GesundinRheinMain zu Besuch: Dr. Guido Stöppel, Frankfurt

Dr. Guido Stöppel Frankfurt:

„Ich bin ein guter ärztlicher Handwerker“

Nur weil er seit vielen Jahren im angesagten Frankfurter Stadtviertel Sachsenhausen eine riesige, komfortabel eingerichtete Privatarzt-Praxis führt, möchte er nicht als  Promi-Arzt abgestempelt werden. „Ich bin Internist und Hausarzt. Ein gut ausgebildeter ärztlicher Handwerker. Und genau das war immer mein Ziel.“ –  Dr. Guido Stöppel, Arzt für innere Medizin und Naturheilverfahren und „Hausarzt aus Passion“ spricht häufig vom „Handwerk“ des Arztes. Er beklagt, dass in der medizinischen Ausbildung das Praktische leider immer noch eine viel zu kleine Rolle spielt. „Das ist auch das Problem für viele Ärzte nach dem Studium. Sie kennen noch nicht mal die Symptome der 20 wichtigsten Krankheiten, weil sie die äußeren Anzeichen dafür nie direkt am Menschen erleben konnten.“

 Der gebürtige Münsteraner, der seit vielen Jahren mit seiner Familie in Frankfurt lebt („Ich bin engagierter Wahl-Frankfurter“) hat das eigentliche Interesse für die Medizin bei einem Auslandsaufenthalt im afrikanischen Simbabwe gefunden, wo er als junger Student in einem abgelegenen Dorf als ärztlicher Helfer eingesetzt war. „Hier haben die Ärzte wirklich ganzheitlich gearbeitet“, erinnert er sich. „Hier bei uns ist der Begriff `Ganzheitlichkeit´ leider oft schon reinen Luxusthema verkommen. Vor meiner Zeit in Simbabwe hatte ich weder eine Geburt noch das Sterben miterlebt. Das ist dort für einen Arzt und auch für einen medizinischer Helfer an der Tagesordnung.“

Gipsen lernen

 Als er wieder in Deutschland landete, war klar, es musste noch mehr „handwerkliches“ Wissen her. Er jobbte in der Chirurgischen Ambulanz in Frankfurt. „Ich wollte auch gipsen und nähen können. Deshalb schicke ich meine Patienten in den meisten Fällen auch nicht direkt zum Orthopäden, wenn sie mit einer Verletzung kommen. Eine gute Naht kann ich selbst machen!“

Nach Studium und praktischer Ausbildung entschied er sich 1997, zusammen mit einem Kollegen, eine „Privatärztliche, Internistische Facharzt-Praxis“ in Frankfurt Sachsenhausen aufzumachen, mit dem Ziel, hausärztliche und fachärztliche Kompetenz zu bündeln. Inzwischen gehört auch eine Ärztin für Homöopathie und Akupunktur zum ärztlichen Team. „Mir ist der ganzheitliche Aspekt in der Medizin schon wichtig, aber nicht im Sinne des heutigen, oft missbrauchten Schickimicki-Begriffs, sondern im Sinne einer guten `Simbabwe-Medizin´, wie ich sie dort kennen gelernt habe.“ Der sportliche Frankfurter Arzt („Sport ist mein Leben“) hat auch eine Ausbildung als Arzt für Naturheilverfahren. „Ich habe diese Ausbildung vor allem gemacht, um zu lernen, wie man richtig mit Akupunktur-Nadeln umgeht. Das war etwas Handfestes. Damit konnte ich etwas anfangen.“

Wer mit gesundheitlichen Problemen in die Praxis von Dr. Guido Stöppel kommt, der wird zu aller erst mit den modernen Diagnoseverfahren der Schulmedizin konfrontiert. „Wo es Sinn ergibt, empfehle ich als Therapie dann gerne auch Medikamente aus der Naturheilkunde. Aber wenn es um eine gute Diagnose geht, verlasse ich mich auf meine haptische Erfahrung als Arzt („Bei mir müssen sich die Patienten bei einem Check-up noch ausziehen, das lassen viele Hausärzte heute leider ganz weg“), auf die Gespräche mit dem Patienten und die moderne Diagnostik der Schulmedizin.“

Mehr Kontrolle ist nötig

 Der Naturheilkunde steht er bei einigen Themen genauso kritisch gegenüber wie der „viel zu teuren und überflüssigen Anti-Aging-Medizin“ und manchen Neuerungen im Pharmabereich. „Es gibt viele Pseudo-Innovationen. Leider fehlt auch in der Medizin oft die nötige Kontrolle.“

Die ganzheitliche Medizin gehört auch zum privaten, familiären Umfeld von Dr. Stöppel. Die Mutter des Frankfurter Arztes ist nämlich Yogalehrerin und versucht immer wieder ihrem Sohn die „spirituelle Welt“ nahe zu bringen. „Da muss ich oft passen. Das wird mir dann zu esoterisch. Aber einige Übungen aus dem Yoga mache ich tatsächlich manchmal oder empfehle sie auch weiter. Doch auch hier bin ich kritisch, nicht alles überzeugt mich oder ist gut für meinen Körper.“

Wenn er Freizeit hat, dann stützt sich Dr. Guido Stöppel gerne mit Sohn und Lebensgefährtin in die Frankfurter Szene. Oder er zieht seine Laufschuhe an und dreht ein paar Runden am Main entlang. Am Häufigsten findet man den „Doc“ aber auf dem Tennisplatz. „Tennis ist für mich der beste Ausgleich zu meiner meist sitzenden täglichen Arbeit in der Praxis. Dabei kann ich entspannen und loslassen“. Im Winter fährt die ganze Familie gerne in die Berge zum Skifahren, im Sommer steht immer eine große Reise auf dem Familien-Programm. „Ich genieße es jetzt, jenseits der 50, häufiger zu reisen. Wir waren schon in Südafrika, USA, Syrien, Jordanien und sind – auch mit dem Fahrrad –  durch ganz Europa gefahren.“

Neben dem Sport und dem Reisen ist der Wahl-Frankfurter ein Musik-Freak. „Wenn ich nach Feierabend ins Auto einsteige, mache ich als erstes meine Jazz-Musik an“. Auch Ethno-Musik und Klassik gehören zum Repertoire für Mußestunden. „Ansonsten gebe ich wirklich viel Geld für gute Nahrung aus. Das ist mir wichtig. Ich kaufe ausschließlich Bio-Produkte ein. Meistens gehe ich am Samstag früh auf den Frankfurter Bio-Markt und lasse mich von den frischen Angeboten inspirieren. Dann wird am Abend mit der Familie einfach drauf los gekocht…“

https://www.internisten-ffm.de/

© Text:ath ©Foto: ath

GesundinRheinMain zu Besuch: Michael von Sychowski, Alzenau 

Michael von Sychowski „Ich bin der Lotse meiner Patienten…“

Er ist Arzt geworden, „um möglichst vielen Menschen zu helfen, um Leiden zu lindern und, wenn möglich, auch zu beseitigen“. Er steht dafür auch mal nachts auf und fährt 20 Kilometer weit zu einem Patienten, „wenn er mich dringend braucht“. Michael von Sychowski ist Allgemeinmediziner mit einer chiropraktischen Zusatzausbildung, praktiziert im Alzenauer Stadtteil Hörstein und bezeichnet sich selbst am liebsten als „Hausarzt“ oder „Landarzt“. „Natürlich kenne ich meist nicht nur den Patienten, der vor mir sitzt und von seinen Wehwehchen berichtet, sondern ich kenne die ganze Familie. Von der Oma bis zum Onkel. Das ist so in einem kleinen Dorf“.

Der geborene Frankfurter, der schon als Heranwachsender seinem Vater, einem leitenden Krankenpfleger, „gern zur Hand gegangen ist“, und für den die Krankenhausluft schon als Kind vertraut war, machte seine Arzt-Ausbildung auf dem zweiten Bildungsweg. Begonnen hat alles im Frankfurter Marienkrankenhaus mit einer Lehre als Krankenpfleger. Ganz genau so wie der Vater, sein Vorbild. „Dann habe ich noch eine so genannte kleine Physiotherapieausbildung draufgesetzt und dabei wurde mir klar, dass ich doch ein größeres Ziel habe: Ich wollte Allgemeinmediziner werden.“ Nach seinem Studium war Michael von Sychowski dann einige Jahre in verschiedenen hessischen Krankenhäusern als Arzt tätig, arbeitete in einer naturheilkundlichen Praxis mit und war drei Jahre lang Stabsarzt bei der Bundeswehr, stationiert im bayerischen Erding und danach in Holland. „Doch das Soldatenleben blieb mir immer irgendwie fremd und ich machte mich auf die Suche nach einer Landarzt-Praxis.“

Ein echter Allrounder

 Die fand der Arzt und Chiropraktiker, gemeinsam mit seiner Familie, dann in der Spessart-Gemeinde Hörstein. „Hier bin ich als Hausarzt vor allem der Lotse für meine Patienten“, beschreibt er seinen Berufsalltag. „Dazu muss ich nicht nur Spritzen geben können, wenn es irgendwo zwickt, sondern ich muss mich auch mit dem sozialen Umfeld, mit den Lebensgewohnheiten meiner Patienten beschäftigen. Dann erst kann ich sie im wahrsten Sinne des Wortes ganzheitlich behandeln oder sie zu einem Facharzt-Kollegen schicken, wenn ich mir die Diagnose vervollständigen lassen möchte. Das ist zwar manchmal eine sehr aufwendige, vor allem auch zeitaufwendige Arbeit für einen Arzt, aber auch befriedigender als nur fachärztlichen Rat geben zu können. Der Hausarzt ist eben ein echter Allrounder.“

Der geborene Frankfurter engagiert sich gerne. So ist er in seiner Wahlheimat Hörstein beim „Roten Kreuz“ aktives Mitglied und damit auch bei allen Wein-Festen und Vereins-Veranstaltungen mit dabei. „So kenne ich die sozialen Strukturen sehr genau. Wenn die Patienten zu mir kommen, möchte ich sie familiär einordnen können, dann will ich wissen, wer vor mir steht, welche Alltagsprobleme die Familie vielleicht hat, ob es Eheprobleme gibt, wer die Oma versorgt oder ob die Kinder in der Schule Schwierigkeiten beim Lernen haben. Genau diese Kenntnisse sind für eine Diagnose oft enorm wichtig. So haben die Hausärzte früher gearbeitet und diese Tradition will ich fortführen. Als Haus- und Landarzt muss man für alles ein offenes Ohr haben!“

Wenn Michael von Sychowski, der seit über 25 Jahren verheiratet ist, nicht in seiner Praxis sitzt, dann trifft man ihn auf dem Fahrrad in den bayerischen Weinbergen, beim morgendlichen Schwimmen im Nachbarort, beim Volleyballspiel oder beim „Freitagstanz“ in einem Aschaffenburger Tanzclub. „Dazu hat mich allerdings meine Frau überreden müssen“, scherzt er. „Aber inzwischen macht es Spaß und Tanzen ist ein guter Ausgleichssport am Ende einer anstrengenden Arbeitswoche.“ Zum Lesen kommt er fast nur im Urlaub. „Landärzte sind auch abends oft im Einsatz“, berichtet er. „Und da bleibt die Zeit für neue Kriminalromane und meine `historischen Schinken´ eben nur im Urlaub.“

 Kein Kalorienzähler

 Den verbringt Familie von Sychowski – neben der Ehefrau, die in Polen als Lehrerin gearbeitet hat und nun als „Praxis-Managerin“ tätig ist, gibt es eine  erwachsene Tochter und einen Sohn – gerne im Norden. „All zuviel Sonne brauche ich im Urlaub nicht“, sagt der Arzt. „Ich bin auch keiner, der stundenlang am Strand faulenzt.“ So geht die Reise meist ins nördliche Europa. Nach Schottland, England, Norwegen oder Skandinavien. „Mindestens einmal im Jahr fahren wir auch in die Heimat meiner Frau, nach Polen. Dort genieße ich vor allem das Familienleben, den Freundeskreis und das gute, aber auch sehr deftige und kalorienhaltige Essen“, erzählt bald 60-jährige Mediziner.

Zuhause gibt es meist nur zu besonderen Festtagen polnische Spezialitäten. „Wenn meine Frau Zeit hat, dann kocht sie häufig eine Rote-Beete-Suppe, Piroggi (Teigtaschen) oder Bigos, ein herzhaftes Sauerkrautgericht. Dazu gibt es dann einen polnischen Wodka oder ein Bier.“ Sie leben zwar gesundheitsbewußt, die Arzt-Familie von Sychowski, aber nicht „asketisch“. „Bei uns gibt es gesunde Mischkost, und die empfehle ich auch meinen Patienten.“ Morgens bleibt oft nur die Zeit für ein Müsli mit Früchten oder mit Quark und Leinöl vermischt. Mittags ist das Essen eigentlich „Familienpflicht“, so Michael von Sychowski. „Aber seit die Praxis immer größer geworden ist, verschieben wir das Familien-Mittagessen schon mal auf den Abend.“

Für die Abhärtung in der kalten Jahreszeit versucht der Mediziner jeden Tag in der Mittagspause noch 30 Minuten zu walken. „Das klappt ganz und gar nicht immer“, berichtet er. „Aber das regelmäßige Schwimmen tut mir bereits sehr gut. Es baut nicht nur Muskeln auf, sondern ist auch für eine regelmäßige, tiefe Atmung wichtig.“

Leistung wird für Michael von Sychowski überhaupt groß geschrieben. Nicht nur beim Sport. Er hat oft einen 16 Stunden Tag in seiner Praxis. Und wenn dann „hinterm Wald“, wie er die kleinen Orte hinter Alzenau liebevoll nennt, ein Opa stürzt und die Familie „ihren Hausarzt“ anruft, dann macht er sich noch auf den Weg. Auch nach Mitternacht. Der Lotse aus Hörstein.

https://www.praxis-von-sychowski.de/

©Text:ath, ©Fotos ath, von Sychowski, privat

Andrea Thoma trifft: Prof. Dr. med. Gustav Dobos

„Medizin bedeutet vor allem auch persönliche Zuwendung“

Gespräch mit dem Pionier der Integrativen Medizin in Deutschland: Prof. Dr. med. Gustav Dobos

Prof. Gustav Dobos hat viele Jahre lang Pionierarbeit für die Naturheilkunde geleistet. Im badischen Freiburg, im sächsischen Bad Elster, in Amerika, China und Indien. 1999 gründete er mitten im Ruhrgebiet die erste deutsche Modell-Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin am Akademischen Lehrkrankenhaus der Universität Essen-Duisburg. Andrea Thoma hat Prof. Dobos in Essen besucht.

Dobos ist das Alter Ego der Essener Klinik. Ohne ihn und seine Begeisterungsfähigkeit für die ganzheitliche Heilkunde, gäbe es das Projekt nicht. Inzwischen hat er mit seinem Team mehr als 40.000 Patienten behandelt und auch die Krankenkassen erkennen seine Therapien längst an. Gustav Dobos ist angekommen. Seinen Erfolg betrachtet er ganz ohne Hybris. Aus der Vision wurde Krankenhaus-Alltag.

In seinem Arbeitszimmer mit deckenhohen Regalen stapeln sich hunderte von Büchern. Medizinische und viele philosophische. Schriften von Konfizius, Laotse, Pfarrer Kneipp und Hildegard von Bingen. Dazwischen einige Holzfiguren, Mitbringsel aus Asien.

Gerade hat der 64jährige sein tägliches Sportpensum auf einem Desktop-Laufband absolviert. Es erlaubt ihm, Schreibtischarbeit und Laufen zu verbinden. Im Winter, wenn er die 16 Kilometer von seinem Zuhause in die Klinik nicht mit dem Fahrrad fährt, stehen Indoor-Übungen an. Sport, Meditation, Yoga – in Kombination mit guter Ernährung. Die Eckpfeiler seines Lebens. Die Bestandteile seiner ganzheitlichen Medizin. Er missioniert mit dieser Lebensweise nicht. Sie ist einfach seine Passion.

Andrea Thoma: Herr Prof. Dobos, was bedeutet Integrative Medizin?

Prof. Gustav Dobos: Der Begriff definiert letztendlich, dass der Dualismus – auf der einen Seite die Schulmedizin, auf der anderen Seite die Naturheilkunde – in unserem Klinik-Alltag weitgehend aufgehoben ist. Was zählt, ist die nachgewiesene Wirksamkeit und die Sicherheit der Behandlung für den Patienten. Die standardisierten Abläufe einer Klinik erlauben es meistens nicht, den Menschen in seiner Ganzheitlichkeit zu erkennen und zu verstehen. Die Spezialisierung der Ärzte tut ein Übriges. Mit dem ganzheitlichen Blick auf einen Kranken ist oft schon der erste Schritt zu einer Veränderung gemacht.

Zu Beginn Ihrer Karriere haben Sie sich mit nephrologisch-immunologischen Themen in der Schulmedizin beschäftigt. Gab es ein auslösendes Erlebnis, sich komplett der Naturheilkunde zuzuwenden?

Eigentlich wäre ich ursprünglich am liebsten ein handwerklich arbeitender Künstler geworden. Noch heute mache ich in meiner Freizeit gerne filigrane Goldschmiedearbeiten und verschenke sie an Familie und Freunde. Dass ich letztendlich mit der Naturheilkunde reüssierte, daran ist meine Frau entscheidend beteiligt. Sie hat Anfang der Achtziger Jahre in Freiburg Sinologie studiert und mich zu einem Auslandssemester nach China einfach `mitgeschleppt´. Conditio für ein Visum war damals eine Ausbildung in Traditioneller Chinesischer Medizin (TCM) vor Ort.

Am Anfang war ich sehr skeptisch. Das Krankheit in Asien als Disbalance von Körper und Seele angesehen wird, dieser Gedanke war mir, in meiner erlernten Organfixiertheit, völlig fremd. Dann aber habe ich wahrgenommen, dass die Methoden der chinesischen Kollegen häufig zum Erfolg führten. Auch die Haptik dieser Medizin faszinierte mich. Der Arzt nahm sich Zeit für die Anamnese, er fasste die Patienten an, fühlte die Pulse und betrachtete die Energie-Linien auf ihrem Körper.

So entstand eine ganzheitliche Diagnose, die das Lebensumfeld des Kranken mit einbezog, und die dem ganzheitlichen Weltbild der Chinesen insgesamt entsprach. Zurück in Freiburg erweiterte ich nach Abschluss meines Studiums meine internistische Fachausbildung auf Ernährungsmedizin und Naturheilkunde.

Spiegelt denn die Naturheilkunde Ihr heutiges Weltbild wieder?

 Ja, denn der Anwendung von Naturheilverfahren liegt tatsächlich ein anderes Welt- und Medizinverständnis zugrunde, nämlich ein ganzheitliches. Das ist übrigens die Basis der gesamten asiatischen Medizin, ob TCM oder indische Medizin.

Eine zentrale Rolle spielt dabei immer auch ein nicht-stofflicher Faktor, ein dynamisches, fließendes Element. Eine Energie, die alles mit allem verbindet, die sich wissenschaftlich – noch – nicht nachweisen lässt, aber an Gesundungsprozessen ganz sicher beteiligt ist. Die Chinesen nennen sie Chi, die Inder Prana. Aristoteles sprach vom`Geist´ und meinte damit nichts anderes.

Auch im alten Europa wurde jahrhundertelang ganzheitlich diagnostiziert und behandelt, unter Einbeziehung dieser geistigen Energien. Die Aufklärung schob solche Phänomene dann in Richtung Mystik, Kirche und Glauben und überließ den physikalischen Körper dem Seziermesser der Wissenschaft.

Ein Seziermesser gibt es in Ihrer Klinik nicht, auch keinen Operationssaal. Wie sieht Ihr Behandlungsspektrum aus?

Unsere Schwerpunkte sind chronisch internistische Erkrankungen, wie beispielsweise Rheuma und Herz-Kreislauferkrankungen, einschließlich des Bluthochdrucks und der koronaren Herzkrankheiten. Zu uns kommen vor allem viele Patienten mit chronischen Darmerkrankungen, Schmerzpatienten und auch Krebspatienten, die wir mit integrativer Onkologie, also in enger Zusammenarbeit mit den Krebsspezialisten der konventionellen Abteilungen unseres Gesamt-Klinikums, behandeln und begleiten.

Gibt es für Sie Ausschlusskriterien für naturheilkundliche Behandlungen? Wo lassen Sie die Finger weg?

Bei Therapien, die eine Gefahr für den Patienten bedeuten könnten und die keine nachgewiesene Wirkung haben. Das ist mein Credo und damit auch mein klar definiertes Auswahlkriterium. Zu unseren Therapien gehören zum Beispiel: Kneipp´sche Therapien, wie die Hydro- und Ordnungstherapie, Entspannungsmethoden wie Yoga und Meditation, Akupunktur, Schröpfen, Neuraltherapie und Elemente der chinesischen und indischen Medizin – falls notwendig auch in Kombination mit konventionellen Therapien.

Sie betonen diese Notwendigkeit eines wissenschaftlichen Nachweises für naturheilkundliche Verfahren immer wieder. Geht es Ihnen darum, der evidenzbasierten Schulmedizin ein wissenschaftliches Gegengewicht anbieten zu können?

 Die Komplementärmedizin hat doch schon längst das Reich der Kräuterweiblein und der Magie und Mystik verlassen. In den amerikanischen Gesundheitsforschungsinstituten (NIH) wird ihre Wirkung in vielen Studien seit 1992 systematisch erforscht und mit über 120 Millionen Dollar pro Jahr staatlich unterstützt.

Im Forschungszentrum unserer Klinik wurden bis heute über Hundert unterschiedliche Überprüfungsverfahren gemacht. Es gibt mehr als fünfzig abgeschlossene Doktorarbeiten und drei Habilitationen zu unseren Therapien. Mehrere Hundert Ärzte haben wir in Integrativer Medizin in Weiterbildungsseminaren ausgebildet.

Geforscht haben wir zum Beispiel zur Blutegeltherapie. In Kombination mit Akupunktur, Yoga und Bewegung ist sie für Arthrose-Patienten hervorragend geeignet. Meistens können Schmerzmittel dann reduziert oder sogar abgesetzt werden und vorher geplante Operationen sind nach dieser Therapie oftmals komplett überflüssig. Eine Studie bei Frauen mit Brustkrebs hat die Wirksamkeit von Meditation belegt. Die Frauen waren weniger ängstlich, weniger depressiv und sie konnten besser schlafen. – In der Forschung liegt für mich die Chance, dass der Nutzen naturheilkundlicher Therapien wissenschaftlich ausreichend belegt wird und sie bald zur Standardbehandlung auch an konventionellen Kliniken gehören. Aber solange ein Arzt, der Naturheilkunde anwendet, gesetzlich verpflichtet ist, seine Patienten über alle anderen schulmedizinischen Therapien zur Behandlung ihrer Krankheiten aufzuklären – völlig unabhängig von der nachweisbaren Wirksamkeit – dies aber nicht im umgekehrten Fall bei einem Schulmediziner gilt – selbst für nachweisbar wirksame naturheilkundliche Therapien – solange haben wir unser Ziel noch nicht erreicht.

Zu Ihrer Therapie-Palette gehört auch die so genannte MindBody (Geist/Körper)Medizin. Was meint der Begriff?

Vereinfacht gesagt, ist die MindBody Medizin eine Therapie für eine `dickere Haut´. Die Basis dieser Medizin, die Ordnungstherapie, gehört zu den fünf klassischen naturheilkundlichen Verfahren. Bereits Hippokrates, der Vater der Medizin, hat vor mehr als 2000 Jahren dafür Empfehlungen gegeben. Sebastian Kneipp hat sie dann zu einer seiner Gesundheitssäulen gemacht.

Definitionsgemäß nutzt sie gezielt die Interaktion zwischen Gehirn und Körper und führt damit zu einer Steigerung der Selbstheilungskräfte. In der Praxis geht es darum,das eigene Innen- und Außenleben zu erforschen, zu ordnen und zu stabilisieren. Das erlernen die Patienten bei uns mit Gesprächen, Verhaltenstherapie, Körper- und Entspannungsübungen und Meditation. Und so haben wir vor allem bei Schmerzpatienten mit diesem Medizin-Modell große Erfolge nachzuweisen. Unser Vorbild ist die amerikanische MindBody Medicine, wie sie in Harvard und am Sloan Kettering Hospital in New York praktiziert wird. Auch sie basiert auf dem Erlernen eines geordneten Lebenswandels und wird in einer neuen Konzeption mit strukturiertem Gesundheitstraining kombiniert.

Beinhaltet die MindBody Medizin somit primär eine kognitive Umstrukturierung des Patienten?

Natürlich gehen alle Veränderungen und Umstrukturierungen über Prozesse im Gehirn. Neurowissenschaftliche Untersuchungen gehen davon aus, dass das Gehirn ständig die inneren Bewegungen im Körper bewertet und auch versucht, sie immer wieder neu zu ordnen. Man nennt das auch `Homöodynamik´, also das Streben nach einem inneren Gleichgewicht, nach der Balance.

Ganzheitliche Therapien ticken diese emotionalen Zentren im Gehirn direkt an. An einem einfachen Beispiel erklärt: Es macht keinen Sinn, bei einem Patienten Schlafstörungen zu behandeln, ohne eine ungünstige Gliederung seines Tagesablaufs und psychosoziale Stressoren zu hinterfragen. Schon im Gespräch wird eine Umstrukturierung anzustoßen, die nachhaltige Veränderungen, wie zum Beispiel zukünftig vorbeugende Maßnahmen zu ergreifen, ermöglichen.

Also Salutogenese statt Pathogenese?

 Etwas von beidem. Salutogenese meint die persönliche Suche nach den einfachen Quellen für Gesundheit. Und solange das nicht die Basis unseres individuellen Lebens ist, brauchen wir die Pathogenese, also die Frage nach der Ursache von Krankheit. Den Begriff `Salutogenese´ hat übrigens der israelische Medizinsoziologe Aaron Antonovsky geprägt.

Bei KZ-Häftlingen hat er den Umgang mit Traumatas untersucht. Die Kraft der Gedanken, Imagination, Haltung und das innere Bewusstsein waren entscheidende Aspekte zum Überleben in solchen Ausnahmesituationen. Diese Kraft der Gedanken spiegelt sich in unseren Therapien wieder. Das Ziel ist immer, die Patienten für eine bewusstere und gesündere Lebensweise in Eigenverantwortung zu sensibilisieren.

Praktizieren Sie hier in Essen das Klinik-Modell der Zukunft?

Fast 80 Prozent des Gesundheitsbudgets wird in Deutschland nur für die Behandlung chronischer Erkrankungen aufgewendet. Der rasche Anstieg der älteren Bevölkerung wird diese Entwicklung noch drastisch verschärfen. Unsere Medizin wird schlicht unbezahlbar. Hier haben die Salutogenese als Präventivkonzept, Ordnungstherapie und Naturheilkunde einiges anzubieten. Auch übrigens das Potential, den demografischen Wandel bezahlbar zu machen.

Sie vergleichen die ganzheitliche Medizin gerne mit dem Nachhaltigkeitsprinzip von erneuerbaren Energien, Umweltbewusstsein oder regionaler Ernährung.

Nachhaltige Medizin geht einher mit einem bewussten, nachhaltigen und ressourcenorientierten Lebensstil. Das bedeutet: Annahme von Eigenverantwortung für das individuelle Wohlbefinden, aktive Mit-Gestaltung einer gesunden  Umwelt, Akzeptanz des Rechtes auf Unversehrtheit für alle Lebewesen – also auch humane Behandlung von Tieren, Ablehnung von kurzfristigen Erfolgen ohne stabilen Unterbau – ganz gleich, ob im Beruf oder für die eigene Gesundheit, Wertschätzung der  überlieferten Erfahrungen unserer Vorfahren – ohne dabei sinnvolle wissenschaftliche Fortschritte zu negieren.

Politik und große Teile der Gesellschaft haben das Prinzip der Nachhaltigkeit noch immer nicht verinnerlicht. Wenn wir aber diese achtsame Haltung in unserem Alltag einnehmen, dann entsteht Salutogenese.

Prof. Gustav Dobos ist Leiter der Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin an den evangelischen Kliniken Essen-Mitte, Stiftungsprofessor für Naturheilkunde an der Universität Duisburg- Essen und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Naturheilkunde.

Mit seiner Modell-Klinik im Evang. Krankenhaus Essen-Steele der Kliniken Essen-Mitte ist er seit 20 Jahren Vorreiter für die so genannte Integrative Medizin (Kombination von Schulmedizin und Naturheilkunde) und MindBody Medizin (Ordnungstherapie). Der Internist mit dem Schwerpunkt Nephrologie und Arzt für Intensivmedizin, arbeitete zunächst an der Universitätsklinik Freiburg, wurde 1997 Chefarzt einer naturheilkundlichen Modell-Klinik in Sachsen und zwei Jahre später

Chefarzt an den Kliniken Essen-Mitte, Abteilung für Naturheilkunde und Integrative Medizin. Eine Modelleinrichtung des Landes Nordrhein-Westfalen. 2004 wurde er auf einen Stiftungslehrstuhl für Naturheilkunde, gefördert von der Krupp-Stiftung, an der Universität Essen-Duisburg berufen.

Dobos ist   Autor   zahlreicher   Bücher,   wie:   „Chronische   Krankheiten   natürlich behandeln“, „Gemeinsam gegen den Krebs – Naturheilkunde und Onkologie“, „Endlich schmerzfrei und wieder gut leben“ und des Spiegelbestsellers „Das gestresste Herz“

Prof. Dobos ist Vater von zwei Töchtern und lebt mit seiner Familie in Essen.

Die Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin in Essen erreichen Sie unter: 0201-174 25008 und im Internet unter: www.kem-med.com.