Videomitschnitt zur Online-Pressekonferenz – Deutschen Hormonwoche 12. bis 19. September 2020

Videomitschnitt Hormonwoche

Deutschen Hormonwoche (12. bis 19. September 2020)
Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie e.V. (DGE)

60 Jahre Pille – Licht und Schatten
Professor Dr. Vanadin Seifert-Klauss, Leitende Oberärztin Poliklinik/Endokrinologie an der Klinik
und Poliklinik für Frauenheilkunde am Klinikum rechts der Isar in München

Wenn Kinder zu wenig oder zu viel wachsen
Professor Dr. med. Joachim Wölfle, Vorstand der Arbeitsgemeinschaft „Pädiatrische Endokrinologie
und Diabetologie“ der DGE, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinderendokrinologie
(DGKED), Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Klinikum Erlangen der FriedrichAlexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Gezielte Entzündungsmodulation – ein Konzept zur Behandlung von Diabetes Typ 2?
Professor Dr. rer. nat. Jan P. Tuckermann, Leiter des Instituts für Molekulare Endokrinologie der Tiere
an der Universität Ulm und Vizepräsident der DGE

Presseartikel zur Online Konferenz:

Wenn Kinder zu viel oder zu wenig wachsen

Wachstumsstörungen immer ärztlich abklären lassen
Altdorf, 8. September 2020 – Wachstumsstörungen vom Baby bis zum Teenager zählen zu den
häufigsten Gründen, einen Kinderarzt aufzusuchen. Tatsächlich sind jeweils etwa drei Prozent
aller Kinder klein- oder hochwüchsig. Die Ursachen für Wachstumsstörungen sind vielfältig.
Häufig handelt es sich um Abweichungen von der Norm, die nicht weiter einer medizinischen
Behandlung bedürfen. Sie können aber auch ein erstes Anzeichen für eine ernste Erkrankung
sein. Deshalb sollten sie immer vom Kinderarzt und gegebenenfalls einem
Kinderendokrinologen abgeklärt werden. Die 5. Deutsche Hormonwoche der Deutschen
Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) vom 12. bis 19. September 2020 bietet Anlass, über
Wachstumsstörungen und ihre Behandlungsmöglichkeiten aufzuklären. Klein- und Hochwuchs
ist auch ein Thema auf der heutigen Online-Pressekonferenz im Vorfeld der 5. Deutschen
Hormonwoche.
Ein zu geringes, aber auch ein zu frühes oder starkes Längenwachstum kann für die Betroffenen und
ihre Angehörigen sehr belastend sein. Eine Erwachsenengröße von unter 150 cm gilt in Deutschland
als Behinderung. Tatsächlich suchen deutlich weniger Groß- als Kleinwüchsige eine medizinische
Abklärung. „Dies mag damit zusammenhängen, dass Hochwuchs gesellschaftlich deutlich akzeptierter
ist als Kleinwuchs“, sagt Professor Dr. med. Joachim Wölfle, Präsident der Deutschen Gesellschaft für
Kinderendokrinologie (DGKED) und Vorstand der Arbeitsgemeinschaft „Pädiatrische Endokrinologie
und Diabetologie“ der DGE.
Das schnellste Wachstum erfolgt im Bauch der Mutter. Innerhalb von neun Monaten entwickelt sich
die befruchtete Eizelle zu einem vollständigen kleinen Menschen von 46  bis 55 cm (3. bis
97. Perzentile) beim Mädchen und 47  bis 55,5 cm (3. bis 97. Perzentile) bei Jungen. „Nie wieder
wächst ein Mensch so rasch wie in dieser Zeit“, erläutert der Kinderendokrinologe und Direktor der
Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Klinikum Erlangen der Friedrich-Alexander-Universität
Erlangen-Nürnberg. Auch im 1. Lebensjahr ist das Wachstum noch schnell: So wachsen Mädchen im
Durchschnitt 24,5 cm und Jungen 25,5 cm (1). In der Kindheit nimmt die Wachstumsgeschwindigkeit
allmählich ab – bis zum letzten Wachstumsschub in der Pubertät. Unter dem Einfluss der
Sexualhormone kommt es zu einem vermehrten Längenwachstum. Als Faustregel kann gelten, dass
Mädchen nach der ersten Monatsblutung noch etwa 4 bis 5 cm wachsen. „Für Jungen gibt es leider
keinen entsprechenden Anhaltswert“, so Professor Wölfle.
Eine Abweichung von der Norm bedeute nicht automatisch, dass das Kind krank ist, beruhigt
Professor Wölfle. Dennoch gelte es, organische Erkrankungen auszuschließen, die zu einer
Wachstumsstörung führen können. Oft handle es sich lediglich um Normvarianten von
Größenwachstum, etwa als Folge von familiärer Veranlagung. Mehr Augenmerk bedürften in der
Regel konstitutionsbedingte Verzögerungen von Wachstum und Entwicklung. „Zu Kleinwuchs
können Mangel- oder Fehlernährung, aber auch zehrende Erkrankungen wie schweres Asthma,
Mukoviszidose oder erworbene schwere Herzerkrankungen wie eine Herzinsuffizienz führen. Zu den
hormonbedingten Ursachen von Kleinwuchs gehören etwa die Unterfunktion der Schilddrüse, das
Cushing-Syndrom, eine Rachitis, ein schlecht eingestellter Diabetes mellitus oder ein Mangel an
Wachstumshormon“, erläutert Professor Dr. med. Matthias M. Weber, Mediensprecher der DGE und
Leiter des Schwerpunktes Endokrinologie und Stoffwechselerkrankungen der Universitätsmedizin
Mainz. Kleinwuchs kann aber auch das Erstsymptom weiterer schwerer Erkrankungen sein. Hierzu
zählen unter anderem eine chronische Niereninsuffizienz oder auch Achondroplasie – eine seltene
Erbkrankheit, bei der vor allem Oberarm- und Oberschenkelknochen verkürzt sind. „Der rasante
Fortschritt in der genetischen Diagnostik erlaubte in der jüngeren Vergangenheit eine Identifizierung
von Krankheitsursachen und bietet so die Möglichkeit für die Entwicklung von mehr zielgerichteten
Therapien“, berichtet Professor Wölfle.
Auch Hochwuchs kann für andere Begleiterkrankungen stehen, die nicht auf den ersten Blick sichtbar
sind. So leiden Patienten mit dem sogenannten Marfan-Syndrom nicht nur an einem
überdurchschnittlichen Längenwachstum. Sie gehen oft auch mit Fehlbildungen des Herz-
/Blutgefäßsystems wie Aussackungen der Aorta (sogenanntes Aneurysma) und Einrissen und
Spaltbildung zwischen den Gefäßwänden der Hauptschlagader (Dissektionen) einher. Unerkannt
können sie zu lebensbedrohlichen Komplikationen führen.

60 Jahre Antibabypille: Licht und Schatten

Betreuung von Frauen rund um die Einnahme verbessern
Altdorf, 8. September 2020 – Vor 60 Jahren wurde die sogenannte Antibabypille eingeführt. Das
Anwendungsspektrum der Hormonpräparate ist weit gesteckt. Es umfasst neben der Verhütung
einer Schwangerschaft die Behandlung häufiger Störungen des weiblichen Hormonhaushalts –
von Blutungsstörungen über Endometriose bis Akne. Die 5. Deutsche Hormonwoche der
Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) vom 12. bis 19. September 2020 nimmt das
Jubiläum zum Anlass, über Nutzen und Risiken der „Pille“ und ihrer Einsatzmöglichkeiten zu
informieren. Denn die hormonelle Verhütung greift tief in den Stoffwechsel ein. Warum sie
deshalb auch kein Lifestyle-Präparat ist, das routinemäßig verschrieben werden sollte, ist ein
Thema auf der heutigen Online-Pressekonferenz im Vorfeld der 5. Deutschen Hormonwoche.
Professor Dr. med. Vanadin Seifert-Klauss, leitende Oberärztin der Gynäkologischen
Endokrinologie am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München, gibt einen
Überblick über den aktuellen Wissensstand, so auch zu Thrombosen und Depressionen im
Zusammenhang mit der „Pille“, und beantwortet Fragen.
Seit ihrer Markteinführung im Jahr 1960 in den USA nehmen weltweit täglich über 100 Millionen
Frauen die „Pille“. Das sind etwa neun Prozent der Frauen im gebärfähigen Alter. Unter der „Pille“
versteht man im Allgemeinen ein Östrogen-Gestagen-Kombinationspräparat (kombinierte orale
Kontrazeptiva (KOK). Wenn es, wie heute meist üblich, niedrig dosiert ist, wird es als Mikropille
bezeichnet. Daneben gibt es reine Gestagen-Produkte, die sogenannten Minipillen oder
Gestagenpillen.
In Deutschland ist die „Pille“ das nach wie vor am Häufigsten verwendete Verhütungsmittel. Doch
aktuelle Auswertungen der gesetzlichen Krankenversicherungen AOK (1) und Techniker
Krankenkasse (2) zeigen, dass besonders unter den jungen Frauen die Anwender-Zahlen zurück gehen.
So ist der Anteil der Pillen-Verordnungen bei den bei der AOK versicherten Mädchen und Frauen im
Alter bis zu 20 beziehungsweise 22 Jahren von 46 Prozent im Jahr 2010 auf 31 Prozent im Jahr 2019
gesunken. Seit Mitte 2019 übernimmt die gesetzliche Krankenversicherung die Kosten für die „Pille“
bis zum Alter von 22 Jahren. „Immer mehr lehnen heute diesen Eingriff in die natürlichen Vorgänge
ihres Körpers ab“, sagt Professor Seifert-Klauss. „Hinzu kommen verunsichernde Berichte, etwa über
Thrombosen oder Depressionen im Zusammenhang mit der Anwendung.“
„Bezüglich eines erhöhten Thromboserisikos ist richtig, dass der synthetische Östrogen-Anteil in KOK
generell dieses Risiko im Vergleich zu jungen Frauen, die nicht hormonell verhüten, erhöht“, so
Professor Seifert-Klauss. Es gebe zudem Hinweise, dass die modernen KOK-Präparate der 3. und 4.
Generation – insbesondere jene mit dem künstlichen Gestagen Drospirenon – sowie die LangzeitEinnahme von KOK die Thrombosegefahr möglicherweise weiter erhöhen. „Dennoch bewegt sich das
Risiko eines Gefäßverschlusses durch die Pille auf einem generell niedrigen Niveau.“ Bei
Schwangeren oder erst recht bei Frauen untermittelbar nach der Geburt eines Kindes sei die
Wahrscheinlichkeit der Bildung eines Blutgerinnsels, das die Gefäße verstopfe, um ein Vielfaches
höher, so die Ärztin.
Doch um über Nutzen und Risiken der „Pille“ aufzuklären und zu möglichen individuellen
Nebenwirkungen und den Umgang mit ihnen zu beraten, brauche es Zeit für die Anamnese und
ärztliche Kompetenz. „Die sprechende Heilkunde bleibt zugunsten der operativen Medizin auf der
Strecke“, kritisiert Professor Seifert-Klauss. „Da ist es dann kein Wunder, dass Patientinnen sich von
hormoneller Verhütung abwenden“, findet die Fachärztin für Gynäkologische Endokrinologie.
Dabei habe die Pille – eine korrekte Einnahme und gesundheitliche Eignung der Patientinnen
vorausgesetzt– viele Vorteile: Sie verhüte sicher vor einer ungewollten Schwangerschaft und sei
komfortabel in der Anwendung. Weniger im Fokus der Öffentlichkeit, aber nicht minder wichtig seien
auch die zahlreichen therapeutischen Wirkungen von hormoneller Verhütung. „Viele hormonell
verursachten weiblichen Beschwerden werden bei der Einnahme ganz „nebenbei“ behandelt“, erläutert
Professor Seifert-Klauss und zählt Beispiele auf: etwa eine Blutarmut durch zu starke
Monatsblutungen, eine unregelmäßige Periode, Zystenbildung der Eierstöcke, Endometriose,
Hautunreinheiten und vieles mehr könnten gelindert oder sogar behoben werden. „Manche
Patientinnen nehmen die „Pille“ sogar weniger zur Verhütung als aus medizinischen Gründen.“ Am
Ende des Tages, so die DGE-Expertin, komme es darauf an, für jede Patientin den Nutzen der Pille
gegen die Risiken abzuwägen.
Professor Dr. med. Matthias M. Weber, Mediensprecher der DGE und Leiter des Schwerpunktes
Endokrinologie und Stoffwechselerkrankungen der Universitätsmedizin Mainz, fasst zusammen: „Die
hormonellen Regelkreise sind sehr komplex. Daher müssen Anwendungen wie die „Pille“ unbedingt
von gynäkologisch-endokrinologisch versierten Expertinnen und Experten begleitet werden.

Diabetes Typ 2 und Übergewicht: hilft eine gezielte Entzündungsreduktion?

Experten stellen neue mögliche Strategien für eine Diabetestherapie vor
Altdorf, 8. September 2020 – Adipositas löst chronische Entzündungen im Fettgewebe aus. Diese
Entzündungen wiederum schaden dem Stoffwechsel und können so etwa
Stoffwechselerkrankungen wie einen Diabetes Typ 2 zur Folge haben. Doch nicht immer hilft die
Änderung des Lebensstils, um Gewicht zu verlieren, oder die Erfolge sind nur von kurzer
Dauer. Forscher arbeiten deshalb an Lösungen, gezielt in diese Entzündungsprozesse mithilfe
von Medikamenten einzugreifen. Auf der heutigen Online-Pressekonferenz der Deutschen
Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) informieren Experten, wie Fettstoffwechsel, Hormone
und Diabetes Typ 2 zusammenhängen und welche Lösungsansätze es für eine Therapie von
Menschen mit Adipositas und Diabetes Typ 2 gibt. Anlass ist die 5. Deutsche Hormonwoche der
Fachgesellschaft vom 12. bis 19. September 2020.
Wissenschaftliche Erkenntnisse der letzten Jahre zeigen, dass in überschüssigem Fettgewebe
niederschwellige chronische Entzündungen stattfinden können. Dies gilt auch für im
Energiestoffwechsel aktive Gewebe wie Leber, Bauchspeicheldrüse und Gehirn. Diese von den
Patienten oft gar nicht wahrnehmbare, „stille“ Entzündungsreaktion hat vielfältige nachteilige
Wirkungen auf den Organismus. Sie senkt beispielsweise die Empfindlichkeit des
blutzuckersenkenden Hormons Insulins herab. „Dadurch verbleibt nach der Nahrungsaufnahme der
Zucker im Blut und wird nicht oder schlecht von den Geweben aufgenommen“, erläutert Professor Dr.
rer. nat. Jan Tuckermann, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie e.V. (DGE).
Entsprechend produziert die Bauchspeicheldrüse immer mehr Insulin, um den Blutzucker zu senken.
Schließlich erschöpfen sich die insulinproduzierenden Zellen und es kann sich ein Diabetes Typ 2
entwickeln. „Wir sehen diese schwelende Entzündung nicht mehr nur als „passiven“ Begleitprozess
von Erkrankungen. Wir wissen heute, dass sie vielmehr eine wesentliche, ursächliche Rolle in der
Krankheitsentstehung spielt“, so Tuckermann, der das Institut für Molekulare Endokrinologie der
Tiere an der Universität Ulm leitet. Umso wichtiger sei es, überschüssiges Körperfett abzubauen.
Um abzunehmen gelten als etablierte Maßnahmen Diät, Bewegung und Sport sowie eine
Verhaltenstherapie und Medikamente. In schweren Fällen verkleinern Chirurgen den Magen und
Darmtrakt. Und tatsächlich zeigen viele Studien, dass eine Gewichtsabnahme Diabetes zurückdrängen
kann. Doch oftmals sind die Effekte nicht langanhaltend (Jo-Jo-Effekt), Patienten sprechen auf Diäten
kaum oder gar nicht an. Und manche Patienten, die an chronischen Krankheiten leiden, dürfen aus
gesundheitlichen Gründen nicht fasten. „Deshalb sind wir auf der Suche nach neuen Ansatzpunkten,
um die Entzündungen als Folge von Adipositas wirkungsvoll und schonend zu behandeln oder um
ihnen sogar vorzubeugen.“
Der Hormonexperte weist jedoch darauf hin, dass die generelle Unterdrückung der
Entzündungsreaktion vermutlich nicht der richtige Weg sei: „Wenn man das Immunsystem komplett
unterdrückt, schwächt dies die Abwehrkräfte derart, dass man Infektionen schutzlos ausgeliefert ist“,
sagt Tuckermann.
Wichtiger sei es eher, Strategien zu entwickeln, immunabschwächende und damit
entzündungshemmende Hormone und Substanzen gezielt an die (Entstehungs-)Orte der
niederschwelligen Entzündung zu bringen. „Wir wollen wichtige Akteure im schädlichen
Entzündungsstoffwechsel punktgenau ausschalten“, so Tuckermann. Dieser vielversprechende Ansatz
hat ein neues Forschungsfeld begründet – den sogenannten Immuno-Metabolismus. Dieser befasst
sich mit den Zusammenhängen von Immunabwehr, Stoffwechsel und Hormonen.
„Wir setzen große Hoffnungen in den spezifisch wirkenden Einsatz von Entzündungsmodulatoren.
Damit könnten wir auch denjenigen Patienten helfen, bei denen die bisherigen Maßnahmen nicht
greifen“, sagt auch Professor Dr. med. Matthias M. Weber, Mediensprecher der DGE, Leiter des
Schwerpunktes Endokrinologie und Stoffwechselerkrankungen der Universitätsmedizin Main