabei sein sollten. Deren Wirksamkeit zeigte sich unmittelbar nach der ersten Synthese, die trotz effektiver Lüftung in einem Hochleistungsabzug das Durchblutungssystem des Chemikers nachhaltig beeinflusste: („Ich bekam einen hochroten Kopf bei den Tests und bin sofort zum Internisten gerannt“, so Dr. Schröder.). Aufgrund seiner Kenntnisse aus der Hunde-Forschung mit so genannten trainierten „Sniffer-Dogs“ (Schnüffel-Hunden), wusste er, dass nur Hunde, mit ihren 250 Millionen Riechzellen, die zudem noch 40mal größer sind als beim Menschen, und ihrer extrem großflächigen Nasenschleimhaut, diese Gerüche wahrnehmen konnten.

Er verschickte zunächst an das Hundetrainingscenter TEAMCANIN, die sich auf Nasenarbeit mit Hunden spezialisiert haben, Röhrchen mit synthetischen Gerüchen und welchen, die absolut identisch nur ohne diesen spezifischen Geruch waren. Damit wurden die Hunde täglich über Monate trainiert und hatten bald eine Trefferquote von 100 Prozent. Dann schickte Dr. Schröder gekühlte transportierte menschliche Gewebeproben zu Tiertrainerin Nicole Klee.

Schon bei dem ersten Versuch war die Reaktion der Retriever-Hündin Paula in dem oben beschriebenen Testszenarium eindeutig: Es wurde stets der Geruch des Krebsgewebes unter den anderen Gerüchen herausgefunden.

Auch ein so genannter Doppel-Blind-Versuch wurde durchgeführt. Inzwischen ist das Verfahren von Dr. Schröder mehrfach von ihm und seinem Team zum wissenschaftlichen Nachweis reproduziert worden, ebenso die Doppel-Blind-Versuche. Die Trefferquote der Hunde blieb konstant bei 100 Prozent.

Sniffer-Dogs sind in Deutschland aus ethischen Gründen nicht in Krankenhäusern oder Arztpraxen zugelassen. Ganz anders in Österreich, hier ist das erlaubt und wird auch praktiziert. Auch einige Internetplattformen bieten dort Atem-Tests an, um Krebs bei Menschen zu erkennen. Preis pro Test: 95 €. Diese Verfahren mit Hunden und die Angebote via Internet lehnt Dr. Schröder konsequent ab, da sich Hunde im klinischen Alltag langfristig als völlig unzuverlässig erwiesen haben.

Das Ziel des Wissenschaftlers: Mit Hilfe der Wissenschafts-Community das Thema weiter voranzutreiben, in der Hoffnung irgendwann tatsächlich ein elektronisches Messgerät in den Händen zu halten, das so gut funktioniert wie die Hundenasen.

Andrea Thoma: Herr Dr. Schröder, Sie haben mit Ihren Ideen eine neue Substanzklasse als geruchsaktiven Anteil in Krebs vorgeschlagen . Was genau haben Sie entdeckt?

 Wolfgang Schröder: Ich habe als wissenschaftliche Neuerung geruchsaktive Substanzen in Krebs benannt, die aufgrund ihrer extremen Geruchsintensität auch in ultra-Spuren Geruch erzeugen, die aber durch ihre chemische Instabilität bislang nicht nachgewiesen werden konnten – direkt aus Krebs auch durch mich nicht. Nur Hundenasen sind bislang dazu in der Lage. Dies mag der längst überfällige Impuls für die Krebsdiagnostik sein. Über Hundenasen gelang es mir die Ähnlichkeit zwischen Krebsgeruch und Synthese mit äußerster Treffgenauigkeit zu beweisen. Wie diese Stoffe mit technischen Mittel nachzuweisen sind, steht noch in den Sternen.

Das heißt, die Hunde haben einen Tumor erschnüffelt und angezeigt? Riechen denn Krebszellen anders als gesunde Zellen?

Ja, die Retriever Hündin Paula hat alle Proben ausnahmslos korrekt erschnüffelt. Und, ja, Krebszellen riechen scheinbar anders als gesundes Gewebe, wenn sich auch dieser Unterschied in nur für Hunde riechbaren Bereichen abzuspielen scheint.

Das heißt also mit einem geeigneten Messgerät könnte man anhand der von Ihnen vorgeschlagenen Stoffe Krebsdiagnostik durchführen. Wie war denn die erste Reaktion in der Fachwelt?

 Es war natürlich wie ein Donnerschlag, als die positive Nachricht vom TEAMCANIN ankam und wir haben erstmal die Sektkorken knallen lassen! Auf Kongressen, an denen ich teilnahm und in Richtung der Publikation schlug mir große Skepsis, aber auch helle Begeisterung entgegen. Einige der „schlausten Köpfe“ der Atemluft- und Sensorforschung haben mir 100% Recht gegeben und meine Ideen freudig aufgegriffen. Nur der Enthusiasmus wich über die Zeit einer gewissen Ernüchterung. Was nutzen einem wohl nachweislich aktive Signalstoffe, wenn der Mensch die Signale nicht wahrnehmen kann?

 Bitte erzählen Sie uns, was genau ist passiert? Wie sind Sie auf diese neue wissenschaftliche Erkenntnis gestoßen?

 Ich bin ein Kind der Insektenlockstoff-Forschung. Meine Doktorarbeit habe ich über die Urwald-Bienen und ihre Geruchskommunikation geschrieben. Das Thema Lockstoffe ist mein Faible als Wissenschaftler und wohl auch als Querdenker, wie man mich bezeichnen könnte. So habe ich auch seit vielen Jahren, seit ich 2003, die ersten Hundeschnüffel-Ergebnisse bei Krebs von englischen Kollegen gelesen habe – und das ist mehr als 10 Jahre her – eine Menge über die Atem-Forschung gelesen und geforscht. Auch darüber, wie Hunde über den Atem Krankheiten beim Menschen anzeigen. Ich machte Atemtests mit hunderten von Versuchspersonen, die mir die Universität Kiel zur Verfügung stellte.

Dann begann ich mit den ersten Tests in meinem Labor. Und nach vielen Jahren des Experimentierens habe ich mich dann zwei Substanzklassen gewidmet, die in Krebs bekannt sind, von denen aber niemand geglaubt hatte, dass daraus fast wie von selbst extrem stark riechende Volatile entstehen würden. Der Umgang mit solchen hochreaktiven Stoffen will gelernt sein. Insbesondere synthetische Proben, die genauso wie Krebsgewebe im ultra-Spurenbereich Gerüche abgeben, gelang erst nach einigen Versuchen in Form extrem gut gekapselter Behälter, sog. Diffusionsröhrchen, herzustellen.

 Wie fanden Sie dann die richtigen Hunde?

 Meine Lebensgefährtin brachte mir eines Tages ein Tiermagazin mit und darin war die Geschichte des TEAMCANIN aus dem Schwarzwald, das sich auf Nasenarbeit mit Hunden spezialisiert hatte. Mein Anruf bei Uwe Friedrich, dem Leiter von TEAMCANIN hat ihn förmlich zu Begeisterungsstürmen veranlasst und in Nicole mit Paula der Hündin war dann auch Plan des Szenariums für die Versuche bestens angelegt.

 Und dann ließen Sie die Hunde an der stinkenden Substanz einfach nur schnüffeln und das war´s?

 Keineswegs! Erstmal musste eine Schnüffelpanel gebaut werden und die ganzen Abläufe bei den Tests mussten optimiert werden. Hier konnte ich mich aber absolut auf die Expertise von TEAMCANIN verlassen. Eine Klippe war noch, als die Hündin plötzlich überhaupt nicht mehr wusste, wo welche Probe mit den Testsubstanzen versteckt war. Die Trainerin hatte alle Röhrchen, mit Aktivstoffen und neutrale in einer Box aufbewahrt. So fingen die „Null“-Röhrchen durch Übertragung der Stoffe genauso an zu stinken. Allerdings nach einem kurzen Wegpusten mit einem Haarföhn und anschließend separater Lagerung war dieses Problem, wie so manch anderes, letztendlich beseitigt. Die Hundetrainerin Nicole hat dabei wirklich großartigen Einsatz gezeigt und monatelang Nachmittage für die Wissenschaft geopfert. Ihr gebührt mein ausdrücklicher Dank!

Was ist denn nun Ihr nächstes Ziel?

Mein persönliches Ziel habe ich erreicht: Es gelang mir eine völlig neue Art von offenbar biologisch aktivem Geruch vorzuschlagen und dessen Wirksamkeit zu beweisen. Dass es sich diesmal nicht um einen Insektenlockstoff, sondern um den Geruch von Krebs handelt, macht die Angelegenheit natürlich doppelt gut! Für den Bau geeigneter Sensoren fehlt mir die Expertise und auch die Infrastruktur. Ich hoffe neue Impulse gegeben zu haben, ich hoffe, dass in irgendeinem technischen Labor der Funken für ein geniales neues Gerät überspringt. Mehr kann ich nicht machen.

Wann wird es ein solches Gerät geben?

 Es geht um eine Leistungssteigerung in der Sensortechnik von Faktor hundert und vielleicht sogar noch mehr. Das kann Jahrzehnte dauern! Unter dem Aspekt ist auch eine Patentanmeldung, wie ich sie einige Jahre vorgehabt habe, nicht angesagt. Außerdem möchte ich so wenige Barrieren wir möglich aufbauen – immerhin geht es um schwer kranke Menschen!

In Österreich sind Krebsschnüffel-Hunde offiziell in Krankenhäusern und Kliniken zugelassen. Es gibt sogar Internet-Plattformen, die solche Atemtests anbieten und für 95 € verkaufen. Wird man nun demnächst auch bei uns in Deutschland in Kliniken auf Hunde treffen, die bei Patienten nach Krebs schnüffeln?

Nein, ganz sicher nicht. In Deutschland wird die Einbeziehung von Hunden für solche Analysen nicht zugelassen, schon aus ethischen Gründen. Das finde ich auch völlig in Ordnung. Die Entwicklungen, die es zum Teil in Österreich gibt, wo auch Krebs-Hunde-Staffeln offiziell erlaubt sind, finde ich zum Teil bedenklich. Vor allem Tests via Internet. Vielleicht gelingt es einen Krebssensor zu bauen der die Hundenasen seriös ersetzt. Ich habe sozusagen die Software dazu entwickelt, die Hardware muss nun nachziehen.

Sie nennen sich selbst einen Labor-Exoten, den Hofnarr der Technischen Universität. Waren genau diese Hofnarr-Eigenschaften und Möglichkeiten der Schlüssel zu Ihren erfolgreichen Forschungen?

Wissen Sie, schon als ich den Geruch der Urwald-Biene in meiner Doktorarbeit erforscht habe, war ich wie ein Suchhund unterwegs. Das setzte sich dann in meiner wissenschaftlichen Laufbahn weiter fort. Ich startete in meinen Beruf direkt an der TUHH mit einer skurrilen Betätigung: Ich bin mit einem Kampfstoßspürgeräte-Fahrzeug der Bundeswehr durch Hamburg gefahren und habe nach Verunreinigungen in der Stadt gesucht. Das habe ich 10 Jahre lang gemacht. Eine aufregende Zeit, mit Umweltbehörde, Feuerwehr, Polizei, dem Zoll und sogar einem Notruf für Bürgeranfragen. Dann kam die Chance als Ober-Ingenieur bei der Technischen Hochschule weiter zu machen und das war wieder Schnüffel-Arbeit. Ich bezeichne mich gerne als Hofnarr der Uni, denn ich kann mich als Wissenschaftler dort völlig frei entfalten, koche mein eigenes Süppchen. So hatte ich die Zeit, kreativ zu forschen und die Ergebnisse wie in einem Puzzle zusammen zu setzen. Und ich bin in eine gut funktionierende wissenschaftliche Community eingebunden, das motiviert und trägt, auch wenn man manchmal im Labor verzweifelt ist, wenn die Tests mal wieder nicht funktionieren. Die Community und meine lieben Profs., wie Prof. Trinks der Eisforscher und Prof. Matz meinem stets zu begeisternden Messtechnik-Sparringspartner, waren immer wieder Motivator für mich.

Inzwischen sind Sie pensioniert? Was treibt Sie heute an?

 Sie haben mich mit Ihrem Interview aus dem Labor geholt. Die TU und der äußerst kooperative neue Institutsleiter Prof. Becker, hier ermöglichen es mir die Labor-Ressourcen weiter zu nutzen. Ich darf weiter „spielen“! Der Hofnarr lebt! Aus der Industrie bekomme ich Anregungen, was gebraucht werden könnte und natürlich finanzielle Unterstützung, denn ohne das geht es nun mal nicht – aber auch nicht ohne Intuition, Freiheit in der Forschung und ein bisschen Verrücktheit.

Dr. rer. nat. Wolfgang Schröder        

 Dr. Wolfgang Schröder ist Ende 2013 speziellen Duftstoffen von Krebszellen auf die Spur gekommen und hat damit einen neuen wissenschaftlichen Anstoß in der Krebs-Diagnostik gegeben.

Schröder ist Chemiker, stellvertretender Institutsleiter und Ober-Ingenieur der Technischen Universität, Abteilung Messtechnik, in Hamburg/Harburg (TUHH).

An der Krebsmarkerforschung durch Atemtests und Geruchsstoffe arbeitet er seit 10 Jahren, seit das britische Medizinjournal „The Lancet“ erste Testversuche mit Hunden und Krebstests im Jahr 2003 veröffentlicht hat.

Für seine Forschungen arbeitet er eng mit dem Schwarzwälder Hunde TEAMCANIN zusammen, dass sich auf so genannte Nasenarbeit mit Hunden spezialisiert hat. Hündin Paula, unter der kundigen Hand ihrer Trainerin Nicole aus dem Team, hat seine Forschungsergebnisse mit Krebsgewebe als erster Hund „erschnüffelt“.

Text: Mag. Andrea Thoma, girm Redaktionsleitung

Foto: privat

 

 

 

 

 

 

Andrea Thoma trifft: Schwimmlegende Dr. Michael Groß

Dr. Michael Groß im Interview mit Andrea Thoma

Im Profil …Dr. Michael Groß

 Er war DER deutsche Rekord-Schwimmer der 80er Jahre: Michael Groß. Genannt „Albatros“. Heute ist er selbstständiger Unternehmensberater in Frankfurt, Buchautor und Dozent an einer privaten Wirtschaftsuniversität. Begonnen hat seine legendäre Karriere mit 16 Jahren. Der Hausarzt hat seiner Mutter empfohlen, den Sohn wegen seines schnellen Wachstums zum Schwimmen zu schicken. Bald war Michael Groß 2,01 Meter lang und hatte eine Armspannweite von 2,13 Metern. Er machte als Schwimmer eine sensationelle Karriere: 21 Titelgewinne bei Olympischen Spielen, Welt-und Europameisterschaften. Davon drei Goldmedaillen, fünf Weltmeisterschaften, 13 Europameisterschaften, 12 Weltrekorde und 24 Europarekorde. Andrea Thoma traf den Weltrekordler zum Gespräch:

Andrea Thoma: Lieber Michael Groß, auf Ihrer Webseite steht ein wunderbarer Lebensspruch: `Nicht weil etwas schwer ist, wagen wir es nicht. Weil wir es nicht wagen, wird es schwer´. – Haben Sie alles gewagt im Leben?

 Michael Groß: Nein, ganz sicher nicht. Ich wollte zum Beispiel unbedingt einmal längere Zeit im Ausland leben, um andere Kulturen besser kennenzulernen. Ich wollte nach Amerika oder Australien. Als Student konnte ich das nicht machen, weil ich damals schon eigenes Geld durch den Sport verdient habe, und eine Scholarship (Stipendium) in den USA gab es leider nur für `mittellose´ Studenten. Und danach ging es weiter mit Universität, Wehrdienst, Familie und Firmengründung. Irgendwie hat es nie gepasst. Ich bin nun mal in Frankfurt verankert.

 Wenn man 21 Titelgewinne im Schwimmen nach Hause geholt hat, die ganze Welt den `Albatros´ kennt, zieht es Sie dann heute noch ins Schwimmbad?

 Dieses Jahr war ich überhaupt noch nicht schwimmen. Ich mache mit meiner Familie inzwischen einfach andere Sportarten, wie Wakeboarden, Snowboarden, Fahrradfahren. Außerdem habe ich einen Bootsführerschien. Die Prioritäten haben sich einfach im Laufe der Zeit verlagert.

 Was ist geblieben von der Weltkarriere in den 80er Jahren?

 Ich habe einfach eine ganz andere berufliche Laufbahn eingeschlagen. Mit dem damaligen Leben hat mein heutiges fast nichts mehr zu tun. Natürlich falle ich schon durch meine Größe immer noch auf. Aber die Jüngeren wissen mit dem `Albatros´ fast nichts mehr anzufangen.

 Eigentlich haben Sie Ihre Karriere ja Ihrem Hausarzt zu verdanken, der Ihrer Mutter riet, Sie zum Schwimmen zu schicken, weil Sie so schnell gewachsen sind….

 Ja, das hat der Arzt meiner Mutter sogar dringend angeraten. Denn die Muskeln sollten sich mit entwickeln und das geht im Wasser am besten. So wurde aus einem medizinischen Ratschlag eine Sportler-Karriere.

 Was ist die größte Kunst beim Schwimmen?

 Kraft und Technik in das Wasser zu bringen – das ist die Herausforderung für jeden Schwimmer.

 Sie sind 2,01 Meter lang. Diese Größe hat Ihnen den Zugang ins Cockpit verbaut, denn Sie wollten Pilot werden…

 MG: Ich bin kläglich an sechs Zentimetern gescheitert. Die Lufthansa hat mich nicht genommen, denn ich hätte in kein Cockpit einer kleineren Maschine gepasst. Und natürlich besteht bei großen Menschen auch die Gefahr eines Blackouts im Extremfall. Bei starken Beschleunigungen werden die Extremitäten und das Gehirn nicht mehr gut durchblutet. Das kann sich ein Pilot nicht leisten.

 Lassen Sie sich Ihre Kleidung maßanfertigen?

 Ja, mein Onkel und mein Cousin haben sich mit ihrer Spezial-Schneiderei Wermter auf maßgeschneiderte Konfektion für große Menschen spezialisiert. Sie haben tolle Schnitte und sehr schöne Stoffe. Also fahre ich öfter mal nach Essen, nicht weit von der Villa Hügel ist ihr Schneider-Unternehmen, und kleide mich dort ein. Das mache ich schon seit Jahrzehnten…

 Ihre sensationelle Sportlerkarriere haben Sie mit 26 Jahren beendet. Wenn man zurückblickt, dann hat man das Gefühl, Schwimmen war Ihr Hobby. Sie haben sich nicht so vermarkten lassen wie viele andere Sportler. War das so gewollt?

 Sie sagen es ganz richtig: Schwimmen war mein Hobby. Die schönste Nebensache der Welt. Ich hatte auch nur sehr kleine private Zeitfenster, also habe ich Vieles einfach abgelehnt. Heute ist der Sport Teil des Showbusiness. Ein großer PR-Aufmarsch. Da konnte man sich vor 20 oder 30 Jahren noch ganz gut raushalten.

 Nach Ihrer aktiven Zeit waren Sie auch als Funktionär im Vorstand des Deutschen Sportbundes. Sie sagen, Josef Neckermann, der erste und langjährige Vorstand, würde sich über die heutige Ausrichtung des Deutschen Sportbundes im Grabe herumdrehen. Warum?

 Weil dort seit vielen Jahren der Stillstand, die reine Verwaltung der Macht Einzug gehalten hat. Und das ist nicht mein Ding. Das war auch nicht Neckermanns´ Ding und schon gar nicht seine Vision von Sportförderung. Ich bin auch kein Machtmensch. Mir geht es um Inhalte. Dort wurden und werden Claims abgesteckt. Es gibt keine Visionen mehr, keine Agenda. Deshalb habe ich 2005, nach fünf Jahren im Vorstand, den Job auch niedergelegt.

 Nochmal zurück zu den Schwimmanfängen. Sie sind ja sozusagen auf Feindesland geschwommen. In Offenbach…

 Damals gab es rund um Frankfurt nur zwei gute Schwimmclubs, einer in Darmstadt und einer in Offenbach. Letzterer war einfach näher. Die S-Bahn hat an der Stadtgrenze von Offenbach gehalten und ich musste lange laufen, um das Schwimmbad zu erreichen. Die alte Fehde zwischen den beiden Städten ist eher belustigend, die habe ich nie ernst genommen. Darüber habe ich oft mit Petra Roth, der früheren Frankfurter Oberbürgermeisterin Witze gemacht.

 Sie haben inzwischen zwei Bücher geschrieben. Eines davon heißt: `Selbstcoaching´. Darin schreiben Sie, man solle für die Karriere ein Glückstagebuch führen. Wozu soll das gut sein?

 Um die Schlangenlinien im Leben aufzuzeichnen. Um die positiven Momente des Alltags später zu memorieren. Denn genau diese Kleinigkeiten gehen uns im Rückblick oft verloren. Aber sie sind Teil unseres Lebens und unseres Glücks. Diese Aufzeichnungen zeigen, wenn man sie später liest, die Schritte nach vorn, die zurück, und die zur Seite. Das ist im Rückblick oft sehr spannend.

 Und seine Erfolge solle man in einen so genannten Motivkompass eintragen…

 Das sind die Motive, die unser Leben wirklich bewegen. Kein festes Programm, aber das, was uns ausmacht. Manchmal, zum Beispiel bei wichtigen Entscheidungen, lohnt es sich, diese Motive mit einzubeziehen.

 Wie coachen Sie sich selbst? Woran denken Sie, wenn Sie morgens aufstehen?

 Ich führe auch ein solches Glückstagebuch und auch einen Motivkompass. Alles wird täglich und händisch eingetragen. Übrigens bin ich grundsätzlich ein sehr haptischer Mensch. Ich schreibe und strukturiere auch meine Bücher, Vorträge und auch wichtige Aufträge in meinem Unternehmen erst auf einem weißen Blatt Papier, dann erst übertrage ich sie in den Computer. Mein Selbst-Coaching besteht vor allem darin, dass ich meine Grenzen als Gestalter kenne und nach diesen mein Leben eingerichtet habe. Nicht statisch, aber in den wichtigen Eckpunkten. Ich gehe mit meinen Zweifeln, auch mit Trauer und Niederlagen, möglichst offen um. Am liebsten präsentiere ich meine Ansichten oder Pläne einem kleinen Kreis von engen Freunden. Das motiviert mich dann immer wieder neu.

Dr. Michael Groß ist am 17. Juni 1964 in Frankfurt geboren. Seine Schwimmkarriere begann er mit 16 Jahren, weil ein Arzt seiner Mutter anriet, ihn wegen seines schnellen Wachstums zum Schwimm-Unterricht anzumelden. Er belegte schon nach wenigen Monaten Training den zweiten Platz bei den Deutschen Meisterschaften in München über 100 Meter Schmetterling, im Jahr 1980. Groß trainierte von Anfang an beim Offenbacher Schwimmclub.

Schnell legte er in den 80er Jahren eine Weltkarriere hin. Er gewann insgesamt dreimal Gold bei Olympischen Spielen, wurde fünfmal Weltmeister, dreizehn Mal Europameister, er stellte 12 Weltrekorde und 24 Europarekorde auf. Seinen Spitznamen „Albatros“ erhielt der Schwimmer von den französischen Medien, aufgrund seiner Armspannweite von 2,13 Metern.

Groß machte parallel zur Schwimmkarriere sein Abitur, studierte Philologie und Medienwissenschaften, machte seinen Dr. phil. und schloss daran eine journalistische Ausbildung an.

Heute ist er Geschäftsführer der Frankfurter Kommunikationsagentur Groß & Cie GmbH und arbeitet als selbstständiger Berater, Hochschuldozent und Buchautor  („Siegen kann jeder“ und „Selbstcoaching“).

Mehr zu Michael Groß finden Sie hier: https://www.michael-gross.net/

Michael Groß, Autorin: Andrea Thoma, © Fotos: Michael Groß, privat und ATH Medien

Andrea Thoma trifft: Dr.Bianca Senf, Frankfurt – Hier bekommen Krebserkrankte Hilfe

Krebspatienten stürzen nach der Diagnose aus ihrer normalen Wirklichkeit. Akzeptanz und Neuorientierung sind jetzt gefragt, meint die Psychoonkologin

Dr. Bianca Senf.

Bianca Senf ist eine Kämpfernatur. Eine Charaktereigenschaft, die sie ihren Patienten manchmal auch für ihren persönlichen Heilungsweg vermittelt. Aber es geht ihr beim Thema `Krebs´ grundsätzlich nicht um den Kampf gegen die Krankheit, sondern um die Entscheidung für das Leben, „selbst wenn es im Einzelfall manchmal nur noch kurz ist“. Annahme, Ordnung, Sich-Neu-Erfinden – darüber spricht die Leiterin der Psychoonkologie am Universitären Zentrum für Tumor-Erkrankungen an der Universitätsklinik Frankfurt mit krebskranken Menschen. Direkt am Krankenbett, in ihrem Klinik-Therapieraum und häufig auch noch ambulant in ihrer Praxis.

Akut- und Nachsorge für die Seele, so könnte man vereinfacht den psychosozialen Baustein in der integrativen Tumortherapie bezeichnen. Eine Seelenpflege für Kranke, für deren Angehörige und oftmals auch für die eigenen Kollegen, die diese Arbeit auch heute noch, trotz validierter Instrumente für den Einsatz von Psychoonkologen in der Krebsheilkunde, gerne mal als „Psychokram“ abtun.

Wir treffen Dr. Senf, in Deutschland zu den „Vorkämpfern der 2. Psychoonkologen-Generation“ gehört, und sich vor allem für psychosoziale Untersützung bei Kindern im Umfeld einer Krebserkrankung einsetzt, in ihrer modern eingerichteten Altbau-Wohnung im Frankfurter Nordend.

Andrea Thoma: Ist ein Krebspatient im akuten Stadium nicht schon genug mit dem Tumor in seinem Körper belastet? Braucht er dabei auch noch, vereinfacht gesagt, einen Seelen-Doktor am Krankenbett?

Dr. Bianca Senf: Er braucht einen Menschen, der ihm zuhört und mit ihm das Gedankenkarusell ordnet, oder wie eine Patientin von mir gerne sagt, „ sortiert“. Das schaffen viele Angehörige nicht, da sie auch unter dem Schock der lebensbedrohenden Diagnose stehen und die behandenden Ärzte sind oft zeitlich überfordert. Außerdem bin der festen Überzeugung, dass Körper und Seele im Menschen eine Einheit bilden. Also ist es auch wichtig, nach der seelischen Verfassung eines Kranken zu fragen und nicht nur nach der somatischen, also der körperlichen. Damit will ich absolut nicht die umstrittene These der `Krebspersönlichkeit´ verstärken.

Es geht tatsächlich in der psychoonkologischen Betreung in einer Akutklinik nicht primär um die Frage, woher kommt der Krebs. Darüber reden wir in der Regel nicht sofort und schon garnicht am Krankenbett, es sei denn, den Betroffenen beschäftigt diese Frage und er möchte sie klären. Es geht im akuten Stadium tatsächlich zunächst erst mal um seelische Erste-Hilfe, um eine psychische Untersützung, zusätzlich zur körperlichen Behandlung. Wir Psychoonkologen sind einfach da. Wir hören zu, sortieren die Gefühle und die Anliegen, entwickeln einen Fahrplan und nehmen sowohl im übertragenen Sinn als auch manchmal direkt, den Patienten in den Arm.  

 Lassen sich denn darauf alle Patienten ein?

Nein, nicht alle. Aber immer mehr. Die Psychoonkologie wird Gott sei Dank immer bekannter. Und vor allem bin ich froh, dass auch immer mehr Männer unsere Therapieangebote wahrnehmen.

Sie sprechen davon, dass Mediziner, die für Operationen, Bestrahlungen und Chemotherapien in einer Krebsstation zuständig sind, sich nicht auch noch um das Seelenheil der Krebspatienten kümmern können. Ist das nicht ein Armutszeugnis für unsere Akutmedizin?

 Da hat unsere Medizin natürlich noch großen Nachholbedarf. Denn jeder, der Menschen `verarztet´, hat eigentlich seine Hausaufgaben nicht gemacht, wenn er nur auf die somatischen Krankheitssymptome eines Patienten schaut. In einem großen Klinikum ist aber leider eine tiefergehende psychologische Betreuung durch die behandelnden Ärzte schon aus Zeitgründen nicht möglich. Sie wird einfach von den Krankenkassen nicht bezahlt.

Das Manko, das Sie ansprechen, ist also systemimmanent. Nach meiner Meinung gehört unbedingt in jedes Behandlungsteam eines Klinikums oder Krankenhauses, insbesondere wenn es um Schwerstkranke geht, ein psychosozial ausgebildeter Therapeut, der den Schock und die Ängste der Patienten und ihrer nächsten Umgebung durch seine therapeutischen Befähigungen ein wenig abfedern hilft.

Sie haben mit Ihrem psychoonkologischen Team am Universitätsklinikum Frankfurt eine Spitzen-Position in Deutschland erreicht. Gab es ein Schlüsselerlebnis für Ihre heutige Profession und Haltung?

Ich habe zunächst in Koblenz den Beruf der Kinder-Krankenschwester erlernt. Dabei kam ich schnell mit dem Thema `Kinder und Krebs´ in Verbindung. Die Kinder haben uns Krankenschwestern und auch den Ärzten ganz einfache Fragen gestellt: Wie gehe ich mit Schmerzen um? Wie mit einer Glatze durch die Chemotherapie? Wie sage ich das meinen Spielgefährten? – Damit waren wir häufig völlig überfordert. Wir waren als `medizinische Handwerker´, nicht aber als Seelentröster ausgebildet.

Daran hat sich übrigens bis heute nur wenig verändert. Es fehlt bei der Ausbildung von Ärzten und auch beim Pflegepersonal nach wie vor an der Vermittlung kommunikativer Fertigkeiten. Auch die Bedeutung von Krankheiten für unser Erleben und unser Selbstverständnis, insbesondere Erkrankungen, die unsere Existenz bedrohen oder bedrohen können, wird, wenn überhaupt, zu wenig vermittelt und reflektiert. Die psychosozialen Aspekte von Erkrankungen und deren Auswirkungen auf das gesamte Familien- und Freundesystem haben eine nicht zu unterschätzende Bedeutung für das gesund werden. Sie finden in unserem modernen Medizinsystem aber kaum berücksichtigung. Dass die Psychoonkologie in die Curricula der Psychologie, der Medizin und der Sozialarbeit eingeht, dafür kämpfe ich schon seit Jahren. Es gibt, schon durch unsere Anwesenheit in Akutkliniken, ein kleines Licht am Ende des Tunnels.

Besonders schlimm empfand ich damals übrigens die Sprachlosigkeit in der Familie untereinander und in der Kommunikation mit den Ärzten. Es ging meist nur um technische Details der Behandlung. Der Rest – Trauer, Tränen, Ängste, Wut – wurde überhaupt nicht thematisiert. Dieses hilflose Szenari, das im Übrigen auch von den Behandlern beklagt wird, hat mich nicht mehr losgelassen und hat dazu geführt, dass ich mich verstärkt mit Familientherapien in der onkologischen Zusatzbehandlung beschäftigt habe.

Und wie stellt sich heute das Szenario in einer Krebsstation dar? Sie sagen ja selbst, es hat sich schon durch die zeitliche Enge im Klinkablauf, wenig verändert.

 Es fehlt nach wie vor an der psychosozialen Kompetenz in einer Akutklinik und es fehlt an Zeit. Zudem wird die Kompetenz des Mediziners nicht an seiner Empathiefähigkeit und gesprächskompetenz gemessen, sonder na seinem Faktenwissen. Ein großes Problem. Nicht nur für die Patienten, sondern auch für meine Kollegen. Denn wir Psychoonkologen betreuen nicht nur Patienten und ihre Familien, sondern beraten und untersützen häufig auch unsere Kollegen im Krankenhaus.

Hat sich den gesellschaftlich im Umgang mit der Krankheit Krebs etwas verändert?

Ich glaube, das Buch der damals sehr populären Schauspielerin und Sängerin Hildegard Knef, „Das Urteil“, in dem sie in den 70er Jahren völlig offen ihre Erfahrungen mit einer Brustkrebserkrankung thematisierte, war wegweisend, dass Krebs wieder ein Stück weiter enttabuisiert wurde. Das Buch löste international erste öffentliche Debatten über den persönlichen, klinischen und gesellschaftlichen Umgang mit der Krankheit aus. Aber auch heute noch sehen viele Betroffene diese Krankheit als ein Stigma an. Dazu haben auch die Diskussionen um die so genannte `Krebs-Persönlichkeit´ beigetragen, für die es bis zum heutigen Tag absolut keinen empirischen Nachweis gibt.

Der integrative Behandlungsansatz, in dem Ärzte, Pflegepersonal und Psychoonkologen eng zusammen arbeiten, hat ganz sicher die Sprachlosigkeit bei der Diagnose Krebs mit verändert. Er hat nachweislich eine stresspuffernde und Lebensqualität verbessernde Wirkung auf die Kranken. Inzwischen haben wir in Deutschland bereits 13, von der Deutschen Krebshilfe geförderte und zertifizierte onkologische Spitzenzentren. Voraussetzung dafür ist das Vorhalten einer psychoonkologischen Versorgung für Krebspatienten in der ambulanten und stationären Behandlungssituation.

Was impliziert der Begriff Psychoonkologie und wo liegen seine historischen Wurzeln in der Medizin?

 Der Begriff Psychoonkologie impliziert einen Überschneidungsbereich von klinischer Psychologie und Medizin, auch `Somatopsychologie´ genannt (Erstmals eingeführt im 19. Jahrhundert vom deutschen Psychiater Maximilian Jacobi). Dabei geht es um die psychosozialen Aspekte bei der Entstehung, dem Verlauf und der Behandlung von Krebs. Für die psychosozial orientierte Medizin war das 19. Jahrhundert tatsächlich prägend.

Es war die Zeit der bürgerlichen Revolution, der Verarmung großer Bevölkerungsgruppen und ernährungs- und psychosozial bedingter Erkankungen. Rudolf Virchow, der Begründer der modernen Pathologie, der Mitte des 19. Jahrhunderts als Arzt an der Berliner Charité arbeitete, war übrigens auch einer der ersten, der die psychosoziale Komponente bei Krankheiten thematisierte.

Wer darf als Psychoonkologe arbeiten?

Die Kollegen sind überwiegend Psychologen, Sozialarbeiter, Ärzte oder Heilpraktiker. Der Begriff ist leider noch nicht gesetzlich geschützt, so dass gerade ambulant arbeitende Psychoonkologen eine heterogene Gruppe bilden. Patienten und Angehörige sollten bewusst selektieren, denn gerade bei der Begleitung eines Schwerstkranken ist eine langjährige medizinische und psychotherapeutische Erfahrung Voraussetzung für eine erfolgversprechende Therapie. Ich finde es beispielsweise sehr schwierig, wenn psychoonkologisch tätige Kollegen keine Ahnung von den medizinischen Krankheitsbildern ihrer Patienten haben oder nicht wissen, wie sich z. B. eine Chemotherapie auswirken kann.

In welcher psychischen Situation finden Sie krebskranke Menschen in der Akutklinik vor? Gibt es erkennbare einheitliche Verhaltensmuster?

 Ja und nein. Grundsätzlich folgen Stress-Situationen, und genau damit haben wir es bei einer schweren Erkrankung zu tun, einem so genannten Stress-Verarbeitungsmuster. Vereinfacht gesagt geht es darum, ob ein Mensch das Gefühl hat, die neue Situation als eine Herausforderung anzunehmen oder ob er sich damit komplett überfordert fühlt. Und das ist individuell völlig unterschiedlich und hat etwas damit zu tun, wie man prinzipiell „gestrickt“ ist und welche Bewältigungsfähigkeiten man in seinem Leben gelernt hat.

Vordergründig erkennbar ist bei fast allen Patienten aber die Angst. Angst vor Siechtum, Angst vor Entstellungen durch Narben, Angst vor dem Tod. Dazu kommen oft noch soziale und finanzielle Probleme. Jede Angst hat eine individuelle Färbung. Sie trifft nicht auf ein unbeschriebenes Blatt Papier, sondern auf eine ganz persönliche Lebensgeschichte. Identisch für alle Kranken ist die äußere Situation in einer Akutklinik. Vieles Unbekannte wird plötzlich an den Patienten herangetragen. Er muss auf Behandlungsanforderungen reagieren, hat mit institutionellen Zwängen und mit fixierten Therapiemustern zu tun, ist dem Anpassungsdruck gesellschaftlicher Einstellungen, einschließlich der kollektiven Tendenz zur Angst-Verdrängung ausgesetzt, erlebt ständig seine eigenen und die Ängste seiner Umwelt und hätte vor allem gerne wieder seine Souveränität zurück. Das ist ein individueller Verarbeitungsprozess, den wir engmaschig begleiten.

Ist `Halt geben´, ein Begriff den Sie immer wieder benutzen, ein Teil des Bewältigungs- beziehungsweise des Verarbeitungsprozesses? Und wie gibt man Halt in einer Ausnahmesituation, die auch zum Tod führen kann?

 Dieser Begriff `Halt geben´ ist für mich in der Therapie sehr zentral. Halt kann man einem Menschen geben, in dem man deutlich signalisiert: Ich bin verlässlich für dich da. Im nächsten Schritt versucht der Therapeut die Schocksituation, und die damit zunächst verbundene Sprachlosigkeit zwischen allen Beteiligten aufzulösen. Der Kranke ist vielleicht zum ersten Mal ganz tief  mit seiner eigenen Verletzbarkeit und Endlichkeit konfrontiert.

Wir halten mit ihm diese existentiellen Ängste aus. Denn genau das schafft seine nächste Umgebung meist nicht. Der Krebs frißt sich ja auch ins Umfeld, in die Familie. Man nennt sie `Patienten zweiter Ordnung´, denn auch sie sind der Schocksituation ausgesetzt. Der erste Ansatzpunkt ist, den angstbesetzten Sturz aus der normalen Lebenswirklichkeit, den Verlust der `Unschuld´ wie ich es nenne, zu thematisieren, die Trauer und Wut auszuhalten und dann individuelle Lösungswege zu suchen.

 Welche Ziele und Orientierungspunkte können Sie einem Menschen, der seine Normalität verloren hat, anbieten? Welche Elemente aus der Bewältigungsforschung setzen Sie ein?

 Die Bewältigungsforschung beschäftigt sich schon lange mit den Fragen, wie sich die unterschiedlichen Reaktionsweisen von traumatisierten Menschen ordnen lassen. Es gibt hierbei kein `richtig´ oder `falsch´. Zunächst geht es nur darum, existentielle Gefühle zu strukturieren und dann zu portionieren. Damit beginnt der Orientierungsprozess, die ganz persönliche Krankheitsverarbeitung, die wir auch `Coping´ nennen (Nach Lazarus/Folkmann 1984: „Verhalten, das vom Patienten eingesetzt wird, um die krankheitsbedingten Anforderungen, Belastungen und Probleme zu überwinden, zu lindern oder zu tolerieren“). Dieser Begriff beinhaltet auch schon das Ziel: Ein anderer Umgang mit Belastungen und Ängsten und der Gewinn einer neuen Gefühlsstabilität.

Wir vermitteln dabei auch neue Kontrollstrategien, geben Anstösse für die mögliche Klärung von lebensbiografischen Konflikten und Traumatas, für den Aufbau von neuen Verarbeitungsstrategien und für die Schaffung von neuen Kommunikations-Plattformen. Das alles gelingt nicht immer, aber wenn der Patient nur einige der Ziele erreicht, verbessert sich dadurch seine Lebensqualität.

 Welche therapeutischen Möglichkeiten stehen Ihnen insgesamt zur Verfügung?

Man kann die psychosoziale Erste-Hilfe unter den Begriffen Psychoedukation, Krisenintervention und supportive Begleitung subsumieren. Grundsätzlich kommen zunächst Stabilisierungsinterventionen zum Einsatz. Ich frage mit dem Patienten dabei auch vorhandenes Wissen ab: Was hat mir sonst in Krisenzeiten immer geholfen? Was tut mir im Alltag gut?

Hier öffnen sich oft Wege, die der Einzelne und auch seine Umgebung in dieser existentiellen Ausnahmesituation einfach nicht mehr sehen. Wir geben auch ganz pragmatische Unterstützung, in dem wir zum Beispiel gemeinsame Gespräche mit Arbeitskollegen, und bei betroffenen Kindern, auch mit Lehrern oder Mitschülern führen. Zusätzlich bieten wir körperliche Entspannungshilfen wie Progressive Muskelentspannung, Autogenes Training, Qi Gong- und Kunsttherapie-Kurse oder Imaginationsübungen aus der Hypnosetherapie an. Auch mit der „Klopftherpie“, das ist eine Form der körperbezogene, energetischen Körpertherapie habe ich sehr gute Erfahrungen gemacht.

 Hat jeder Krebspatient einen Anspruch auf psychosoziale Betreuung?

Jeder Patient, der in einem zertifizierten Organzentrum behandelt wird, hat einen Anspruch auf eine kostenlose psychoonkologische Begleitung in allen Krankheitsphasen. Für sich selbst und für seine Angehörigen. Dieser Anspruch steht im nationalen Krebsplan. Noch warten wir aber auf seine Umsetzung. Und bis dahin zahlen die zertifizierten Kliniken das Therapieangebot aus der eigenen Tasche.

Das ist aus meiner Perspektive ein Skandal, denn die Psychoonkologie ist seit mehr als 20 Jahren eine nachweislich wirksame, wichtige Komponente in der integrativen Behandlung von Krebskranken, von denen 20 bis 30 Prozent im Laufe ihrer Erkrankung psychische Störungen oder ausgeprägte psychosoziale Beeinträchtigungen entwickeln. Wenn diese Symptome unbehandelt bleiben, besteht die Gefahr einer Chronifizierung. Das Erkrankteeinen Anspruch auf psychoonkologische Betreuung haben, wissen viele Patienten nicht und mir wäre es recht, wenn sie diese Versorgung lautstark bei Klinikleitungen einklagen würden.

Sie erwähnten am Anfang unseres Gespräches die `Körper-Geist-Seele-Einheit´ eines Menschen. Wird in unserem Medizinsystem noch immer viel zu häufig nach dem kartesianischen Welt- und Menschenbild behandelt?

Unser psychosozialer Ansatz trifft tatsächlich noch immer auf ein medizinisches System, das in vielen Bereichen dem Kausalitätsprinzip des kartesianischen Weltbildes (Der französische Philosoph, Mathematiker und Naturwissenschaftler René Descartes machte das Prinzip des Dualismus, die Trennung von Körper und Geist, im 17. Jahrhundert populär) folgt. Danach ist eine Krankheit jeweils einer bestimmten Ursache zuzuordnen, sie ist dann zunächst körperlich zu betrachten und auch so zu behandeln. Nach meiner Überzeugung ist die Entstehung von Krankheiten aber eher multikausal und sollte deshalb unbedingt aus dem ganzheitlichen Ansatz heraus behandelt werden. Im medizinischen Verständnis, im System und Ablauf eines Akutklinikums, sind wir Psychoonkologen mit unserer Haltung also irgendwie `quergebürstet´.

Wie gehen Sie mit dem Tod um? Ist Psychoonkologie nicht ganz häufig auch einfach nur Sterbebegleitung?

Natürlich ist das Sterben und der Tod unser täglicher Begleiter. Nach meiner ethischen Überzeugung sollte es nicht um das Überleben um jeden Preis gehen, sondern vor allem um die Lebensqualität des Einzelnen und die Achtsamkeit für das Hier und das Jetzt. Auch wenn am Ende das Sterben durch eine schwere Krankheit steht. Wenn es in einer weit fortgeschrittenen Krankheitssituation dann doch zur Heilung kommt, ist das letztendlich jedesmal auch ein Wunder. Und dieses Wunder ist nach meiner Erfahrung mit Schwerstkranken keinesfalls nach einem einheitlichen Schema reproduzierbar, sondern dahinter steht ein individueller Heilungsweg, der mit der Suche nach dem eigenen, oftmals auch verlorengegangenen Lebensfaden, beginnt. Das Buch von Kappauf und Gallmeier: Wunder sind möglich, ist in diesem Zusammenhang erhellend und sehr lesenswert.

Dr. rer. med. Bianca Senf ist Diplom-Psychologin, Psychologische Psychotherapeutin und zertifizierte Psychoonkologin. Sie leitet die psychoonkologische Abteilung am Universitätsklinikum Frankfurt am Main. Zuvor war sie einige Jahre für die Deutsche Krebsgesellschaft e.V. tätig. Dr. Senf arbeitete federführend an den Leitlinien für psychosoziale Krebsberatungsstellen der Deutschen Krebsgesellschaft e.V. mit und setzte sich im Rahmen ihrer Vorstandstätigkeit bei der Deutschen Arbeitsgemeinschaft Psychosoziale Onkologie für die Etablierung von integrativen, psychosozialen Angeboten an Akut-Krankenhäusern ein. Sie leitet seit über 20 Jahren auch eine psychotherapeutische Privatpraxis in Frankfurt und engagiert sich hier besonders für therapeutische Gespräche mit Kindern von Tumor-Patienten. Hierzu hat sie eine (deutsch-türkische) Broschüre herausgegeben: „Wahrheit braucht Mut – Mit Kindern über Krebs sprechen, wenn Eltern an Krebs erkranken“. Der Ratgeber ist kostenlos über die Abteilung für Psychoonkologie am Frankfurter Universitätsklinikum zu bestellen (Email: psychoonkologie@kgu.de)

Weitere Informationen zum Thema: Arbeitsgemeinschaft für Psychoonkologie (PSO) in der Deutschen Krebsgesellschaft e.V. in Mainz (www.pso-ag.de), Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Psychosoziale Onkologie (dapo) e.V. in Ludwigshafen (www.dapo-ev.de).

Interview und Foto: © Andrea Thoma

Andrea Thoma trifft: Prof. Bernd Böttiger „Herzmassage im Bee-Gees-Rhythmus“

Prüfen! Rufen! Drücken! Lebensrettende Herzmassage im Bee-Gees-Rhythmus

 Andrea Thoma trifft den renommierten Kölner Notfall- und Intensivmediziner, Prof. Bernd Böttiger

Wer bei einem Notfall einem Bewusstlosen helfen will, der kann sich eine einfache Gedankenstütze merken und bei der Herzdruckmassage ganz einfach an Musik denken. Zum Beispiel an den legendären Bee Gees-Hit „Staying Alive“. „Dieser schnelle Rhythmus hilft bei der Reanimation des Herzens immer im Takt zu bleiben“, so formuliert das einer der international renommiertesten Spezialisten für Notfall- und Intensivmedizin: Prof. Dr. Bernd Böttiger, Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin der Universitätsklinik Köln, den ich bei einer Talksendung mit Frank Elstner in Baden-Baden getroffen habe. Mehr lesen

Andrea Thoma trifft: Prof. Marin Trenk „Globalisierte Esskultur“

„Maggi kennt man auf der ganzen Welt!“

Andrea Thoma trifft Prof. Marin Trenk aus Frankfurt zum Thema: „Globalisierte Esskultur““

© Buchcover: Klett-Cotta Verlag

Er ist Deutschlands einziger „Ess-Ethnologe“: der Frankfurter Professor Marin Trenk. Einige seiner Kollegen nennen den umtriebigen und weitgereisten auch den „Indianer Jones der Kulinarik“. Trenk lehrt und forscht an der Goethe-Universität Frankfurt rund um das Thema Essen. In seinem aktuellen Buch „Döner Hawaii“ – Unser globalisiertes Essen“ berichtet er von drei Globalisierungswellen aus der Geschichte, die unsere heutige Esskultur entscheidend geprägt haben. „Kolumbus brachte von den Inkas Kartoffeln, Mais und Tomaten nach Europa und in alle Welt, nicht aber deren Zubereitungsarten. Erst mit der zweiten Welle `schwappten´ nicht nur neue Nahrungsmittel, sondern auch erste Rezepte zu uns. Mit der dritten Welle schließlich, im Verlaufe des 20. Jahrhunderts, verbreiteten und etablierten sich erstmals komplette „fremde Küchen“, zunächst jene Italiens und des Balkans, später dann die asiatischen und andere exotische Küchen. Der neueste Food-Trend: Vegetarismus, veganes Essen und die so genannte „Invisibilisierung“ des Essens. „Das bedeutet: heute möchte niemand mehr auf dem Teller an ein Tier erinnert werden. Die Mehrzahl der Menschen isst zwar noch Fleisch, bloß nach Tier darf es nicht aussehen. Deswegen sind zum Beispiel Nieren oder Ochsenschwanz seit Jahren schon out.“ Mehr lesen

Andrea Thoma trifft: Prof. Dr. med. Gustav Dobos

„Medizin bedeutet vor allem auch persönliche Zuwendung“

Gespräch mit dem Pionier der Integrativen Medizin in Deutschland: Prof. Dr. med. Gustav Dobos

Prof. Gustav Dobos hat viele Jahre lang Pionierarbeit für die Naturheilkunde geleistet. Im badischen Freiburg, im sächsischen Bad Elster, in Amerika, China und Indien. 1999 gründete er mitten im Ruhrgebiet die erste deutsche Modell-Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin am Akademischen Lehrkrankenhaus der Universität Essen-Duisburg. Andrea Thoma hat Prof. Dobos in Essen besucht.

Dobos ist das Alter Ego der Essener Klinik. Ohne ihn und seine Begeisterungsfähigkeit für die ganzheitliche Heilkunde, gäbe es das Projekt nicht. Inzwischen hat er mit seinem Team mehr als 40.000 Patienten behandelt und auch die Krankenkassen erkennen seine Therapien längst an. Gustav Dobos ist angekommen. Seinen Erfolg betrachtet er ganz ohne Hybris. Aus der Vision wurde Krankenhaus-Alltag.

In seinem Arbeitszimmer mit deckenhohen Regalen stapeln sich hunderte von Büchern. Medizinische und viele philosophische. Schriften von Konfizius, Laotse, Pfarrer Kneipp und Hildegard von Bingen. Dazwischen einige Holzfiguren, Mitbringsel aus Asien.

Gerade hat der 64jährige sein tägliches Sportpensum auf einem Desktop-Laufband absolviert. Es erlaubt ihm, Schreibtischarbeit und Laufen zu verbinden. Im Winter, wenn er die 16 Kilometer von seinem Zuhause in die Klinik nicht mit dem Fahrrad fährt, stehen Indoor-Übungen an. Sport, Meditation, Yoga – in Kombination mit guter Ernährung. Die Eckpfeiler seines Lebens. Die Bestandteile seiner ganzheitlichen Medizin. Er missioniert mit dieser Lebensweise nicht. Sie ist einfach seine Passion.

Andrea Thoma: Herr Prof. Dobos, was bedeutet Integrative Medizin?

Prof. Gustav Dobos: Der Begriff definiert letztendlich, dass der Dualismus – auf der einen Seite die Schulmedizin, auf der anderen Seite die Naturheilkunde – in unserem Klinik-Alltag weitgehend aufgehoben ist. Was zählt, ist die nachgewiesene Wirksamkeit und die Sicherheit der Behandlung für den Patienten. Die standardisierten Abläufe einer Klinik erlauben es meistens nicht, den Menschen in seiner Ganzheitlichkeit zu erkennen und zu verstehen. Die Spezialisierung der Ärzte tut ein Übriges. Mit dem ganzheitlichen Blick auf einen Kranken ist oft schon der erste Schritt zu einer Veränderung gemacht.

Zu Beginn Ihrer Karriere haben Sie sich mit nephrologisch-immunologischen Themen in der Schulmedizin beschäftigt. Gab es ein auslösendes Erlebnis, sich komplett der Naturheilkunde zuzuwenden?

Eigentlich wäre ich ursprünglich am liebsten ein handwerklich arbeitender Künstler geworden. Noch heute mache ich in meiner Freizeit gerne filigrane Goldschmiedearbeiten und verschenke sie an Familie und Freunde. Dass ich letztendlich mit der Naturheilkunde reüssierte, daran ist meine Frau entscheidend beteiligt. Sie hat Anfang der Achtziger Jahre in Freiburg Sinologie studiert und mich zu einem Auslandssemester nach China einfach `mitgeschleppt´. Conditio für ein Visum war damals eine Ausbildung in Traditioneller Chinesischer Medizin (TCM) vor Ort.

Am Anfang war ich sehr skeptisch. Das Krankheit in Asien als Disbalance von Körper und Seele angesehen wird, dieser Gedanke war mir, in meiner erlernten Organfixiertheit, völlig fremd. Dann aber habe ich wahrgenommen, dass die Methoden der chinesischen Kollegen häufig zum Erfolg führten. Auch die Haptik dieser Medizin faszinierte mich. Der Arzt nahm sich Zeit für die Anamnese, er fasste die Patienten an, fühlte die Pulse und betrachtete die Energie-Linien auf ihrem Körper.

So entstand eine ganzheitliche Diagnose, die das Lebensumfeld des Kranken mit einbezog, und die dem ganzheitlichen Weltbild der Chinesen insgesamt entsprach. Zurück in Freiburg erweiterte ich nach Abschluss meines Studiums meine internistische Fachausbildung auf Ernährungsmedizin und Naturheilkunde.

Spiegelt denn die Naturheilkunde Ihr heutiges Weltbild wieder?

 Ja, denn der Anwendung von Naturheilverfahren liegt tatsächlich ein anderes Welt- und Medizinverständnis zugrunde, nämlich ein ganzheitliches. Das ist übrigens die Basis der gesamten asiatischen Medizin, ob TCM oder indische Medizin.

Eine zentrale Rolle spielt dabei immer auch ein nicht-stofflicher Faktor, ein dynamisches, fließendes Element. Eine Energie, die alles mit allem verbindet, die sich wissenschaftlich – noch – nicht nachweisen lässt, aber an Gesundungsprozessen ganz sicher beteiligt ist. Die Chinesen nennen sie Chi, die Inder Prana. Aristoteles sprach vom`Geist´ und meinte damit nichts anderes.

Auch im alten Europa wurde jahrhundertelang ganzheitlich diagnostiziert und behandelt, unter Einbeziehung dieser geistigen Energien. Die Aufklärung schob solche Phänomene dann in Richtung Mystik, Kirche und Glauben und überließ den physikalischen Körper dem Seziermesser der Wissenschaft.

Ein Seziermesser gibt es in Ihrer Klinik nicht, auch keinen Operationssaal. Wie sieht Ihr Behandlungsspektrum aus?

Unsere Schwerpunkte sind chronisch internistische Erkrankungen, wie beispielsweise Rheuma und Herz-Kreislauferkrankungen, einschließlich des Bluthochdrucks und der koronaren Herzkrankheiten. Zu uns kommen vor allem viele Patienten mit chronischen Darmerkrankungen, Schmerzpatienten und auch Krebspatienten, die wir mit integrativer Onkologie, also in enger Zusammenarbeit mit den Krebsspezialisten der konventionellen Abteilungen unseres Gesamt-Klinikums, behandeln und begleiten.

Gibt es für Sie Ausschlusskriterien für naturheilkundliche Behandlungen? Wo lassen Sie die Finger weg?

Bei Therapien, die eine Gefahr für den Patienten bedeuten könnten und die keine nachgewiesene Wirkung haben. Das ist mein Credo und damit auch mein klar definiertes Auswahlkriterium. Zu unseren Therapien gehören zum Beispiel: Kneipp´sche Therapien, wie die Hydro- und Ordnungstherapie, Entspannungsmethoden wie Yoga und Meditation, Akupunktur, Schröpfen, Neuraltherapie und Elemente der chinesischen und indischen Medizin – falls notwendig auch in Kombination mit konventionellen Therapien.

Sie betonen diese Notwendigkeit eines wissenschaftlichen Nachweises für naturheilkundliche Verfahren immer wieder. Geht es Ihnen darum, der evidenzbasierten Schulmedizin ein wissenschaftliches Gegengewicht anbieten zu können?

 Die Komplementärmedizin hat doch schon längst das Reich der Kräuterweiblein und der Magie und Mystik verlassen. In den amerikanischen Gesundheitsforschungsinstituten (NIH) wird ihre Wirkung in vielen Studien seit 1992 systematisch erforscht und mit über 120 Millionen Dollar pro Jahr staatlich unterstützt.

Im Forschungszentrum unserer Klinik wurden bis heute über Hundert unterschiedliche Überprüfungsverfahren gemacht. Es gibt mehr als fünfzig abgeschlossene Doktorarbeiten und drei Habilitationen zu unseren Therapien. Mehrere Hundert Ärzte haben wir in Integrativer Medizin in Weiterbildungsseminaren ausgebildet.

Geforscht haben wir zum Beispiel zur Blutegeltherapie. In Kombination mit Akupunktur, Yoga und Bewegung ist sie für Arthrose-Patienten hervorragend geeignet. Meistens können Schmerzmittel dann reduziert oder sogar abgesetzt werden und vorher geplante Operationen sind nach dieser Therapie oftmals komplett überflüssig. Eine Studie bei Frauen mit Brustkrebs hat die Wirksamkeit von Meditation belegt. Die Frauen waren weniger ängstlich, weniger depressiv und sie konnten besser schlafen. – In der Forschung liegt für mich die Chance, dass der Nutzen naturheilkundlicher Therapien wissenschaftlich ausreichend belegt wird und sie bald zur Standardbehandlung auch an konventionellen Kliniken gehören. Aber solange ein Arzt, der Naturheilkunde anwendet, gesetzlich verpflichtet ist, seine Patienten über alle anderen schulmedizinischen Therapien zur Behandlung ihrer Krankheiten aufzuklären – völlig unabhängig von der nachweisbaren Wirksamkeit – dies aber nicht im umgekehrten Fall bei einem Schulmediziner gilt – selbst für nachweisbar wirksame naturheilkundliche Therapien – solange haben wir unser Ziel noch nicht erreicht.

Zu Ihrer Therapie-Palette gehört auch die so genannte MindBody (Geist/Körper)Medizin. Was meint der Begriff?

Vereinfacht gesagt, ist die MindBody Medizin eine Therapie für eine `dickere Haut´. Die Basis dieser Medizin, die Ordnungstherapie, gehört zu den fünf klassischen naturheilkundlichen Verfahren. Bereits Hippokrates, der Vater der Medizin, hat vor mehr als 2000 Jahren dafür Empfehlungen gegeben. Sebastian Kneipp hat sie dann zu einer seiner Gesundheitssäulen gemacht.

Definitionsgemäß nutzt sie gezielt die Interaktion zwischen Gehirn und Körper und führt damit zu einer Steigerung der Selbstheilungskräfte. In der Praxis geht es darum,das eigene Innen- und Außenleben zu erforschen, zu ordnen und zu stabilisieren. Das erlernen die Patienten bei uns mit Gesprächen, Verhaltenstherapie, Körper- und Entspannungsübungen und Meditation. Und so haben wir vor allem bei Schmerzpatienten mit diesem Medizin-Modell große Erfolge nachzuweisen. Unser Vorbild ist die amerikanische MindBody Medicine, wie sie in Harvard und am Sloan Kettering Hospital in New York praktiziert wird. Auch sie basiert auf dem Erlernen eines geordneten Lebenswandels und wird in einer neuen Konzeption mit strukturiertem Gesundheitstraining kombiniert.

Beinhaltet die MindBody Medizin somit primär eine kognitive Umstrukturierung des Patienten?

Natürlich gehen alle Veränderungen und Umstrukturierungen über Prozesse im Gehirn. Neurowissenschaftliche Untersuchungen gehen davon aus, dass das Gehirn ständig die inneren Bewegungen im Körper bewertet und auch versucht, sie immer wieder neu zu ordnen. Man nennt das auch `Homöodynamik´, also das Streben nach einem inneren Gleichgewicht, nach der Balance.

Ganzheitliche Therapien ticken diese emotionalen Zentren im Gehirn direkt an. An einem einfachen Beispiel erklärt: Es macht keinen Sinn, bei einem Patienten Schlafstörungen zu behandeln, ohne eine ungünstige Gliederung seines Tagesablaufs und psychosoziale Stressoren zu hinterfragen. Schon im Gespräch wird eine Umstrukturierung anzustoßen, die nachhaltige Veränderungen, wie zum Beispiel zukünftig vorbeugende Maßnahmen zu ergreifen, ermöglichen.

Also Salutogenese statt Pathogenese?

 Etwas von beidem. Salutogenese meint die persönliche Suche nach den einfachen Quellen für Gesundheit. Und solange das nicht die Basis unseres individuellen Lebens ist, brauchen wir die Pathogenese, also die Frage nach der Ursache von Krankheit. Den Begriff `Salutogenese´ hat übrigens der israelische Medizinsoziologe Aaron Antonovsky geprägt.

Bei KZ-Häftlingen hat er den Umgang mit Traumatas untersucht. Die Kraft der Gedanken, Imagination, Haltung und das innere Bewusstsein waren entscheidende Aspekte zum Überleben in solchen Ausnahmesituationen. Diese Kraft der Gedanken spiegelt sich in unseren Therapien wieder. Das Ziel ist immer, die Patienten für eine bewusstere und gesündere Lebensweise in Eigenverantwortung zu sensibilisieren.

Praktizieren Sie hier in Essen das Klinik-Modell der Zukunft?

Fast 80 Prozent des Gesundheitsbudgets wird in Deutschland nur für die Behandlung chronischer Erkrankungen aufgewendet. Der rasche Anstieg der älteren Bevölkerung wird diese Entwicklung noch drastisch verschärfen. Unsere Medizin wird schlicht unbezahlbar. Hier haben die Salutogenese als Präventivkonzept, Ordnungstherapie und Naturheilkunde einiges anzubieten. Auch übrigens das Potential, den demografischen Wandel bezahlbar zu machen.

Sie vergleichen die ganzheitliche Medizin gerne mit dem Nachhaltigkeitsprinzip von erneuerbaren Energien, Umweltbewusstsein oder regionaler Ernährung.

Nachhaltige Medizin geht einher mit einem bewussten, nachhaltigen und ressourcenorientierten Lebensstil. Das bedeutet: Annahme von Eigenverantwortung für das individuelle Wohlbefinden, aktive Mit-Gestaltung einer gesunden  Umwelt, Akzeptanz des Rechtes auf Unversehrtheit für alle Lebewesen – also auch humane Behandlung von Tieren, Ablehnung von kurzfristigen Erfolgen ohne stabilen Unterbau – ganz gleich, ob im Beruf oder für die eigene Gesundheit, Wertschätzung der  überlieferten Erfahrungen unserer Vorfahren – ohne dabei sinnvolle wissenschaftliche Fortschritte zu negieren.

Politik und große Teile der Gesellschaft haben das Prinzip der Nachhaltigkeit noch immer nicht verinnerlicht. Wenn wir aber diese achtsame Haltung in unserem Alltag einnehmen, dann entsteht Salutogenese.

Prof. Gustav Dobos ist Leiter der Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin an den evangelischen Kliniken Essen-Mitte, Stiftungsprofessor für Naturheilkunde an der Universität Duisburg- Essen und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Naturheilkunde.

Mit seiner Modell-Klinik im Evang. Krankenhaus Essen-Steele der Kliniken Essen-Mitte ist er seit 20 Jahren Vorreiter für die so genannte Integrative Medizin (Kombination von Schulmedizin und Naturheilkunde) und MindBody Medizin (Ordnungstherapie). Der Internist mit dem Schwerpunkt Nephrologie und Arzt für Intensivmedizin, arbeitete zunächst an der Universitätsklinik Freiburg, wurde 1997 Chefarzt einer naturheilkundlichen Modell-Klinik in Sachsen und zwei Jahre später

Chefarzt an den Kliniken Essen-Mitte, Abteilung für Naturheilkunde und Integrative Medizin. Eine Modelleinrichtung des Landes Nordrhein-Westfalen. 2004 wurde er auf einen Stiftungslehrstuhl für Naturheilkunde, gefördert von der Krupp-Stiftung, an der Universität Essen-Duisburg berufen.

Dobos ist   Autor   zahlreicher   Bücher,   wie:   „Chronische   Krankheiten   natürlich behandeln“, „Gemeinsam gegen den Krebs – Naturheilkunde und Onkologie“, „Endlich schmerzfrei und wieder gut leben“ und des Spiegelbestsellers „Das gestresste Herz“

Prof. Dobos ist Vater von zwei Töchtern und lebt mit seiner Familie in Essen.

Die Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin in Essen erreichen Sie unter: 0201-174 25008 und im Internet unter: www.kem-med.com.

 

 

Der Mann, der die Schokoladen-Bibel erschaffen hat: Georg Bernardini

Es ist Weihnachtszeit. Grund genug für mich einen der besten Schokoladen-Experten zu treffen – den Schoko-Bibel-Erfinder und immer wieder Talkgast im Fernsehen – Georg Bernardini.

 Andrea Thoma: Woran erkenne ich eine gute Schokolade?

Georg Bernardini: An der Transparenz des Herstellers. Der Rest ist auch eine Geschmacksache. Wie bei guten Weinen oder Champagnersorten. Auf einer Schokoladenpackung mit einem exzellenten Inhalt sind immer alle Inhaltsstoffe auf der Packung aufgelistet. Und das sollte am besten draufstehen: Kakaobohnen, Rohrzucker, Kakaobutter. Mehr nicht. Sobald Aromastoffe mit verarbeitet werden, ist das keine First-Class-Schokolade mehr…Oftmals ist auch teure Schokolade voll mit künstlichen Aromen. Der Kunde muss aufmerksam hinschauen. Wie übrigens bei allem, was wir bei unserer Ernährung und bei Genussprodukten angeboten bekommen.

Ist Schokolade denn für Sie Ernährung oder Genuss?

Inzwischen eigentlich nur noch Genuss. Aber manchmal möchte man auch einen Zucker-Push und dann tut es auch eine einfache, aber gute Schokolade. Aber, exzellente Schokolade ist ein purer Luxus. Deshalb kostet sie auch ihren Preis.

 Sie haben 2950 Schokoladensorten aus der ganzen Welt getestet. Was ist Ihre Lieblingsschokolade?

Das ist eine dunkle Schokolade mit nur zwei Zutaten: Kakaobohnen und Zucker. Sie kommt von Domori aus Italien und heisst „Chuao“. Das ist für mich die beste Schokolade der Welt. Hierfür werden die besten Bohnen ausgewählt, die Ernte läuft optimal und die Technik wird sanft und nachhaltig eingesetzt – das heisst, die Bohne wird nicht zu hoch erhitzt und nicht zu lange gebrannt.

Und was kostet so eine `weltbeste´ Schokolade?

Eine 25-Gramm-Tafel Chuao kostet zwischen 4,20 und 4,50 €. Aber man findet auch sehr gute Schokolade in einer 75- bis 100-Gramm-Tafel zum Preis von 5 bis 6 €.

Sie kommen aus einer Gastronomen-Familie. Ihre Eltern hatten in den frühen 70er Jahren ein italienisches Lokal. Sie schreiben in Ihrem Buch, dass es immer wieder Grafitti-Sprüche an den Außenwänden gab, wie etwa „Vorsicht Knoblauchküche“. – Hat man bei Ihnen am Haus schon „Vorsicht Schokoladentester“ angeschrieben?

Gott sei Dank nicht. Aber natürlich bekam ich Feedback, als ich meine Rangliste der besten Schokoladen veröffentlicht habe. Auch Kritik von einigen Herstellern. Aber das ist mir egal. Ich bin völlig unabhängig als Schokoladentester und sage meine Meinung offen heraus.

 Immerhin haben Sie mit Ihrem 750-Seiten-Buch die „Bibel der Schokoladenkultur“ niedergeschrieben. Es wurde in China bei den Gourmand Awards mit dem Titel „Das beste Schokoladenbuch der Welt“ ausgezeichnet.

Das war natürlich eine Ehre. Aber ich bringe auch sehr viel Wissen mit in diesem Genre. Ich bin gelernter Konditor und Chocolatier. Das heisst, ich habe mich von Grund auf mit Schokolade beschäftigt. Viele Jahre lang habe in der ganzen Welt Kakaobohnen eingekauft und sie im eigenen Unternehmen, das zur Spitze der deutschen Schokoladen-Kultur gehört, verarbeitet.

Und dann haben Sie alles verkauft und sind Schokoladen-Tester geworden…

Das war mein neu gestecktes Ziel als ich meine Geschäftsanteile am Unternehmen verkauft habe. Ich wollte die besten Schokoladen der Welt suchen und finden. So bin ich überall herumgereist – nach Amerika, Afrika und Asien – und habe Schokoladenhersteller besucht, ihre Produkte und Technik angeschaut und viel verkostet. Meistens bin ich mit prall gefüllten Koffern zurückgekommen. – Und ich wollte mit meinem Buch vor allem aufklären. Es gibt so viele Blender bei Schokolade.

Wir sind ja mitten in der Vor-Weihnachtszeit. Auch Schoko-Nikoläuse haben Sie schon getestet….

Das habe ich für den WDR gemacht. Und, glauben Sie mir, da war nicht viel Gutes dabei. Ein Fare-Trade Bio-Nikolaus hat gewonnen. Wie bei den Adventskalendern wird bei den Weihnachtsfiguren oft sehr billige Schokolade verwendet. Man sollte darauf achten, dass der Schoko-Nikolaus nicht voll mit künstlichen Zusatzstoffen- und Aromen ist. Am schlimmsten ist Vanillin. Das ist eigentlich ein Nervengift und gehört nicht in die Schokolade. Aber es wird sehr häufig verwendet.

Aber wie backe ich dann Weihnachtsplätzchen? Vanillekipferln ohne Vanille?

Ich stelle schon seit vielen Jahren meinen Vanillezucker selbst her. Man nimmt eine Vanilleschote, kratzt sie aus und hebt die Vanille unter ein Kilogramm Zucker. Dann legt man noch die Schote mit in den Zucker hinein und läßt das Ganze ein paar Tage durchziehen. Dann hat man einen wunderbaren, echten Vanillezucker.

Warum sagt man eigentlich, dass Schokolade glücklich macht?

Das liegt an den Inhaltsstoffen, wie zum Beispiel dem Botenstoff Serotin. Der kurbelt die Glückshormone im Gehirn an.

Sie haben ja auch sehr kuriose Schokoladensorten getestet. Was war nun die weltweit außergewöhnlichste Schokolade?

Ich habe Schokoladen mit geräuchertem Bacon, mit Weihrauch, mit Milchpulver vom Wasserbüffel und noch mit ein paar anderen schrägen Inhaltsstoffen getestet. Fast ungeniessbar war der Blue Cheese Konfekt. Innovativ dagegen: die Collagen-Schokolade. Das ist eine Milchschokolade mit leichtem Orangengeschmack, die im Mund immer geleeartiger wird und dann wie eine normale Schokolade schmilzt. Verrückt, aber köstlich.

Gibt es denn Trends bei der Schokolade?

Kuriositäten, wie sie nach dem Film „Chocolat“ aufgelebt sind und den Schokoladenmarkt extrem gepusht haben, gibt es nicht mehr viele. Heute können Sie überall Schokolade mit Chili kaufen. Viele Hersteller machen inzwischen Roh-Schokolade. Das ist ganz sicher ein neuer Trend. Dabei wird die Bohne nicht über 47 Grad erhitzt. Das soll den Geschmack verbessern. – Ich bin mir da aber nicht so sicher, ob sich auch alle Roh-Schokoladen-Hersteller an diese Hitzegrenze halten. Es gibt keine Vorgaben. Ein weiterer klar zu erkennender Trend sind kleine Hersteller, die auch direkt verkaufen. Das nennt man „Bean-To-Bar“. Dieser Trend ist heute in Amerika schon ganz deutlich zu erkennen. Wenn man bedenkt, dass man mit rund 1.000 € Technik seine eigene Schokolade herstellen kann, dann ist das auch für junge Konditoren und Chocolatiers ein interessanter Markt.

Sie haben ja viele Jahre täglich Schokolade produziert. Sie waren auch selbst ein „Bean-To-Bar“-Hersteller. Fehlt Ihnen diese handwerkliche Arbeit nicht?

Nein, überhaupt nicht. Heute darf ich, so oft ich möchte, die besten Schokoladen der Welt verkosten. Und ich berate noch ein paar Unternehmen. Für diese Kunden mache ich dann ab und zu – aber nur zum Ausprobieren – auch noch Süßes selbst.

Sie bezeichnen sich ja als Schokoholic. Können Sie denn an einem Schokoladenregal im Supermarkt vorbeigehen?

Ohne Probleme. Ich teste in meinem Buch zwar auch Supermarkt-Schokolade, aber ich selbst kaufe fast nur im Fachhandel und bei den Herstellern ein. Obwohl ich gerade vor Kurzem eine Supermarkt-Schokolade für ein paar Cent getestet habe, die ich als sehr gut einstufen würde. Das war eine Vollmilch-Haselnuss vom Discounter, die hatte 45 Prozent Kakogehalt und 27 Prozent Nussanteil. Sie kommt auch noch aus fairem Handel. Verkosten Sie mal…..

Georg Bernardini stammt aus einer italienischen Gastronomen-Familie. Geboren ist er am 09. September 1967 in Bonn und machte nach seiner Schulzeit zunächst eine Ausbildung zum Konditor. 1987 ging Bernardini nach Frankreich und arbeitete zunächst in Paris als Konditorgeselle und Backstubenleiter. Sechs Monate lang war er in Toulouse Chef-Patissier im Restaurant „Les Jardin de L´Opera“ (Zwei Michelin-Sterne). Im November 1992 gründete Bernardini zusammen mit Oliver Coppeneur die „CC Confiserie Coppeneur et Compagnon“ mit Sitz in Bad Honnef, eine der erfolgreichsten Patisserien und Confiserien Deutschlands. 2010 verkaufte Bernardini alle Anteile am Unternehmen und begann die weltweite Recherche für seine „Schokoladen-Bibel“. Zur Zeit schreibt er am nächsten Schokoladenbuch, führt Schokoladen-Blogs und berät einige Unternehmen.

 

 

Andrea Thoma trifft….Viktoria Freifrau von der Bussche

 

„Baronin im Blütenmeer“

Ein Gespräch mit Viktoria Freifrau von dem Bussche

Sie gilt als Vorreiterin in Sachen Garten-Festivals in Deutschland. Ihr Rosarium besteht ausschließlich aus Rosen des 21. Jahrhunderts und hinter ihren Schlossmauern auf der Ippenburg, in der Nähe von Osnabrück, wächst der größte Küchengarten Deutschlands: Viktoria Freifrau von dem Bussche. Wir trafen die westfälische Baronin im Rahmen einer TV-Sendung hinter den Kulissen.

Andrea Thoma: Sie gelten als DIE Garten-Festival-Expertin in Deutschland. Woher kommt diese Passion?

 Viktoria Freifrau von dem Busche: Ich glaube das Saatkorn für die Natur und den heimischen Garten wurde bei mir in der Kindheit gelegt. Meine Eltern hatten ein großes Hofgut in der Lüneburger Heide und ich war immer draußen in der Natur, vor allem in unserem großen Bauerngarten. Ab dem 12. Lebensjahr hat mich die Natur dann überhaupt nicht mehr interessiert. Dann war Sport, Reiten und später Studium und Freunde angesagt. Erst als ich meinen Mann heiratete und in Schloss Ippenburg einzog, ist der Gartenvirus bei mir wieder ausgebrochen.

Haben Sie damals eigentlich so etwas wie ein Dornrösschen-Schloss in Ippenburg angetroffen?

Im Gegenteil! Als ich mit meinem Mann Philip im Schloss einzog, war das Ambiente für mich eher gruselig. Es hatte so gar nichts von einem Märchenschloss. Im Gegenteil, an grauen Tagen hatte ich eher das Gefühl, der Hund von Baskerville kommt um die Ecke. Deshalb habe ich schon bald angefangen, den großen Schlosspark zu verschönern…Dann bekamen wir aber vier Kinder und das Blumenpflanzen und Beete jäten blieb viele Jahre nur ein Hobby. Als meine Kinder erwachsen waren, suchte ich eine neue Aufgabe. 1996 waren wir zum Musik-Festival im englischen Glyndebourne und da kam mir die Idee, unseren Garten nach englischen Gestaltungsformen zu verändern. Ich besorgte mir Gartenzeitungen und Bücher, reiste nach Holland und Frankreich und habe mir dort die Schlossgärten angesehen. So hat sich auch unser Garten langsam verwandelt.

Von einem schönen Schlossgarten zu einem international renommierten Garten-Festival ist es aber dann doch ein großer Sprung. Sie waren mit dieser Idee vor 18 Jahren ja die erste in Deutschland. Inzwischen haben Sie Hunderte von Nachahmern…

Diese Idee ist gewachsen. Damals war ein Gartenfest in Deutschland wirklich ein absolutes Novum. Wir machten 1996 einen ersten Versuch mit einem kleinen Gartenfest auf Schloss Ippenburg. Es kamen ein paar Aussteller, aber schon viele Besucher. Das war der Start der Idee, die ich dann Stück für Stück weiterentwickelte.

 Ich wollte auf Ippenburg ein unkonventionelles, lockeres Garten-Festival schaffen, nach englischem Vorbild. Festlich, aber ohne VIP-Kultur. Kommerziell musste es auch sein, denn der Garten musste auch ganzjährig finanziert werden. Und ich wollte, dass jeder Besucher immer eine Trophäe mit nach Hause nehmen konnte. Sowohl der Gartenfreund als auch der Städter, der nur für dieses Event zu uns raus aufs Land kommt. Deshalb war klar, dass wir langfristig eine breit gefächerte Palette von Ausstellern brauchten.

In Ihnen steckt inzwischen eine hervorragende Gärtnerin, aber auch eine Unternehmerin mit Utopie. Wie machen Sie das? Sie haben doch etwas völlig anderes gelernt?

 Das stimmt. Ich habe Kunst und Geschichte studiert. Als Gärtnerin und Event-Managerin bin ich völlige Autodidaktin. Gärtnern habe ich durch das Lesen von Tausenden von Gartenzeitungen und auch aus vielen englischen Gartenbüchern gelernt und letztendlich durch `learning by doing´. Ich habe einfach drauf los gegraben und gepflanzt und mit meinem Team gewartet, was da im ersten Frühling aus der Erde kam…Und auch die Eventfrau ist ein Eigenprodukt. Ich habe geschaut, wie die anderen europäischen Garten-Festivals organisiert sind. Ich bin ein Bauchmensch. Vieles auf Ippenburg ist einfach über die Jahre ganz individuell entstanden.

 Sie machen inzwischen vier Festivals im Jahr. Haben fast 50.000 Besucher. Haben Sie eigentlich nicht ständig Angst vor Wetterkapriolen?

Wir sind nur einmal in den vielen Jahren im wahrsten Sinne des Wortes fast abgesoffen. Es regnete zwei Tage lang wie aus Kübeln. Da waren Improvisieren und Gummistiefel gefragt. Ich sehe das alles eher gelassen und erhoffe diese Einstellung auch von unseren Besuchern und Ausstellern. Den Pflanzen macht das Wetter ja sowie so nichts aus…

Was ist das Besondere im Garten von Schloss Ippenburg und bei Ihren Festivals?

Es ist vorab der fantastische Gartenbestand, die große Fläche des Schlossparkes mit den alten Mauern drumherum. Solche Schlösser gibt es nicht viele in Deutschland. Dann haben wir mit dem Rosarium ein einzigartiges Projekt geschaffen. Hier finden Sie die bedeutendsten Rosenzüchtungen des 21. Jahrhunderts in einem künstlerischen Ambiente. Und dann natürlich unser Küchengarten auf über 5.000 Quadratmetern. Der größte in Deutschland.

 Sie haben dazu ja auch einen wunderschönen Bildband gestaltet. Was gibt es denn in Ihrem Küchengarten?

Alte und moderne Obst,- Gemüse- und Sommerblumenarten. Wir haben allein 15 Kartoffelsorten, 30 verschiedene Karottensorten, 10 Sorten von Mohrrüben, Teepflanzen, Kräuterbeete mit vielen unterschiedlichen Sorten von Rosmarin oder Thymian, echtem französischem Estragon, aber auch vielen Sorten von alten deutschen Kräutern. Wir haben über 100 Beerensträucher und es gibt viele essbare Blüten in unserem Garten.

Was machen Sie mit all diesen Kräutern und Beeren?

Ein Sternekoch aus Osnabrück ist unser bester Kunde. Vor allem auch für die essbaren Blüten und die seltenen Kräuter. Aber wir sind eine Groß-Familie von etwa 30 Leuten auf dem Schloss. Da geht schon was weg. Der Rest wird getrocknet, eingemacht oder gelagert.

 Ein großes Thema für jeden Gartenbesitzer sind Unkraut und Schnecken. Haben Sie einen Geheimtipp?

Bei uns wird kein Unkrautvernichter benutzt. Alles wird händisch aus den Beeten geholt. Da bin ich konsequent. Die einzige Ausnahme, die wir auf Schloss Ippenburg machen, ist das Spritzen der Rosen. Viele probieren da ja skurrile Mittel aus, wie zum Beispiel den berühmten Bio-Sud aus Brennnesseln, oder sie lassen ihre Rosen auch komplett ungespritzt wachsen. Das würde ich nicht empfehlen. Meine langjährige Erfahrung ist: Hier hilft nur die chemische Keule…

Was ist Ihre Lieblingsbeschäftigung im Garten?

Saubermachen, Ausputzen, mit der Harke meine Reihen im Gemüsebeet ziehen. Ich bin im Arbeitsplan des Schlosses als halbe Kraft täglich eingeteilt und das ziehe ich auch von April bis September durch. Morgens gegen 6 Uhr bin ich im Büro und von 8 bis 13 Uhr dann im Garten. Danach geht’s wieder an den Schreibtisch. Das ist mein Ausgleich. Dazwischen fotografiere ich auch oft im Garten, denn das ist auch eine meiner Passionen.

Sie sind Expertin im Garten und für Garten-Events und haben auch noch Gartenbücher geschrieben. Gibt es eine neue Leidenschaft als Zukunftsvision oder wollen Sie Bestehendes ausbauen?

Ich will noch einige Jahre den Schlossgarten und die Festivals betreuen. Dann möchte das alles an die junge Schlossfamilie übergeben. Also an meinen Sohn und an seine Familie, die heute dort schon wohnen. In meinem 3. Leben möchte ich dann unbedingt weiter Bücher schreiben. Aber auch wieder beginnen mit dem Malen und Fotografieren. Dafür hatte ich in den letzten 10 Jahren einfach zu wenig Zeit. Und außerdem habe ich sieben Enkelkinder…

 Kurz-Biographie:

 Viktoria Freifrau von dem Bussche ist 1953 in Hiddenhausen in Westfalen geboren.

Aufgewachsen ist sie auf einem Bauernhof in der Lüneburger Heide. Sie studierte Kunstgeschichte, Geschichte und Malerei in Bonn und heiratete 1976 den Erben des Schlosses Ippenburg, Philip Freiherr von der Bussche. Das Paar hat vier Kinder und sieben Enkelkinder.

1996 veranstaltete die Baronin das erste Gartenfest auf Ippenburg. Zwei Jahre später organisierte sie ihr erstes Garten-Festival.

Autorin zahlreicher Gartenbücher und Bildbände.

Die Unternehmerin lebt inzwischen mit ihrem Mann in einem neu erbauten Haus am Rande des Schlosses. Ihr Sohn hat 2012 mit seiner Familie den Schlossbetrieb und den landwirtschaftlichen Betrieb übernommen.

Titel & Beitragsbild: Foto© Victoria Freifrau von dem Busche, privat

Text: Andrea Thoma

Fotos: © IPP/Nepke

Foto: © Schloss Ippenburg

Text : Redaktion Gesund-in-RheinMain