Andrea Thoma trifft: Georg Bernardini den Schokoladen-Bibel-Erfinder

Es ist Weihnachtszeit. Grund genug für mich einen der besten Schokoladen-Experten zu treffen – den Schoko-Bibel-Erfinder und immer wieder Talkgast im Fernsehen – Georg Bernardini.

 Andrea Thoma: Woran erkenne ich eine gute Schokolade?

Georg Bernardini: An der Transparenz des Herstellers. Der Rest ist auch eine Geschmacksache. Wie bei guten Weinen oder Champagnersorten. Auf einer Schokoladenpackung mit einem exzellenten Inhalt sind immer alle Inhaltsstoffe auf der Packung aufgelistet. Und das sollte am besten draufstehen: Kakaobohnen, Rohrzucker, Kakaobutter. Mehr nicht. Sobald Aromastoffe mit verarbeitet werden, ist das keine First-Class-Schokolade mehr…Oftmals ist auch teure Schokolade voll mit künstlichen Aromen. Der Kunde muss aufmerksam hinschauen. Wie übrigens bei allem, was wir bei unserer Ernährung und bei Genussprodukten angeboten bekommen.

Ist Schokolade denn für Sie Ernährung oder Genuss?

Inzwischen eigentlich nur noch Genuss. Aber manchmal möchte man auch einen Zucker-Push und dann tut es auch eine einfache, aber gute Schokolade. Aber, exzellente Schokolade ist ein purer Luxus. Deshalb kostet sie auch ihren Preis.

 Sie haben 2950 Schokoladensorten aus der ganzen Welt getestet. Was ist Ihre Lieblingsschokolade?

Das ist eine dunkle Schokolade mit nur zwei Zutaten: Kakaobohnen und Zucker. Sie kommt von Domori aus Italien und heisst „Chuao“. Das ist für mich die beste Schokolade der Welt. Hierfür werden die besten Bohnen ausgewählt, die Ernte läuft optimal und die Technik wird sanft und nachhaltig eingesetzt – das heisst, die Bohne wird nicht zu hoch erhitzt und nicht zu lange gebrannt.

Und was kostet so eine `weltbeste´ Schokolade?

Eine 25-Gramm-Tafel Chuao kostet zwischen 4,20 und 4,50 €. Aber man findet auch sehr gute Schokolade in einer 75- bis 100-Gramm-Tafel zum Preis von 5 bis 6 €.

Sie kommen aus einer Gastronomen-Familie. Ihre Eltern hatten in den frühen 70er Jahren ein italienisches Lokal. Sie schreiben in Ihrem Buch, dass es immer wieder Grafitti-Sprüche an den Außenwänden gab, wie etwa „Vorsicht Knoblauchküche“. – Hat man bei Ihnen am Haus schon „Vorsicht Schokoladentester“ angeschrieben?

Gott sei Dank nicht. Aber natürlich bekam ich Feedback, als ich meine Rangliste der besten Schokoladen veröffentlicht habe. Auch Kritik von einigen Herstellern. Aber das ist mir egal. Ich bin völlig unabhängig als Schokoladentester und sage meine Meinung offen heraus.

 Immerhin haben Sie mit Ihrem 750-Seiten-Buch die „Bibel der Schokoladenkultur“ niedergeschrieben. Es wurde in China bei den Gourmand Awards mit dem Titel „Das beste Schokoladenbuch der Welt“ ausgezeichnet.

Das war natürlich eine Ehre. Aber ich bringe auch sehr viel Wissen mit in diesem Genre. Ich bin gelernter Konditor und Chocolatier. Das heisst, ich habe mich von Grund auf mit Schokolade beschäftigt. Viele Jahre lang habe in der ganzen Welt Kakaobohnen eingekauft und sie im eigenen Unternehmen, das zur Spitze der deutschen Schokoladen-Kultur gehört, verarbeitet.

Und dann haben Sie alles verkauft und sind Schokoladen-Tester geworden…

Das war mein neu gestecktes Ziel als ich meine Geschäftsanteile am Unternehmen verkauft habe. Ich wollte die besten Schokoladen der Welt suchen und finden. So bin ich überall herumgereist – nach Amerika, Afrika und Asien – und habe Schokoladenhersteller besucht, ihre Produkte und Technik angeschaut und viel verkostet. Meistens bin ich mit prall gefüllten Koffern zurückgekommen. – Und ich wollte mit meinem Buch vor allem aufklären. Es gibt so viele Blender bei Schokolade.

Wir sind ja mitten in der Vor-Weihnachtszeit. Auch Schoko-Nikoläuse haben Sie schon getestet….

Das habe ich für den WDR gemacht. Und, glauben Sie mir, da war nicht viel Gutes dabei. Ein Fare-Trade Bio-Nikolaus hat gewonnen. Wie bei den Adventskalendern wird bei den Weihnachtsfiguren oft sehr billige Schokolade verwendet. Man sollte darauf achten, dass der Schoko-Nikolaus nicht voll mit künstlichen Zusatzstoffen- und Aromen ist. Am schlimmsten ist Vanillin. Das ist eigentlich ein Nervengift und gehört nicht in die Schokolade. Aber es wird sehr häufig verwendet.

Aber wie backe ich dann Weihnachtsplätzchen? Vanillekipferln ohne Vanille?

Ich stelle schon seit vielen Jahren meinen Vanillezucker selbst her. Man nimmt eine Vanilleschote, kratzt sie aus und hebt die Vanille unter ein Kilogramm Zucker. Dann legt man noch die Schote mit in den Zucker hinein und läßt das Ganze ein paar Tage durchziehen. Dann hat man einen wunderbaren, echten Vanillezucker.

Warum sagt man eigentlich, dass Schokolade glücklich macht?

Das liegt an den Inhaltsstoffen, wie zum Beispiel dem Botenstoff Serotin. Der kurbelt die Glückshormone im Gehirn an.

Sie haben ja auch sehr kuriose Schokoladensorten getestet. Was war nun die weltweit außergewöhnlichste Schokolade?

Ich habe Schokoladen mit geräuchertem Bacon, mit Weihrauch, mit Milchpulver vom Wasserbüffel und noch mit ein paar anderen schrägen Inhaltsstoffen getestet. Fast ungeniessbar war der Blue Cheese Konfekt. Innovativ dagegen: die Collagen-Schokolade. Das ist eine Milchschokolade mit leichtem Orangengeschmack, die im Mund immer geleeartiger wird und dann wie eine normale Schokolade schmilzt. Verrückt, aber köstlich.

Gibt es denn Trends bei der Schokolade?

Kuriositäten, wie sie nach dem Film „Chocolat“ aufgelebt sind und den Schokoladenmarkt extrem gepusht haben, gibt es nicht mehr viele. Heute können Sie überall Schokolade mit Chili kaufen. Viele Hersteller machen inzwischen Roh-Schokolade. Das ist ganz sicher ein neuer Trend. Dabei wird die Bohne nicht über 47 Grad erhitzt. Das soll den Geschmack verbessern. – Ich bin mir da aber nicht so sicher, ob sich auch alle Roh-Schokoladen-Hersteller an diese Hitzegrenze halten. Es gibt keine Vorgaben. Ein weiterer klar zu erkennender Trend sind kleine Hersteller, die auch direkt verkaufen. Das nennt man „Bean-To-Bar“. Dieser Trend ist heute in Amerika schon ganz deutlich zu erkennen. Wenn man bedenkt, dass man mit rund 1.000 € Technik seine eigene Schokolade herstellen kann, dann ist das auch für junge Konditoren und Chocolatiers ein interessanter Markt.

Sie haben ja viele Jahre täglich Schokolade produziert. Sie waren auch selbst ein „Bean-To-Bar“-Hersteller. Fehlt Ihnen diese handwerkliche Arbeit nicht?

Nein, überhaupt nicht. Heute darf ich, so oft ich möchte, die besten Schokoladen der Welt verkosten. Und ich berate noch ein paar Unternehmen. Für diese Kunden mache ich dann ab und zu – aber nur zum Ausprobieren – auch noch Süßes selbst.

Sie bezeichnen sich ja als Schokoholic. Können Sie denn an einem Schokoladenregal im Supermarkt vorbeigehen?

Ohne Probleme. Ich teste in meinem Buch zwar auch Supermarkt-Schokolade, aber ich selbst kaufe fast nur im Fachhandel und bei den Herstellern ein. Obwohl ich gerade vor Kurzem eine Supermarkt-Schokolade für ein paar Cent getestet habe, die ich als sehr gut einstufen würde. Das war eine Vollmilch-Haselnuss vom Discounter, die hatte 45 Prozent Kakogehalt und 27 Prozent Nussanteil. Sie kommt auch noch aus fairem Handel. Verkosten Sie mal…..

Georg Bernardini stammt aus einer italienischen Gastronomen-Familie. Geboren ist er am 09. September 1967 in Bonn und machte nach seiner Schulzeit zunächst eine Ausbildung zum Konditor. 1987 ging Bernardini nach Frankreich und arbeitete zunächst in Paris als Konditorgeselle und Backstubenleiter. Sechs Monate lang war er in Toulouse Chef-Patissier im Restaurant „Les Jardin de L´Opera“ (Zwei Michelin-Sterne). Im November 1992 gründete Bernardini zusammen mit Oliver Coppeneur die „CC Confiserie Coppeneur et Compagnon“ mit Sitz in Bad Honnef, eine der erfolgreichsten Patisserien und Confiserien Deutschlands. 2010 verkaufte Bernardini alle Anteile am Unternehmen und begann die weltweite Recherche für seine „Schokoladen-Bibel“. Zur Zeit schreibt er am nächsten Schokoladenbuch, führt Schokoladen-Blogs und berät einige Unternehmen.

 

 

Andrea Thoma trifft: Prof. Marin Trenk „Globalisierte Esskultur“

„Maggi kennt man auf der ganzen Welt!“

Andrea Thoma trifft Prof. Marin Trenk aus Frankfurt zum Thema: „Globalisierte Esskultur““

© Buchcover: Klett-Cotta Verlag

Er ist Deutschlands einziger „Ess-Ethnologe“: der Frankfurter Professor Marin Trenk. Einige seiner Kollegen nennen den umtriebigen und weitgereisten auch den „Indianer Jones der Kulinarik“. Trenk lehrt und forscht an der Goethe-Universität Frankfurt rund um das Thema Essen. In seinem aktuellen Buch „Döner Hawaii“ – Unser globalisiertes Essen“ berichtet er von drei Globalisierungswellen aus der Geschichte, die unsere heutige Esskultur entscheidend geprägt haben. „Kolumbus brachte von den Inkas Kartoffeln, Mais und Tomaten nach Europa und in alle Welt, nicht aber deren Zubereitungsarten. Erst mit der zweiten Welle `schwappten´ nicht nur neue Nahrungsmittel, sondern auch erste Rezepte zu uns. Mit der dritten Welle schließlich, im Verlaufe des 20. Jahrhunderts, verbreiteten und etablierten sich erstmals komplette „fremde Küchen“, zunächst jene Italiens und des Balkans, später dann die asiatischen und andere exotische Küchen. Der neueste Food-Trend: Vegetarismus, veganes Essen und die so genannte „Invisibilisierung“ des Essens. „Das bedeutet: heute möchte niemand mehr auf dem Teller an ein Tier erinnert werden. Die Mehrzahl der Menschen isst zwar noch Fleisch, bloß nach Tier darf es nicht aussehen. Deswegen sind zum Beispiel Nieren oder Ochsenschwanz seit Jahren schon out.“ Mehr lesen

Andrea Thoma trifft: Prof. Dr. med. Gustav Dobos

„Medizin bedeutet vor allem auch persönliche Zuwendung“

Gespräch mit dem Pionier der Integrativen Medizin in Deutschland: Prof. Dr. med. Gustav Dobos

Prof. Gustav Dobos hat viele Jahre lang Pionierarbeit für die Naturheilkunde geleistet. Im badischen Freiburg, im sächsischen Bad Elster, in Amerika, China und Indien. 1999 gründete er mitten im Ruhrgebiet die erste deutsche Modell-Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin am Akademischen Lehrkrankenhaus der Universität Essen-Duisburg. Andrea Thoma hat Prof. Dobos in Essen besucht.

Andrea Thoma

Dobos ist das Alter Ego der Essener Klinik. Ohne ihn und seine Begeisterungsfähigkeit für die ganzheitliche Heilkunde, gäbe es das Projekt nicht. Inzwischen hat er mit seinem Team mehr als 40.000 Patienten behandelt und auch die Krankenkassen erkennen seine Therapien längst an. Gustav Dobos ist angekommen. Seinen Erfolg betrachtet er ganz ohne Hybris. Aus der Vision wurde Krankenhaus-Alltag.

In seinem Arbeitszimmer mit deckenhohen Regalen stapeln sich hunderte von Büchern. Medizinische und viele philosophische. Schriften von Konfizius, Laotse, Pfarrer Kneipp und Hildegard von Bingen. Dazwischen einige Holzfiguren, Mitbringsel aus Asien.

Gerade hat der 64jährige sein tägliches Sportpensum auf einem Desktop-Laufband absolviert. Es erlaubt ihm, Schreibtischarbeit und Laufen zu verbinden. Im Winter, wenn er die 16 Kilometer von seinem Zuhause in die Klinik nicht mit dem Fahrrad fährt, stehen Indoor-Übungen an. Sport, Meditation, Yoga – in Kombination mit guter Ernährung. Die Eckpfeiler seines Lebens. Die Bestandteile seiner ganzheitlichen Medizin. Er missioniert mit dieser Lebensweise nicht. Sie ist einfach seine Passion.

Andrea Thoma: Herr Prof. Dobos, was bedeutet Integrative Medizin?

Prof. Gustav Dobos: Der Begriff definiert letztendlich, dass der Dualismus – auf der einen Seite die Schulmedizin, auf der anderen Seite die Naturheilkunde – in unserem Klinik-Alltag weitgehend aufgehoben ist. Was zählt, ist die nachgewiesene Wirksamkeit und die Sicherheit der Behandlung für den Patienten. Die standardisierten Abläufe einer Klinik erlauben es meistens nicht, den Menschen in seiner Ganzheitlichkeit zu erkennen und zu verstehen. Die Spezialisierung der Ärzte tut ein Übriges. Mit dem ganzheitlichen Blick auf einen Kranken ist oft schon der erste Schritt zu einer Veränderung gemacht.

Zu Beginn Ihrer Karriere haben Sie sich mit nephrologisch-immunologischen Themen in der Schulmedizin beschäftigt. Gab es ein auslösendes Erlebnis, sich komplett der Naturheilkunde zuzuwenden?

Eigentlich wäre ich ursprünglich am liebsten ein handwerklich arbeitender Künstler geworden. Noch heute mache ich in meiner Freizeit gerne filigrane Goldschmiedearbeiten und verschenke sie an Familie und Freunde. Dass ich letztendlich mit der Naturheilkunde reüssierte, daran ist meine Frau entscheidend beteiligt. Sie hat Anfang der Achtziger Jahre in Freiburg Sinologie studiert und mich zu einem Auslandssemester nach China einfach `mitgeschleppt´. Conditio für ein Visum war damals eine Ausbildung in Traditioneller Chinesischer Medizin (TCM) vor Ort.

Am Anfang war ich sehr skeptisch. Das Krankheit in Asien als Disbalance von Körper und Seele angesehen wird, dieser Gedanke war mir, in meiner erlernten Organfixiertheit, völlig fremd. Dann aber habe ich wahrgenommen, dass die Methoden der chinesischen Kollegen häufig zum Erfolg führten. Auch die Haptik dieser Medizin faszinierte mich. Der Arzt nahm sich Zeit für die Anamnese, er fasste die Patienten an, fühlte die Pulse und betrachtete die Energie-Linien auf ihrem Körper.

So entstand eine ganzheitliche Diagnose, die das Lebensumfeld des Kranken mit einbezog, und die dem ganzheitlichen Weltbild der Chinesen insgesamt entsprach. Zurück in Freiburg erweiterte ich nach Abschluss meines Studiums meine internistische Fachausbildung auf Ernährungsmedizin und Naturheilkunde.

Spiegelt denn die Naturheilkunde Ihr heutiges Weltbild wieder?

 Ja, denn der Anwendung von Naturheilverfahren liegt tatsächlich ein anderes Welt- und Medizinverständnis zugrunde, nämlich ein ganzheitliches. Das ist übrigens die Basis der gesamten asiatischen Medizin, ob TCM oder indische Medizin.

Eine zentrale Rolle spielt dabei immer auch ein nicht-stofflicher Faktor, ein dynamisches, fließendes Element. Eine Energie, die alles mit allem verbindet, die sich wissenschaftlich – noch – nicht nachweisen lässt, aber an Gesundungsprozessen ganz sicher beteiligt ist. Die Chinesen nennen sie Chi, die Inder Prana. Aristoteles sprach vom`Geist´ und meinte damit nichts anderes.

Auch im alten Europa wurde jahrhundertelang ganzheitlich diagnostiziert und behandelt, unter Einbeziehung dieser geistigen Energien. Die Aufklärung schob solche Phänomene dann in Richtung Mystik, Kirche und Glauben und überließ den physikalischen Körper dem Seziermesser der Wissenschaft.

Ein Seziermesser gibt es in Ihrer Klinik nicht, auch keinen Operationssaal. Wie sieht Ihr Behandlungsspektrum aus?

Unsere Schwerpunkte sind chronisch internistische Erkrankungen, wie beispielsweise Rheuma und Herz-Kreislauferkrankungen, einschließlich des Bluthochdrucks und der koronaren Herzkrankheiten. Zu uns kommen vor allem viele Patienten mit chronischen Darmerkrankungen, Schmerzpatienten und auch Krebspatienten, die wir mit integrativer Onkologie, also in enger Zusammenarbeit mit den Krebsspezialisten der konventionellen Abteilungen unseres Gesamt-Klinikums, behandeln und begleiten.

Gibt es für Sie Ausschlusskriterien für naturheilkundliche Behandlungen? Wo lassen Sie die Finger weg?

Bei Therapien, die eine Gefahr für den Patienten bedeuten könnten und die keine nachgewiesene Wirkung haben. Das ist mein Credo und damit auch mein klar definiertes Auswahlkriterium. Zu unseren Therapien gehören zum Beispiel: Kneipp´sche Therapien, wie die Hydro- und Ordnungstherapie, Entspannungsmethoden wie Yoga und Meditation, Akupunktur, Schröpfen, Neuraltherapie und Elemente der chinesischen und indischen Medizin – falls notwendig auch in Kombination mit konventionellen Therapien.

Sie betonen diese Notwendigkeit eines wissenschaftlichen Nachweises für naturheilkundliche Verfahren immer wieder. Geht es Ihnen darum, der evidenzbasierten Schulmedizin ein wissenschaftliches Gegengewicht anbieten zu können?

 Die Komplementärmedizin hat doch schon längst das Reich der Kräuterweiblein und der Magie und Mystik verlassen. In den amerikanischen Gesundheitsforschungsinstituten (NIH) wird ihre Wirkung in vielen Studien seit 1992 systematisch erforscht und mit über 120 Millionen Dollar pro Jahr staatlich unterstützt.

Im Forschungszentrum unserer Klinik wurden bis heute über Hundert unterschiedliche Überprüfungsverfahren gemacht. Es gibt mehr als fünfzig abgeschlossene Doktorarbeiten und drei Habilitationen zu unseren Therapien. Mehrere Hundert Ärzte haben wir in Integrativer Medizin in Weiterbildungsseminaren ausgebildet.

Geforscht haben wir zum Beispiel zur Blutegeltherapie. In Kombination mit Akupunktur, Yoga und Bewegung ist sie für Arthrose-Patienten hervorragend geeignet. Meistens können Schmerzmittel dann reduziert oder sogar abgesetzt werden und vorher geplante Operationen sind nach dieser Therapie oftmals komplett überflüssig. Eine Studie bei Frauen mit Brustkrebs hat die Wirksamkeit von Meditation belegt. Die Frauen waren weniger ängstlich, weniger depressiv und sie konnten besser schlafen. – In der Forschung liegt für mich die Chance, dass der Nutzen naturheilkundlicher Therapien wissenschaftlich ausreichend belegt wird und sie bald zur Standardbehandlung auch an konventionellen Kliniken gehören. Aber solange ein Arzt, der Naturheilkunde anwendet, gesetzlich verpflichtet ist, seine Patienten über alle anderen schulmedizinischen Therapien zur Behandlung ihrer Krankheiten aufzuklären – völlig unabhängig von der nachweisbaren Wirksamkeit – dies aber nicht im umgekehrten Fall bei einem Schulmediziner gilt – selbst für nachweisbar wirksame naturheilkundliche Therapien – solange haben wir unser Ziel noch nicht erreicht.

Zu Ihrer Therapie-Palette gehört auch die so genannte MindBody (Geist/Körper)Medizin. Was meint der Begriff?

Vereinfacht gesagt, ist die MindBody Medizin eine Therapie für eine `dickere Haut´. Die Basis dieser Medizin, die Ordnungstherapie, gehört zu den fünf klassischen naturheilkundlichen Verfahren. Bereits Hippokrates, der Vater der Medizin, hat vor mehr als 2000 Jahren dafür Empfehlungen gegeben. Sebastian Kneipp hat sie dann zu einer seiner Gesundheitssäulen gemacht.

Definitionsgemäß nutzt sie gezielt die Interaktion zwischen Gehirn und Körper und führt damit zu einer Steigerung der Selbstheilungskräfte. In der Praxis geht es darum,das eigene Innen- und Außenleben zu erforschen, zu ordnen und zu stabilisieren. Das erlernen die Patienten bei uns mit Gesprächen, Verhaltenstherapie, Körper- und Entspannungsübungen und Meditation. Und so haben wir vor allem bei Schmerzpatienten mit diesem Medizin-Modell große Erfolge nachzuweisen. Unser Vorbild ist die amerikanische MindBody Medicine, wie sie in Harvard und am Sloan Kettering Hospital in New York praktiziert wird. Auch sie basiert auf dem Erlernen eines geordneten Lebenswandels und wird in einer neuen Konzeption mit strukturiertem Gesundheitstraining kombiniert.

Beinhaltet die MindBody Medizin somit primär eine kognitive Umstrukturierung des Patienten?

Natürlich gehen alle Veränderungen und Umstrukturierungen über Prozesse im Gehirn. Neurowissenschaftliche Untersuchungen gehen davon aus, dass das Gehirn ständig die inneren Bewegungen im Körper bewertet und auch versucht, sie immer wieder neu zu ordnen. Man nennt das auch `Homöodynamik´, also das Streben nach einem inneren Gleichgewicht, nach der Balance.

Ganzheitliche Therapien ticken diese emotionalen Zentren im Gehirn direkt an. An einem einfachen Beispiel erklärt: Es macht keinen Sinn, bei einem Patienten Schlafstörungen zu behandeln, ohne eine ungünstige Gliederung seines Tagesablaufs und psychosoziale Stressoren zu hinterfragen. Schon im Gespräch wird eine Umstrukturierung anzustoßen, die nachhaltige Veränderungen, wie zum Beispiel zukünftig vorbeugende Maßnahmen zu ergreifen, ermöglichen.

Also Salutogenese statt Pathogenese?

 Etwas von beidem. Salutogenese meint die persönliche Suche nach den einfachen Quellen für Gesundheit. Und solange das nicht die Basis unseres individuellen Lebens ist, brauchen wir die Pathogenese, also die Frage nach der Ursache von Krankheit. Den Begriff `Salutogenese´ hat übrigens der israelische Medizinsoziologe Aaron Antonovsky geprägt.

Bei KZ-Häftlingen hat er den Umgang mit Traumatas untersucht. Die Kraft der Gedanken, Imagination, Haltung und das innere Bewusstsein waren entscheidende Aspekte zum Überleben in solchen Ausnahmesituationen. Diese Kraft der Gedanken spiegelt sich in unseren Therapien wieder. Das Ziel ist immer, die Patienten für eine bewusstere und gesündere Lebensweise in Eigenverantwortung zu sensibilisieren.

Praktizieren Sie hier in Essen das Klinik-Modell der Zukunft?

Fast 80 Prozent des Gesundheitsbudgets wird in Deutschland nur für die Behandlung chronischer Erkrankungen aufgewendet. Der rasche Anstieg der älteren Bevölkerung wird diese Entwicklung noch drastisch verschärfen. Unsere Medizin wird schlicht unbezahlbar. Hier haben die Salutogenese als Präventivkonzept, Ordnungstherapie und Naturheilkunde einiges anzubieten. Auch übrigens das Potential, den demografischen Wandel bezahlbar zu machen.

Sie vergleichen die ganzheitliche Medizin gerne mit dem Nachhaltigkeitsprinzip von erneuerbaren Energien, Umweltbewusstsein oder regionaler Ernährung.

Nachhaltige Medizin geht einher mit einem bewussten, nachhaltigen und ressourcenorientierten Lebensstil. Das bedeutet: Annahme von Eigenverantwortung für das individuelle Wohlbefinden, aktive Mit-Gestaltung einer gesunden  Umwelt, Akzeptanz des Rechtes auf Unversehrtheit für alle Lebewesen – also auch humane Behandlung von Tieren, Ablehnung von kurzfristigen Erfolgen ohne stabilen Unterbau – ganz gleich, ob im Beruf oder für die eigene Gesundheit, Wertschätzung der  überlieferten Erfahrungen unserer Vorfahren – ohne dabei sinnvolle wissenschaftliche Fortschritte zu negieren.

Politik und große Teile der Gesellschaft haben das Prinzip der Nachhaltigkeit noch immer nicht verinnerlicht. Wenn wir aber diese achtsame Haltung in unserem Alltag einnehmen, dann entsteht Salutogenese.

Prof. Gustav Dobos ist Leiter der Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin an den evangelischen Kliniken Essen-Mitte, Stiftungsprofessor für Naturheilkunde an der Universität Duisburg- Essen und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Naturheilkunde.

Mit seiner Modell-Klinik im Evang. Krankenhaus Essen-Steele der Kliniken Essen-Mitte ist er seit 20 Jahren Vorreiter für die so genannte Integrative Medizin (Kombination von Schulmedizin und Naturheilkunde) und MindBody Medizin (Ordnungstherapie). Der Internist mit dem Schwerpunkt Nephrologie und Arzt für Intensivmedizin, arbeitete zunächst an der Universitätsklinik Freiburg, wurde 1997 Chefarzt einer naturheilkundlichen Modell-Klinik in Sachsen und zwei Jahre später

Chefarzt an den Kliniken Essen-Mitte, Abteilung für Naturheilkunde und Integrative Medizin. Eine Modelleinrichtung des Landes Nordrhein-Westfalen. 2004 wurde er auf einen Stiftungslehrstuhl für Naturheilkunde, gefördert von der Krupp-Stiftung, an der Universität Essen-Duisburg berufen.

Dobos ist   Autor   zahlreicher   Bücher,   wie:   „Chronische   Krankheiten   natürlich behandeln“, „Gemeinsam gegen den Krebs – Naturheilkunde und Onkologie“, „Endlich schmerzfrei und wieder gut leben“ und des Spiegelbestsellers „Das gestresste Herz“

Prof. Dobos ist Vater von zwei Töchtern und lebt mit seiner Familie in Essen.

Die Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin in Essen erreichen Sie unter: 0201-174 25008 und im Internet unter: www.kem-med.com.

 

 

Andrea Thoma trifft: Prof. Bernd Böttiger „Herzmassage im Bee-Gees-Rhythmus“

Prüfen! Rufen! Drücken! Lebensrettende Herzmassage im Bee-Gees-Rhythmus

 Andrea Thoma trifft den renommierten Kölner Notfall- und Intensivmediziner, Prof. Bernd Böttiger

Wer bei einem Notfall einem Bewusstlosen helfen will, der kann sich eine einfache Gedankenstütze merken und bei der Herzdruckmassage ganz einfach an Musik denken. Zum Beispiel an den legendären Bee Gees-Hit „Staying Alive“. „Dieser schnelle Rhythmus hilft bei der Reanimation des Herzens immer im Takt zu bleiben“, so formuliert das einer der international renommiertesten Spezialisten für Notfall- und Intensivmedizin: Prof. Dr. Bernd Böttiger, Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin der Universitätsklinik Köln, den ich bei einer Talksendung mit Frank Elstner in Baden-Baden getroffen habe. Mehr lesen

Andrea Thoma trifft: Dr.Bianca Senf, Frankfurt – Hier bekommen Krebserkrankte Hilfe

Krebspatienten stürzen nach der Diagnose aus ihrer normalen Wirklichkeit. Akzeptanz und Neuorientierung sind jetzt gefragt, meint die Psychoonkologin

Dr. Bianca Senf.

Bianca Senf ist eine Kämpfernatur. Eine Charaktereigenschaft, die sie ihren Patienten manchmal auch für ihren persönlichen Heilungsweg vermittelt. Aber es geht ihr beim Thema `Krebs´ grundsätzlich nicht um den Kampf gegen die Krankheit, sondern um die Entscheidung für das Leben, „selbst wenn es im Einzelfall manchmal nur noch kurz ist“. Annahme, Ordnung, Sich-Neu-Erfinden – darüber spricht die Leiterin der Psychoonkologie am Universitären Zentrum für Tumor-Erkrankungen an der Universitätsklinik Frankfurt mit krebskranken Menschen. Direkt am Krankenbett, in ihrem Klinik-Therapieraum und häufig auch noch ambulant in ihrer Praxis.

Akut- und Nachsorge für die Seele, so könnte man vereinfacht den psychosozialen Baustein in der integrativen Tumortherapie bezeichnen. Eine Seelenpflege für Kranke, für deren Angehörige und oftmals auch für die eigenen Kollegen, die diese Arbeit auch heute noch, trotz validierter Instrumente für den Einsatz von Psychoonkologen in der Krebsheilkunde, gerne mal als „Psychokram“ abtun.

Wir treffen Dr. Senf, in Deutschland zu den „Vorkämpfern der 2. Psychoonkologen-Generation“ gehört, und sich vor allem für psychosoziale Untersützung bei Kindern im Umfeld einer Krebserkrankung einsetzt, in ihrer modern eingerichteten Altbau-Wohnung im Frankfurter Nordend.

Andrea Thoma: Ist ein Krebspatient im akuten Stadium nicht schon genug mit dem Tumor in seinem Körper belastet? Braucht er dabei auch noch, vereinfacht gesagt, einen Seelen-Doktor am Krankenbett?

Dr. Bianca Senf: Er braucht einen Menschen, der ihm zuhört und mit ihm das Gedankenkarusell ordnet, oder wie eine Patientin von mir gerne sagt, „ sortiert“. Das schaffen viele Angehörige nicht, da sie auch unter dem Schock der lebensbedrohenden Diagnose stehen und die behandenden Ärzte sind oft zeitlich überfordert. Außerdem bin der festen Überzeugung, dass Körper und Seele im Menschen eine Einheit bilden. Also ist es auch wichtig, nach der seelischen Verfassung eines Kranken zu fragen und nicht nur nach der somatischen, also der körperlichen. Damit will ich absolut nicht die umstrittene These der `Krebspersönlichkeit´ verstärken.

Es geht tatsächlich in der psychoonkologischen Betreung in einer Akutklinik nicht primär um die Frage, woher kommt der Krebs. Darüber reden wir in der Regel nicht sofort und schon garnicht am Krankenbett, es sei denn, den Betroffenen beschäftigt diese Frage und er möchte sie klären. Es geht im akuten Stadium tatsächlich zunächst erst mal um seelische Erste-Hilfe, um eine psychische Untersützung, zusätzlich zur körperlichen Behandlung. Wir Psychoonkologen sind einfach da. Wir hören zu, sortieren die Gefühle und die Anliegen, entwickeln einen Fahrplan und nehmen sowohl im übertragenen Sinn als auch manchmal direkt, den Patienten in den Arm.  

 Lassen sich denn darauf alle Patienten ein?

Nein, nicht alle. Aber immer mehr. Die Psychoonkologie wird Gott sei Dank immer bekannter. Und vor allem bin ich froh, dass auch immer mehr Männer unsere Therapieangebote wahrnehmen.

Sie sprechen davon, dass Mediziner, die für Operationen, Bestrahlungen und Chemotherapien in einer Krebsstation zuständig sind, sich nicht auch noch um das Seelenheil der Krebspatienten kümmern können. Ist das nicht ein Armutszeugnis für unsere Akutmedizin?

 Da hat unsere Medizin natürlich noch großen Nachholbedarf. Denn jeder, der Menschen `verarztet´, hat eigentlich seine Hausaufgaben nicht gemacht, wenn er nur auf die somatischen Krankheitssymptome eines Patienten schaut. In einem großen Klinikum ist aber leider eine tiefergehende psychologische Betreuung durch die behandelnden Ärzte schon aus Zeitgründen nicht möglich. Sie wird einfach von den Krankenkassen nicht bezahlt.

Das Manko, das Sie ansprechen, ist also systemimmanent. Nach meiner Meinung gehört unbedingt in jedes Behandlungsteam eines Klinikums oder Krankenhauses, insbesondere wenn es um Schwerstkranke geht, ein psychosozial ausgebildeter Therapeut, der den Schock und die Ängste der Patienten und ihrer nächsten Umgebung durch seine therapeutischen Befähigungen ein wenig abfedern hilft.

Sie haben mit Ihrem psychoonkologischen Team am Universitätsklinikum Frankfurt eine Spitzen-Position in Deutschland erreicht. Gab es ein Schlüsselerlebnis für Ihre heutige Profession und Haltung?

Ich habe zunächst in Koblenz den Beruf der Kinder-Krankenschwester erlernt. Dabei kam ich schnell mit dem Thema `Kinder und Krebs´ in Verbindung. Die Kinder haben uns Krankenschwestern und auch den Ärzten ganz einfache Fragen gestellt: Wie gehe ich mit Schmerzen um? Wie mit einer Glatze durch die Chemotherapie? Wie sage ich das meinen Spielgefährten? – Damit waren wir häufig völlig überfordert. Wir waren als `medizinische Handwerker´, nicht aber als Seelentröster ausgebildet.

Daran hat sich übrigens bis heute nur wenig verändert. Es fehlt bei der Ausbildung von Ärzten und auch beim Pflegepersonal nach wie vor an der Vermittlung kommunikativer Fertigkeiten. Auch die Bedeutung von Krankheiten für unser Erleben und unser Selbstverständnis, insbesondere Erkrankungen, die unsere Existenz bedrohen oder bedrohen können, wird, wenn überhaupt, zu wenig vermittelt und reflektiert. Die psychosozialen Aspekte von Erkrankungen und deren Auswirkungen auf das gesamte Familien- und Freundesystem haben eine nicht zu unterschätzende Bedeutung für das gesund werden. Sie finden in unserem modernen Medizinsystem aber kaum berücksichtigung. Dass die Psychoonkologie in die Curricula der Psychologie, der Medizin und der Sozialarbeit eingeht, dafür kämpfe ich schon seit Jahren. Es gibt, schon durch unsere Anwesenheit in Akutkliniken, ein kleines Licht am Ende des Tunnels.

Besonders schlimm empfand ich damals übrigens die Sprachlosigkeit in der Familie untereinander und in der Kommunikation mit den Ärzten. Es ging meist nur um technische Details der Behandlung. Der Rest – Trauer, Tränen, Ängste, Wut – wurde überhaupt nicht thematisiert. Dieses hilflose Szenari, das im Übrigen auch von den Behandlern beklagt wird, hat mich nicht mehr losgelassen und hat dazu geführt, dass ich mich verstärkt mit Familientherapien in der onkologischen Zusatzbehandlung beschäftigt habe.

Und wie stellt sich heute das Szenario in einer Krebsstation dar? Sie sagen ja selbst, es hat sich schon durch die zeitliche Enge im Klinkablauf, wenig verändert.

 Es fehlt nach wie vor an der psychosozialen Kompetenz in einer Akutklinik und es fehlt an Zeit. Zudem wird die Kompetenz des Mediziners nicht an seiner Empathiefähigkeit und gesprächskompetenz gemessen, sonder na seinem Faktenwissen. Ein großes Problem. Nicht nur für die Patienten, sondern auch für meine Kollegen. Denn wir Psychoonkologen betreuen nicht nur Patienten und ihre Familien, sondern beraten und untersützen häufig auch unsere Kollegen im Krankenhaus.

Hat sich den gesellschaftlich im Umgang mit der Krankheit Krebs etwas verändert?

Ich glaube, das Buch der damals sehr populären Schauspielerin und Sängerin Hildegard Knef, „Das Urteil“, in dem sie in den 70er Jahren völlig offen ihre Erfahrungen mit einer Brustkrebserkrankung thematisierte, war wegweisend, dass Krebs wieder ein Stück weiter enttabuisiert wurde. Das Buch löste international erste öffentliche Debatten über den persönlichen, klinischen und gesellschaftlichen Umgang mit der Krankheit aus. Aber auch heute noch sehen viele Betroffene diese Krankheit als ein Stigma an. Dazu haben auch die Diskussionen um die so genannte `Krebs-Persönlichkeit´ beigetragen, für die es bis zum heutigen Tag absolut keinen empirischen Nachweis gibt.

Der integrative Behandlungsansatz, in dem Ärzte, Pflegepersonal und Psychoonkologen eng zusammen arbeiten, hat ganz sicher die Sprachlosigkeit bei der Diagnose Krebs mit verändert. Er hat nachweislich eine stresspuffernde und Lebensqualität verbessernde Wirkung auf die Kranken. Inzwischen haben wir in Deutschland bereits 13, von der Deutschen Krebshilfe geförderte und zertifizierte onkologische Spitzenzentren. Voraussetzung dafür ist das Vorhalten einer psychoonkologischen Versorgung für Krebspatienten in der ambulanten und stationären Behandlungssituation.

Was impliziert der Begriff Psychoonkologie und wo liegen seine historischen Wurzeln in der Medizin?

 Der Begriff Psychoonkologie impliziert einen Überschneidungsbereich von klinischer Psychologie und Medizin, auch `Somatopsychologie´ genannt (Erstmals eingeführt im 19. Jahrhundert vom deutschen Psychiater Maximilian Jacobi). Dabei geht es um die psychosozialen Aspekte bei der Entstehung, dem Verlauf und der Behandlung von Krebs. Für die psychosozial orientierte Medizin war das 19. Jahrhundert tatsächlich prägend.

Es war die Zeit der bürgerlichen Revolution, der Verarmung großer Bevölkerungsgruppen und ernährungs- und psychosozial bedingter Erkankungen. Rudolf Virchow, der Begründer der modernen Pathologie, der Mitte des 19. Jahrhunderts als Arzt an der Berliner Charité arbeitete, war übrigens auch einer der ersten, der die psychosoziale Komponente bei Krankheiten thematisierte.

Wer darf als Psychoonkologe arbeiten?

Die Kollegen sind überwiegend Psychologen, Sozialarbeiter, Ärzte oder Heilpraktiker. Der Begriff ist leider noch nicht gesetzlich geschützt, so dass gerade ambulant arbeitende Psychoonkologen eine heterogene Gruppe bilden. Patienten und Angehörige sollten bewusst selektieren, denn gerade bei der Begleitung eines Schwerstkranken ist eine langjährige medizinische und psychotherapeutische Erfahrung Voraussetzung für eine erfolgversprechende Therapie. Ich finde es beispielsweise sehr schwierig, wenn psychoonkologisch tätige Kollegen keine Ahnung von den medizinischen Krankheitsbildern ihrer Patienten haben oder nicht wissen, wie sich z. B. eine Chemotherapie auswirken kann.

In welcher psychischen Situation finden Sie krebskranke Menschen in der Akutklinik vor? Gibt es erkennbare einheitliche Verhaltensmuster?

 Ja und nein. Grundsätzlich folgen Stress-Situationen, und genau damit haben wir es bei einer schweren Erkrankung zu tun, einem so genannten Stress-Verarbeitungsmuster. Vereinfacht gesagt geht es darum, ob ein Mensch das Gefühl hat, die neue Situation als eine Herausforderung anzunehmen oder ob er sich damit komplett überfordert fühlt. Und das ist individuell völlig unterschiedlich und hat etwas damit zu tun, wie man prinzipiell „gestrickt“ ist und welche Bewältigungsfähigkeiten man in seinem Leben gelernt hat.

Vordergründig erkennbar ist bei fast allen Patienten aber die Angst. Angst vor Siechtum, Angst vor Entstellungen durch Narben, Angst vor dem Tod. Dazu kommen oft noch soziale und finanzielle Probleme. Jede Angst hat eine individuelle Färbung. Sie trifft nicht auf ein unbeschriebenes Blatt Papier, sondern auf eine ganz persönliche Lebensgeschichte. Identisch für alle Kranken ist die äußere Situation in einer Akutklinik. Vieles Unbekannte wird plötzlich an den Patienten herangetragen. Er muss auf Behandlungsanforderungen reagieren, hat mit institutionellen Zwängen und mit fixierten Therapiemustern zu tun, ist dem Anpassungsdruck gesellschaftlicher Einstellungen, einschließlich der kollektiven Tendenz zur Angst-Verdrängung ausgesetzt, erlebt ständig seine eigenen und die Ängste seiner Umwelt und hätte vor allem gerne wieder seine Souveränität zurück. Das ist ein individueller Verarbeitungsprozess, den wir engmaschig begleiten.

Ist `Halt geben´, ein Begriff den Sie immer wieder benutzen, ein Teil des Bewältigungs- beziehungsweise des Verarbeitungsprozesses? Und wie gibt man Halt in einer Ausnahmesituation, die auch zum Tod führen kann?

 Dieser Begriff `Halt geben´ ist für mich in der Therapie sehr zentral. Halt kann man einem Menschen geben, in dem man deutlich signalisiert: Ich bin verlässlich für dich da. Im nächsten Schritt versucht der Therapeut die Schocksituation, und die damit zunächst verbundene Sprachlosigkeit zwischen allen Beteiligten aufzulösen. Der Kranke ist vielleicht zum ersten Mal ganz tief  mit seiner eigenen Verletzbarkeit und Endlichkeit konfrontiert.

Wir halten mit ihm diese existentiellen Ängste aus. Denn genau das schafft seine nächste Umgebung meist nicht. Der Krebs frißt sich ja auch ins Umfeld, in die Familie. Man nennt sie `Patienten zweiter Ordnung´, denn auch sie sind der Schocksituation ausgesetzt. Der erste Ansatzpunkt ist, den angstbesetzten Sturz aus der normalen Lebenswirklichkeit, den Verlust der `Unschuld´ wie ich es nenne, zu thematisieren, die Trauer und Wut auszuhalten und dann individuelle Lösungswege zu suchen.

 Welche Ziele und Orientierungspunkte können Sie einem Menschen, der seine Normalität verloren hat, anbieten? Welche Elemente aus der Bewältigungsforschung setzen Sie ein?

 Die Bewältigungsforschung beschäftigt sich schon lange mit den Fragen, wie sich die unterschiedlichen Reaktionsweisen von traumatisierten Menschen ordnen lassen. Es gibt hierbei kein `richtig´ oder `falsch´. Zunächst geht es nur darum, existentielle Gefühle zu strukturieren und dann zu portionieren. Damit beginnt der Orientierungsprozess, die ganz persönliche Krankheitsverarbeitung, die wir auch `Coping´ nennen (Nach Lazarus/Folkmann 1984: „Verhalten, das vom Patienten eingesetzt wird, um die krankheitsbedingten Anforderungen, Belastungen und Probleme zu überwinden, zu lindern oder zu tolerieren“). Dieser Begriff beinhaltet auch schon das Ziel: Ein anderer Umgang mit Belastungen und Ängsten und der Gewinn einer neuen Gefühlsstabilität.

Wir vermitteln dabei auch neue Kontrollstrategien, geben Anstösse für die mögliche Klärung von lebensbiografischen Konflikten und Traumatas, für den Aufbau von neuen Verarbeitungsstrategien und für die Schaffung von neuen Kommunikations-Plattformen. Das alles gelingt nicht immer, aber wenn der Patient nur einige der Ziele erreicht, verbessert sich dadurch seine Lebensqualität.

 Welche therapeutischen Möglichkeiten stehen Ihnen insgesamt zur Verfügung?

Man kann die psychosoziale Erste-Hilfe unter den Begriffen Psychoedukation, Krisenintervention und supportive Begleitung subsumieren. Grundsätzlich kommen zunächst Stabilisierungsinterventionen zum Einsatz. Ich frage mit dem Patienten dabei auch vorhandenes Wissen ab: Was hat mir sonst in Krisenzeiten immer geholfen? Was tut mir im Alltag gut?

Hier öffnen sich oft Wege, die der Einzelne und auch seine Umgebung in dieser existentiellen Ausnahmesituation einfach nicht mehr sehen. Wir geben auch ganz pragmatische Unterstützung, in dem wir zum Beispiel gemeinsame Gespräche mit Arbeitskollegen, und bei betroffenen Kindern, auch mit Lehrern oder Mitschülern führen. Zusätzlich bieten wir körperliche Entspannungshilfen wie Progressive Muskelentspannung, Autogenes Training, Qi Gong- und Kunsttherapie-Kurse oder Imaginationsübungen aus der Hypnosetherapie an. Auch mit der „Klopftherpie“, das ist eine Form der körperbezogene, energetischen Körpertherapie habe ich sehr gute Erfahrungen gemacht.

 Hat jeder Krebspatient einen Anspruch auf psychosoziale Betreuung?

Jeder Patient, der in einem zertifizierten Organzentrum behandelt wird, hat einen Anspruch auf eine kostenlose psychoonkologische Begleitung in allen Krankheitsphasen. Für sich selbst und für seine Angehörigen. Dieser Anspruch steht im nationalen Krebsplan. Noch warten wir aber auf seine Umsetzung. Und bis dahin zahlen die zertifizierten Kliniken das Therapieangebot aus der eigenen Tasche.

Das ist aus meiner Perspektive ein Skandal, denn die Psychoonkologie ist seit mehr als 20 Jahren eine nachweislich wirksame, wichtige Komponente in der integrativen Behandlung von Krebskranken, von denen 20 bis 30 Prozent im Laufe ihrer Erkrankung psychische Störungen oder ausgeprägte psychosoziale Beeinträchtigungen entwickeln. Wenn diese Symptome unbehandelt bleiben, besteht die Gefahr einer Chronifizierung. Das Erkrankteeinen Anspruch auf psychoonkologische Betreuung haben, wissen viele Patienten nicht und mir wäre es recht, wenn sie diese Versorgung lautstark bei Klinikleitungen einklagen würden.

Sie erwähnten am Anfang unseres Gespräches die `Körper-Geist-Seele-Einheit´ eines Menschen. Wird in unserem Medizinsystem noch immer viel zu häufig nach dem kartesianischen Welt- und Menschenbild behandelt?

Unser psychosozialer Ansatz trifft tatsächlich noch immer auf ein medizinisches System, das in vielen Bereichen dem Kausalitätsprinzip des kartesianischen Weltbildes (Der französische Philosoph, Mathematiker und Naturwissenschaftler René Descartes machte das Prinzip des Dualismus, die Trennung von Körper und Geist, im 17. Jahrhundert populär) folgt. Danach ist eine Krankheit jeweils einer bestimmten Ursache zuzuordnen, sie ist dann zunächst körperlich zu betrachten und auch so zu behandeln. Nach meiner Überzeugung ist die Entstehung von Krankheiten aber eher multikausal und sollte deshalb unbedingt aus dem ganzheitlichen Ansatz heraus behandelt werden. Im medizinischen Verständnis, im System und Ablauf eines Akutklinikums, sind wir Psychoonkologen mit unserer Haltung also irgendwie `quergebürstet´.

Wie gehen Sie mit dem Tod um? Ist Psychoonkologie nicht ganz häufig auch einfach nur Sterbebegleitung?

Natürlich ist das Sterben und der Tod unser täglicher Begleiter. Nach meiner ethischen Überzeugung sollte es nicht um das Überleben um jeden Preis gehen, sondern vor allem um die Lebensqualität des Einzelnen und die Achtsamkeit für das Hier und das Jetzt. Auch wenn am Ende das Sterben durch eine schwere Krankheit steht. Wenn es in einer weit fortgeschrittenen Krankheitssituation dann doch zur Heilung kommt, ist das letztendlich jedesmal auch ein Wunder. Und dieses Wunder ist nach meiner Erfahrung mit Schwerstkranken keinesfalls nach einem einheitlichen Schema reproduzierbar, sondern dahinter steht ein individueller Heilungsweg, der mit der Suche nach dem eigenen, oftmals auch verlorengegangenen Lebensfaden, beginnt. Das Buch von Kappauf und Gallmeier: Wunder sind möglich, ist in diesem Zusammenhang erhellend und sehr lesenswert.

Dr. rer. med. Bianca Senf ist Diplom-Psychologin, Psychologische Psychotherapeutin und zertifizierte Psychoonkologin. Sie leitet die psychoonkologische Abteilung am Universitätsklinikum Frankfurt am Main. Zuvor war sie einige Jahre für die Deutsche Krebsgesellschaft e.V. tätig. Dr. Senf arbeitete federführend an den Leitlinien für psychosoziale Krebsberatungsstellen der Deutschen Krebsgesellschaft e.V. mit und setzte sich im Rahmen ihrer Vorstandstätigkeit bei der Deutschen Arbeitsgemeinschaft Psychosoziale Onkologie für die Etablierung von integrativen, psychosozialen Angeboten an Akut-Krankenhäusern ein. Sie leitet seit über 20 Jahren auch eine psychotherapeutische Privatpraxis in Frankfurt und engagiert sich hier besonders für therapeutische Gespräche mit Kindern von Tumor-Patienten. Hierzu hat sie eine (deutsch-türkische) Broschüre herausgegeben: „Wahrheit braucht Mut – Mit Kindern über Krebs sprechen, wenn Eltern an Krebs erkranken“. Der Ratgeber ist kostenlos über die Abteilung für Psychoonkologie am Frankfurter Universitätsklinikum zu bestellen (Email: psychoonkologie@kgu.de)

Weitere Informationen zum Thema: Arbeitsgemeinschaft für Psychoonkologie (PSO) in der Deutschen Krebsgesellschaft e.V. in Mainz (www.pso-ag.de), Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Psychosoziale Onkologie (dapo) e.V. in Ludwigshafen (www.dapo-ev.de).

Interview und Foto: © Andrea Thoma

Andrea Thoma trifft: Schwimmlegende Dr. Michael Groß

Dr. Michael Groß im Interview mit Andrea Thoma

Im Profil …Dr. Michael Groß

 Er war DER deutsche Rekord-Schwimmer der 80er Jahre: Michael Groß. Genannt „Albatros“. Heute ist er selbstständiger Unternehmensberater in Frankfurt, Buchautor und Dozent an einer privaten Wirtschaftsuniversität. Begonnen hat seine legendäre Karriere mit 16 Jahren. Der Hausarzt hat seiner Mutter empfohlen, den Sohn wegen seines schnellen Wachstums zum Schwimmen zu schicken. Bald war Michael Groß 2,01 Meter lang und hatte eine Armspannweite von 2,13 Metern. Er machte als Schwimmer eine sensationelle Karriere: 21 Titelgewinne bei Olympischen Spielen, Welt-und Europameisterschaften. Davon drei Goldmedaillen, fünf Weltmeisterschaften, 13 Europameisterschaften, 12 Weltrekorde und 24 Europarekorde. Andrea Thoma traf den Weltrekordler zum Gespräch:

Andrea Thoma: Lieber Michael Groß, auf Ihrer Webseite steht ein wunderbarer Lebensspruch: `Nicht weil etwas schwer ist, wagen wir es nicht. Weil wir es nicht wagen, wird es schwer´. – Haben Sie alles gewagt im Leben?

 Michael Groß: Nein, ganz sicher nicht. Ich wollte zum Beispiel unbedingt einmal längere Zeit im Ausland leben, um andere Kulturen besser kennenzulernen. Ich wollte nach Amerika oder Australien. Als Student konnte ich das nicht machen, weil ich damals schon eigenes Geld durch den Sport verdient habe, und eine Scholarship (Stipendium) in den USA gab es leider nur für `mittellose´ Studenten. Und danach ging es weiter mit Universität, Wehrdienst, Familie und Firmengründung. Irgendwie hat es nie gepasst. Ich bin nun mal in Frankfurt verankert.

 Wenn man 21 Titelgewinne im Schwimmen nach Hause geholt hat, die ganze Welt den `Albatros´ kennt, zieht es Sie dann heute noch ins Schwimmbad?

 Dieses Jahr war ich überhaupt noch nicht schwimmen. Ich mache mit meiner Familie inzwischen einfach andere Sportarten, wie Wakeboarden, Snowboarden, Fahrradfahren. Außerdem habe ich einen Bootsführerschien. Die Prioritäten haben sich einfach im Laufe der Zeit verlagert.

 Was ist geblieben von der Weltkarriere in den 80er Jahren?

 Ich habe einfach eine ganz andere berufliche Laufbahn eingeschlagen. Mit dem damaligen Leben hat mein heutiges fast nichts mehr zu tun. Natürlich falle ich schon durch meine Größe immer noch auf. Aber die Jüngeren wissen mit dem `Albatros´ fast nichts mehr anzufangen.

 Eigentlich haben Sie Ihre Karriere ja Ihrem Hausarzt zu verdanken, der Ihrer Mutter riet, Sie zum Schwimmen zu schicken, weil Sie so schnell gewachsen sind….

 Ja, das hat der Arzt meiner Mutter sogar dringend angeraten. Denn die Muskeln sollten sich mit entwickeln und das geht im Wasser am besten. So wurde aus einem medizinischen Ratschlag eine Sportler-Karriere.

 Was ist die größte Kunst beim Schwimmen?

 Kraft und Technik in das Wasser zu bringen – das ist die Herausforderung für jeden Schwimmer.

 Sie sind 2,01 Meter lang. Diese Größe hat Ihnen den Zugang ins Cockpit verbaut, denn Sie wollten Pilot werden…

 MG: Ich bin kläglich an sechs Zentimetern gescheitert. Die Lufthansa hat mich nicht genommen, denn ich hätte in kein Cockpit einer kleineren Maschine gepasst. Und natürlich besteht bei großen Menschen auch die Gefahr eines Blackouts im Extremfall. Bei starken Beschleunigungen werden die Extremitäten und das Gehirn nicht mehr gut durchblutet. Das kann sich ein Pilot nicht leisten.

 Lassen Sie sich Ihre Kleidung maßanfertigen?

 Ja, mein Onkel und mein Cousin haben sich mit ihrer Spezial-Schneiderei Wermter auf maßgeschneiderte Konfektion für große Menschen spezialisiert. Sie haben tolle Schnitte und sehr schöne Stoffe. Also fahre ich öfter mal nach Essen, nicht weit von der Villa Hügel ist ihr Schneider-Unternehmen, und kleide mich dort ein. Das mache ich schon seit Jahrzehnten…

 Ihre sensationelle Sportlerkarriere haben Sie mit 26 Jahren beendet. Wenn man zurückblickt, dann hat man das Gefühl, Schwimmen war Ihr Hobby. Sie haben sich nicht so vermarkten lassen wie viele andere Sportler. War das so gewollt?

 Sie sagen es ganz richtig: Schwimmen war mein Hobby. Die schönste Nebensache der Welt. Ich hatte auch nur sehr kleine private Zeitfenster, also habe ich Vieles einfach abgelehnt. Heute ist der Sport Teil des Showbusiness. Ein großer PR-Aufmarsch. Da konnte man sich vor 20 oder 30 Jahren noch ganz gut raushalten.

 Nach Ihrer aktiven Zeit waren Sie auch als Funktionär im Vorstand des Deutschen Sportbundes. Sie sagen, Josef Neckermann, der erste und langjährige Vorstand, würde sich über die heutige Ausrichtung des Deutschen Sportbundes im Grabe herumdrehen. Warum?

 Weil dort seit vielen Jahren der Stillstand, die reine Verwaltung der Macht Einzug gehalten hat. Und das ist nicht mein Ding. Das war auch nicht Neckermanns´ Ding und schon gar nicht seine Vision von Sportförderung. Ich bin auch kein Machtmensch. Mir geht es um Inhalte. Dort wurden und werden Claims abgesteckt. Es gibt keine Visionen mehr, keine Agenda. Deshalb habe ich 2005, nach fünf Jahren im Vorstand, den Job auch niedergelegt.

 Nochmal zurück zu den Schwimmanfängen. Sie sind ja sozusagen auf Feindesland geschwommen. In Offenbach…

 Damals gab es rund um Frankfurt nur zwei gute Schwimmclubs, einer in Darmstadt und einer in Offenbach. Letzterer war einfach näher. Die S-Bahn hat an der Stadtgrenze von Offenbach gehalten und ich musste lange laufen, um das Schwimmbad zu erreichen. Die alte Fehde zwischen den beiden Städten ist eher belustigend, die habe ich nie ernst genommen. Darüber habe ich oft mit Petra Roth, der früheren Frankfurter Oberbürgermeisterin Witze gemacht.

 Sie haben inzwischen zwei Bücher geschrieben. Eines davon heißt: `Selbstcoaching´. Darin schreiben Sie, man solle für die Karriere ein Glückstagebuch führen. Wozu soll das gut sein?

 Um die Schlangenlinien im Leben aufzuzeichnen. Um die positiven Momente des Alltags später zu memorieren. Denn genau diese Kleinigkeiten gehen uns im Rückblick oft verloren. Aber sie sind Teil unseres Lebens und unseres Glücks. Diese Aufzeichnungen zeigen, wenn man sie später liest, die Schritte nach vorn, die zurück, und die zur Seite. Das ist im Rückblick oft sehr spannend.

 Und seine Erfolge solle man in einen so genannten Motivkompass eintragen…

 Das sind die Motive, die unser Leben wirklich bewegen. Kein festes Programm, aber das, was uns ausmacht. Manchmal, zum Beispiel bei wichtigen Entscheidungen, lohnt es sich, diese Motive mit einzubeziehen.

 Wie coachen Sie sich selbst? Woran denken Sie, wenn Sie morgens aufstehen?

 Ich führe auch ein solches Glückstagebuch und auch einen Motivkompass. Alles wird täglich und händisch eingetragen. Übrigens bin ich grundsätzlich ein sehr haptischer Mensch. Ich schreibe und strukturiere auch meine Bücher, Vorträge und auch wichtige Aufträge in meinem Unternehmen erst auf einem weißen Blatt Papier, dann erst übertrage ich sie in den Computer. Mein Selbst-Coaching besteht vor allem darin, dass ich meine Grenzen als Gestalter kenne und nach diesen mein Leben eingerichtet habe. Nicht statisch, aber in den wichtigen Eckpunkten. Ich gehe mit meinen Zweifeln, auch mit Trauer und Niederlagen, möglichst offen um. Am liebsten präsentiere ich meine Ansichten oder Pläne einem kleinen Kreis von engen Freunden. Das motiviert mich dann immer wieder neu.

Dr. Michael Groß ist am 17. Juni 1964 in Frankfurt geboren. Seine Schwimmkarriere begann er mit 16 Jahren, weil ein Arzt seiner Mutter anriet, ihn wegen seines schnellen Wachstums zum Schwimm-Unterricht anzumelden. Er belegte schon nach wenigen Monaten Training den zweiten Platz bei den Deutschen Meisterschaften in München über 100 Meter Schmetterling, im Jahr 1980. Groß trainierte von Anfang an beim Offenbacher Schwimmclub.

Schnell legte er in den 80er Jahren eine Weltkarriere hin. Er gewann insgesamt dreimal Gold bei Olympischen Spielen, wurde fünfmal Weltmeister, dreizehn Mal Europameister, er stellte 12 Weltrekorde und 24 Europarekorde auf. Seinen Spitznamen „Albatros“ erhielt der Schwimmer von den französischen Medien, aufgrund seiner Armspannweite von 2,13 Metern.

Groß machte parallel zur Schwimmkarriere sein Abitur, studierte Philologie und Medienwissenschaften, machte seinen Dr. phil. und schloss daran eine journalistische Ausbildung an.

Heute ist er Geschäftsführer der Frankfurter Kommunikationsagentur Groß & Cie GmbH und arbeitet als selbstständiger Berater, Hochschuldozent und Buchautor  („Siegen kann jeder“ und „Selbstcoaching“).

Mehr zu Michael Groß finden Sie hier: https://www.michael-gross.net/

Michael Groß, Autorin: Andrea Thoma, © Fotos: Michael Groß, privat und ATH Medien