Andrea Thoma trifft: Dr.Bianca Senf, Frankfurt – Hier bekommen Krebserkrankte Hilfe

Krebspatienten stürzen nach der Diagnose aus ihrer normalen Wirklichkeit. Akzeptanz und Neuorientierung sind jetzt gefragt, meint die Psychoonkologin

Dr. Bianca Senf.

Bianca Senf ist eine Kämpfernatur. Eine Charaktereigenschaft, die sie ihren Patienten manchmal auch für ihren persönlichen Heilungsweg vermittelt. Aber es geht ihr beim Thema `Krebs´ grundsätzlich nicht um den Kampf gegen die Krankheit, sondern um die Entscheidung für das Leben, „selbst wenn es im Einzelfall manchmal nur noch kurz ist“. Annahme, Ordnung, Sich-Neu-Erfinden – darüber spricht die Leiterin der Psychoonkologie am Universitären Zentrum für Tumor-Erkrankungen an der Universitätsklinik Frankfurt mit krebskranken Menschen. Direkt am Krankenbett, in ihrem Klinik-Therapieraum und häufig auch noch ambulant in ihrer Praxis.

Akut- und Nachsorge für die Seele, so könnte man vereinfacht den psychosozialen Baustein in der integrativen Tumortherapie bezeichnen. Eine Seelenpflege für Kranke, für deren Angehörige und oftmals auch für die eigenen Kollegen, die diese Arbeit auch heute noch, trotz validierter Instrumente für den Einsatz von Psychoonkologen in der Krebsheilkunde, gerne mal als „Psychokram“ abtun.

Wir treffen Dr. Senf, in Deutschland zu den „Vorkämpfern der 2. Psychoonkologen-Generation“ gehört, und sich vor allem für psychosoziale Untersützung bei Kindern im Umfeld einer Krebserkrankung einsetzt, in ihrer modern eingerichteten Altbau-Wohnung im Frankfurter Nordend.

Andrea Thoma: Ist ein Krebspatient im akuten Stadium nicht schon genug mit dem Tumor in seinem Körper belastet? Braucht er dabei auch noch, vereinfacht gesagt, einen Seelen-Doktor am Krankenbett?

Dr. Bianca Senf: Er braucht einen Menschen, der ihm zuhört und mit ihm das Gedankenkarusell ordnet, oder wie eine Patientin von mir gerne sagt, „ sortiert“. Das schaffen viele Angehörige nicht, da sie auch unter dem Schock der lebensbedrohenden Diagnose stehen und die behandenden Ärzte sind oft zeitlich überfordert. Außerdem bin der festen Überzeugung, dass Körper und Seele im Menschen eine Einheit bilden. Also ist es auch wichtig, nach der seelischen Verfassung eines Kranken zu fragen und nicht nur nach der somatischen, also der körperlichen. Damit will ich absolut nicht die umstrittene These der `Krebspersönlichkeit´ verstärken.

Es geht tatsächlich in der psychoonkologischen Betreung in einer Akutklinik nicht primär um die Frage, woher kommt der Krebs. Darüber reden wir in der Regel nicht sofort und schon garnicht am Krankenbett, es sei denn, den Betroffenen beschäftigt diese Frage und er möchte sie klären. Es geht im akuten Stadium tatsächlich zunächst erst mal um seelische Erste-Hilfe, um eine psychische Untersützung, zusätzlich zur körperlichen Behandlung. Wir Psychoonkologen sind einfach da. Wir hören zu, sortieren die Gefühle und die Anliegen, entwickeln einen Fahrplan und nehmen sowohl im übertragenen Sinn als auch manchmal direkt, den Patienten in den Arm.  

 Lassen sich denn darauf alle Patienten ein?

Nein, nicht alle. Aber immer mehr. Die Psychoonkologie wird Gott sei Dank immer bekannter. Und vor allem bin ich froh, dass auch immer mehr Männer unsere Therapieangebote wahrnehmen.

Sie sprechen davon, dass Mediziner, die für Operationen, Bestrahlungen und Chemotherapien in einer Krebsstation zuständig sind, sich nicht auch noch um das Seelenheil der Krebspatienten kümmern können. Ist das nicht ein Armutszeugnis für unsere Akutmedizin?

 Da hat unsere Medizin natürlich noch großen Nachholbedarf. Denn jeder, der Menschen `verarztet´, hat eigentlich seine Hausaufgaben nicht gemacht, wenn er nur auf die somatischen Krankheitssymptome eines Patienten schaut. In einem großen Klinikum ist aber leider eine tiefergehende psychologische Betreuung durch die behandelnden Ärzte schon aus Zeitgründen nicht möglich. Sie wird einfach von den Krankenkassen nicht bezahlt.

Das Manko, das Sie ansprechen, ist also systemimmanent. Nach meiner Meinung gehört unbedingt in jedes Behandlungsteam eines Klinikums oder Krankenhauses, insbesondere wenn es um Schwerstkranke geht, ein psychosozial ausgebildeter Therapeut, der den Schock und die Ängste der Patienten und ihrer nächsten Umgebung durch seine therapeutischen Befähigungen ein wenig abfedern hilft.

Sie haben mit Ihrem psychoonkologischen Team am Universitätsklinikum Frankfurt eine Spitzen-Position in Deutschland erreicht. Gab es ein Schlüsselerlebnis für Ihre heutige Profession und Haltung?

Ich habe zunächst in Koblenz den Beruf der Kinder-Krankenschwester erlernt. Dabei kam ich schnell mit dem Thema `Kinder und Krebs´ in Verbindung. Die Kinder haben uns Krankenschwestern und auch den Ärzten ganz einfache Fragen gestellt: Wie gehe ich mit Schmerzen um? Wie mit einer Glatze durch die Chemotherapie? Wie sage ich das meinen Spielgefährten? – Damit waren wir häufig völlig überfordert. Wir waren als `medizinische Handwerker´, nicht aber als Seelentröster ausgebildet.

Daran hat sich übrigens bis heute nur wenig verändert. Es fehlt bei der Ausbildung von Ärzten und auch beim Pflegepersonal nach wie vor an der Vermittlung kommunikativer Fertigkeiten. Auch die Bedeutung von Krankheiten für unser Erleben und unser Selbstverständnis, insbesondere Erkrankungen, die unsere Existenz bedrohen oder bedrohen können, wird, wenn überhaupt, zu wenig vermittelt und reflektiert. Die psychosozialen Aspekte von Erkrankungen und deren Auswirkungen auf das gesamte Familien- und Freundesystem haben eine nicht zu unterschätzende Bedeutung für das gesund werden. Sie finden in unserem modernen Medizinsystem aber kaum berücksichtigung. Dass die Psychoonkologie in die Curricula der Psychologie, der Medizin und der Sozialarbeit eingeht, dafür kämpfe ich schon seit Jahren. Es gibt, schon durch unsere Anwesenheit in Akutkliniken, ein kleines Licht am Ende des Tunnels.

Besonders schlimm empfand ich damals übrigens die Sprachlosigkeit in der Familie untereinander und in der Kommunikation mit den Ärzten. Es ging meist nur um technische Details der Behandlung. Der Rest – Trauer, Tränen, Ängste, Wut – wurde überhaupt nicht thematisiert. Dieses hilflose Szenari, das im Übrigen auch von den Behandlern beklagt wird, hat mich nicht mehr losgelassen und hat dazu geführt, dass ich mich verstärkt mit Familientherapien in der onkologischen Zusatzbehandlung beschäftigt habe.

Und wie stellt sich heute das Szenario in einer Krebsstation dar? Sie sagen ja selbst, es hat sich schon durch die zeitliche Enge im Klinkablauf, wenig verändert.

 Es fehlt nach wie vor an der psychosozialen Kompetenz in einer Akutklinik und es fehlt an Zeit. Zudem wird die Kompetenz des Mediziners nicht an seiner Empathiefähigkeit und gesprächskompetenz gemessen, sonder na seinem Faktenwissen. Ein großes Problem. Nicht nur für die Patienten, sondern auch für meine Kollegen. Denn wir Psychoonkologen betreuen nicht nur Patienten und ihre Familien, sondern beraten und untersützen häufig auch unsere Kollegen im Krankenhaus.

Hat sich den gesellschaftlich im Umgang mit der Krankheit Krebs etwas verändert?

Ich glaube, das Buch der damals sehr populären Schauspielerin und Sängerin Hildegard Knef, „Das Urteil“, in dem sie in den 70er Jahren völlig offen ihre Erfahrungen mit einer Brustkrebserkrankung thematisierte, war wegweisend, dass Krebs wieder ein Stück weiter enttabuisiert wurde. Das Buch löste international erste öffentliche Debatten über den persönlichen, klinischen und gesellschaftlichen Umgang mit der Krankheit aus. Aber auch heute noch sehen viele Betroffene diese Krankheit als ein Stigma an. Dazu haben auch die Diskussionen um die so genannte `Krebs-Persönlichkeit´ beigetragen, für die es bis zum heutigen Tag absolut keinen empirischen Nachweis gibt.

Der integrative Behandlungsansatz, in dem Ärzte, Pflegepersonal und Psychoonkologen eng zusammen arbeiten, hat ganz sicher die Sprachlosigkeit bei der Diagnose Krebs mit verändert. Er hat nachweislich eine stresspuffernde und Lebensqualität verbessernde Wirkung auf die Kranken. Inzwischen haben wir in Deutschland bereits 13, von der Deutschen Krebshilfe geförderte und zertifizierte onkologische Spitzenzentren. Voraussetzung dafür ist das Vorhalten einer psychoonkologischen Versorgung für Krebspatienten in der ambulanten und stationären Behandlungssituation.

Was impliziert der Begriff Psychoonkologie und wo liegen seine historischen Wurzeln in der Medizin?

 Der Begriff Psychoonkologie impliziert einen Überschneidungsbereich von klinischer Psychologie und Medizin, auch `Somatopsychologie´ genannt (Erstmals eingeführt im 19. Jahrhundert vom deutschen Psychiater Maximilian Jacobi). Dabei geht es um die psychosozialen Aspekte bei der Entstehung, dem Verlauf und der Behandlung von Krebs. Für die psychosozial orientierte Medizin war das 19. Jahrhundert tatsächlich prägend.

Es war die Zeit der bürgerlichen Revolution, der Verarmung großer Bevölkerungsgruppen und ernährungs- und psychosozial bedingter Erkankungen. Rudolf Virchow, der Begründer der modernen Pathologie, der Mitte des 19. Jahrhunderts als Arzt an der Berliner Charité arbeitete, war übrigens auch einer der ersten, der die psychosoziale Komponente bei Krankheiten thematisierte.

Wer darf als Psychoonkologe arbeiten?

Die Kollegen sind überwiegend Psychologen, Sozialarbeiter, Ärzte oder Heilpraktiker. Der Begriff ist leider noch nicht gesetzlich geschützt, so dass gerade ambulant arbeitende Psychoonkologen eine heterogene Gruppe bilden. Patienten und Angehörige sollten bewusst selektieren, denn gerade bei der Begleitung eines Schwerstkranken ist eine langjährige medizinische und psychotherapeutische Erfahrung Voraussetzung für eine erfolgversprechende Therapie. Ich finde es beispielsweise sehr schwierig, wenn psychoonkologisch tätige Kollegen keine Ahnung von den medizinischen Krankheitsbildern ihrer Patienten haben oder nicht wissen, wie sich z. B. eine Chemotherapie auswirken kann.

In welcher psychischen Situation finden Sie krebskranke Menschen in der Akutklinik vor? Gibt es erkennbare einheitliche Verhaltensmuster?

 Ja und nein. Grundsätzlich folgen Stress-Situationen, und genau damit haben wir es bei einer schweren Erkrankung zu tun, einem so genannten Stress-Verarbeitungsmuster. Vereinfacht gesagt geht es darum, ob ein Mensch das Gefühl hat, die neue Situation als eine Herausforderung anzunehmen oder ob er sich damit komplett überfordert fühlt. Und das ist individuell völlig unterschiedlich und hat etwas damit zu tun, wie man prinzipiell „gestrickt“ ist und welche Bewältigungsfähigkeiten man in seinem Leben gelernt hat.

Vordergründig erkennbar ist bei fast allen Patienten aber die Angst. Angst vor Siechtum, Angst vor Entstellungen durch Narben, Angst vor dem Tod. Dazu kommen oft noch soziale und finanzielle Probleme. Jede Angst hat eine individuelle Färbung. Sie trifft nicht auf ein unbeschriebenes Blatt Papier, sondern auf eine ganz persönliche Lebensgeschichte. Identisch für alle Kranken ist die äußere Situation in einer Akutklinik. Vieles Unbekannte wird plötzlich an den Patienten herangetragen. Er muss auf Behandlungsanforderungen reagieren, hat mit institutionellen Zwängen und mit fixierten Therapiemustern zu tun, ist dem Anpassungsdruck gesellschaftlicher Einstellungen, einschließlich der kollektiven Tendenz zur Angst-Verdrängung ausgesetzt, erlebt ständig seine eigenen und die Ängste seiner Umwelt und hätte vor allem gerne wieder seine Souveränität zurück. Das ist ein individueller Verarbeitungsprozess, den wir engmaschig begleiten.

Ist `Halt geben´, ein Begriff den Sie immer wieder benutzen, ein Teil des Bewältigungs- beziehungsweise des Verarbeitungsprozesses? Und wie gibt man Halt in einer Ausnahmesituation, die auch zum Tod führen kann?

 Dieser Begriff `Halt geben´ ist für mich in der Therapie sehr zentral. Halt kann man einem Menschen geben, in dem man deutlich signalisiert: Ich bin verlässlich für dich da. Im nächsten Schritt versucht der Therapeut die Schocksituation, und die damit zunächst verbundene Sprachlosigkeit zwischen allen Beteiligten aufzulösen. Der Kranke ist vielleicht zum ersten Mal ganz tief  mit seiner eigenen Verletzbarkeit und Endlichkeit konfrontiert.

Wir halten mit ihm diese existentiellen Ängste aus. Denn genau das schafft seine nächste Umgebung meist nicht. Der Krebs frißt sich ja auch ins Umfeld, in die Familie. Man nennt sie `Patienten zweiter Ordnung´, denn auch sie sind der Schocksituation ausgesetzt. Der erste Ansatzpunkt ist, den angstbesetzten Sturz aus der normalen Lebenswirklichkeit, den Verlust der `Unschuld´ wie ich es nenne, zu thematisieren, die Trauer und Wut auszuhalten und dann individuelle Lösungswege zu suchen.

 Welche Ziele und Orientierungspunkte können Sie einem Menschen, der seine Normalität verloren hat, anbieten? Welche Elemente aus der Bewältigungsforschung setzen Sie ein?

 Die Bewältigungsforschung beschäftigt sich schon lange mit den Fragen, wie sich die unterschiedlichen Reaktionsweisen von traumatisierten Menschen ordnen lassen. Es gibt hierbei kein `richtig´ oder `falsch´. Zunächst geht es nur darum, existentielle Gefühle zu strukturieren und dann zu portionieren. Damit beginnt der Orientierungsprozess, die ganz persönliche Krankheitsverarbeitung, die wir auch `Coping´ nennen (Nach Lazarus/Folkmann 1984: „Verhalten, das vom Patienten eingesetzt wird, um die krankheitsbedingten Anforderungen, Belastungen und Probleme zu überwinden, zu lindern oder zu tolerieren“). Dieser Begriff beinhaltet auch schon das Ziel: Ein anderer Umgang mit Belastungen und Ängsten und der Gewinn einer neuen Gefühlsstabilität.

Wir vermitteln dabei auch neue Kontrollstrategien, geben Anstösse für die mögliche Klärung von lebensbiografischen Konflikten und Traumatas, für den Aufbau von neuen Verarbeitungsstrategien und für die Schaffung von neuen Kommunikations-Plattformen. Das alles gelingt nicht immer, aber wenn der Patient nur einige der Ziele erreicht, verbessert sich dadurch seine Lebensqualität.

 Welche therapeutischen Möglichkeiten stehen Ihnen insgesamt zur Verfügung?

Man kann die psychosoziale Erste-Hilfe unter den Begriffen Psychoedukation, Krisenintervention und supportive Begleitung subsumieren. Grundsätzlich kommen zunächst Stabilisierungsinterventionen zum Einsatz. Ich frage mit dem Patienten dabei auch vorhandenes Wissen ab: Was hat mir sonst in Krisenzeiten immer geholfen? Was tut mir im Alltag gut?

Hier öffnen sich oft Wege, die der Einzelne und auch seine Umgebung in dieser existentiellen Ausnahmesituation einfach nicht mehr sehen. Wir geben auch ganz pragmatische Unterstützung, in dem wir zum Beispiel gemeinsame Gespräche mit Arbeitskollegen, und bei betroffenen Kindern, auch mit Lehrern oder Mitschülern führen. Zusätzlich bieten wir körperliche Entspannungshilfen wie Progressive Muskelentspannung, Autogenes Training, Qi Gong- und Kunsttherapie-Kurse oder Imaginationsübungen aus der Hypnosetherapie an. Auch mit der „Klopftherpie“, das ist eine Form der körperbezogene, energetischen Körpertherapie habe ich sehr gute Erfahrungen gemacht.

 Hat jeder Krebspatient einen Anspruch auf psychosoziale Betreuung?

Jeder Patient, der in einem zertifizierten Organzentrum behandelt wird, hat einen Anspruch auf eine kostenlose psychoonkologische Begleitung in allen Krankheitsphasen. Für sich selbst und für seine Angehörigen. Dieser Anspruch steht im nationalen Krebsplan. Noch warten wir aber auf seine Umsetzung. Und bis dahin zahlen die zertifizierten Kliniken das Therapieangebot aus der eigenen Tasche.

Das ist aus meiner Perspektive ein Skandal, denn die Psychoonkologie ist seit mehr als 20 Jahren eine nachweislich wirksame, wichtige Komponente in der integrativen Behandlung von Krebskranken, von denen 20 bis 30 Prozent im Laufe ihrer Erkrankung psychische Störungen oder ausgeprägte psychosoziale Beeinträchtigungen entwickeln. Wenn diese Symptome unbehandelt bleiben, besteht die Gefahr einer Chronifizierung. Das Erkrankteeinen Anspruch auf psychoonkologische Betreuung haben, wissen viele Patienten nicht und mir wäre es recht, wenn sie diese Versorgung lautstark bei Klinikleitungen einklagen würden.

Sie erwähnten am Anfang unseres Gespräches die `Körper-Geist-Seele-Einheit´ eines Menschen. Wird in unserem Medizinsystem noch immer viel zu häufig nach dem kartesianischen Welt- und Menschenbild behandelt?

Unser psychosozialer Ansatz trifft tatsächlich noch immer auf ein medizinisches System, das in vielen Bereichen dem Kausalitätsprinzip des kartesianischen Weltbildes (Der französische Philosoph, Mathematiker und Naturwissenschaftler René Descartes machte das Prinzip des Dualismus, die Trennung von Körper und Geist, im 17. Jahrhundert populär) folgt. Danach ist eine Krankheit jeweils einer bestimmten Ursache zuzuordnen, sie ist dann zunächst körperlich zu betrachten und auch so zu behandeln. Nach meiner Überzeugung ist die Entstehung von Krankheiten aber eher multikausal und sollte deshalb unbedingt aus dem ganzheitlichen Ansatz heraus behandelt werden. Im medizinischen Verständnis, im System und Ablauf eines Akutklinikums, sind wir Psychoonkologen mit unserer Haltung also irgendwie `quergebürstet´.

Wie gehen Sie mit dem Tod um? Ist Psychoonkologie nicht ganz häufig auch einfach nur Sterbebegleitung?

Natürlich ist das Sterben und der Tod unser täglicher Begleiter. Nach meiner ethischen Überzeugung sollte es nicht um das Überleben um jeden Preis gehen, sondern vor allem um die Lebensqualität des Einzelnen und die Achtsamkeit für das Hier und das Jetzt. Auch wenn am Ende das Sterben durch eine schwere Krankheit steht. Wenn es in einer weit fortgeschrittenen Krankheitssituation dann doch zur Heilung kommt, ist das letztendlich jedesmal auch ein Wunder. Und dieses Wunder ist nach meiner Erfahrung mit Schwerstkranken keinesfalls nach einem einheitlichen Schema reproduzierbar, sondern dahinter steht ein individueller Heilungsweg, der mit der Suche nach dem eigenen, oftmals auch verlorengegangenen Lebensfaden, beginnt. Das Buch von Kappauf und Gallmeier: Wunder sind möglich, ist in diesem Zusammenhang erhellend und sehr lesenswert.

Dr. rer. med. Bianca Senf ist Diplom-Psychologin, Psychologische Psychotherapeutin und zertifizierte Psychoonkologin. Sie leitet die psychoonkologische Abteilung am Universitätsklinikum Frankfurt am Main. Zuvor war sie einige Jahre für die Deutsche Krebsgesellschaft e.V. tätig. Dr. Senf arbeitete federführend an den Leitlinien für psychosoziale Krebsberatungsstellen der Deutschen Krebsgesellschaft e.V. mit und setzte sich im Rahmen ihrer Vorstandstätigkeit bei der Deutschen Arbeitsgemeinschaft Psychosoziale Onkologie für die Etablierung von integrativen, psychosozialen Angeboten an Akut-Krankenhäusern ein. Sie leitet seit über 20 Jahren auch eine psychotherapeutische Privatpraxis in Frankfurt und engagiert sich hier besonders für therapeutische Gespräche mit Kindern von Tumor-Patienten. Hierzu hat sie eine (deutsch-türkische) Broschüre herausgegeben: „Wahrheit braucht Mut – Mit Kindern über Krebs sprechen, wenn Eltern an Krebs erkranken“. Der Ratgeber ist kostenlos über die Abteilung für Psychoonkologie am Frankfurter Universitätsklinikum zu bestellen (Email: psychoonkologie@kgu.de)

Weitere Informationen zum Thema: Arbeitsgemeinschaft für Psychoonkologie (PSO) in der Deutschen Krebsgesellschaft e.V. in Mainz (www.pso-ag.de), Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Psychosoziale Onkologie (dapo) e.V. in Ludwigshafen (www.dapo-ev.de).

Interview und Foto: © Andrea Thoma