Fit bleiben in der Zeit des Wandels

Sanfte Medizin für die Wechseljahre

„Ich bin wegen jeder Kleinigkeit an die Decke gegangen oder habe einfach sofort losgeheult. Nachts konnte ich immer schlechter schlafen und vor allem meine plötzlichen Hitzewallungen waren mir schon sehr peinlich“, erzählt Claudia Berle (Name wurde von der Redaktion geändert) aus Seligenstadt. Mit ihrem Mann konnte und wollte die 45-jährige Bankangestellte nicht über ihre ungewohnten Symptome sprechen, aber als vor allem die Hitzewallungen tagsüber fast unerträglich wurden, vertraute sie sich ihrem Gynäkologen an.

Oft dauert es viel zu lange bis sich Frauen wie Frau Berle an ihren Gynäkologen wenden und offen über ihre Symptome sprechen“, berichtet der Hanauer Privatdozent und Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe, Dr. Wolfgang Behrendt, aus seinem Praxisalltag. „Die Zeit der Wechseljahre ist eine sehr individuelle Zeit des Wandels für die Frauen. Für die ärztliche Therapie bedarf es vor allem eines offenen Gespräches, dem natürlich eine intensive Anamnese vorausgehen muss, um dann auch individuell helfen zu können.“

Dr. Wolfgang Behrendt

Auch die Alzenauer Gesundheitsberaterin Gabi Zeller weiß um die Wichtigkeit des Gespräches mit ihren Klientinnen. „In der Zeit der Wechseljahre, also zwischen dem 45. und 60. Lebensjahr, findet nicht nur eine hormonelle Umstellung bei uns Frauen statt, sondern es kommen auch oft jahrelang verdrängte und tabuisierte Themen – wie Paarkonflikte, sexuelle Probleme, beruflicher Druck – an die Oberfläche und wollen gelöst werden.“

Zeit des Wechsels

Klimakterische Turbulenzen sind so individuell wie die Frauen selbst. Wer weiß schon, dass ein Drittel aller Frauen völlig beschwerdefrei ist, ein weiteres Drittel mäßige Probleme in den Wechseljahren hat und nur 30 Prozent aller Frauen unter stärkeren Beschwerden leiden? Wem ist bewusst, dass sich die hormonelle Umstellung meist über mehr als zehn bis 15 Jahre hinzieht und das Befinden auch ganz unterschiedliche Phasen durchläuft? Und wer weiß überhaupt, was genau im weiblichen Körper in der „Zeit des Wechsels“ geschieht?

Die Menopause ist grundsätzlich gekennzeichnet durch das Aufhören der Menstruation. Davon sind alle Frauen betroffen, die in die Wechseljahre kommen. Die Eierstöcke beginnen allmählich ihren regelmäßigen Rhythmus zu verändern. Sie bilden nicht mehr, wie vorher jeden Monat, befruchtungsfähige Eizellen, sondern der Eisprung verzögert sich und irgendwann bleibt er sogar völlig aus. Östrogen und Progesteron arbeiten nicht mehr nach Plan.

Die vegetativen Zentren reagieren darauf. Jetzt können Hitzewallungen, Schweißausbrüche, Schleimhautveränderungen, Herzrhythmus- und Schlafstörungen, Inkontinenz und nachlassende Knochendichte als Folge dieser Hormonumstellungen einsetzen. „Diese Symptome können sich einstellen, sie müssen es aber nicht zwangsläufig“, sagt der Hanauer Gynäkologe Behrendt. „Denn die Wechseljahre sind keine zwanghaft auftretende Krankheit, sondern sie sind eine Zeit, in der sich im weiblichen Körper und in der seelischen Verfassung der Frau ein langsamer Wechsel vollzieht, der individuell unterschiedlich erlebt wird.“

Sexuelle Probleme

 Wenn eine Patientin mit Wechseljahres-Symptomen in seine Sprechstunde kommt, dann steht bei Dr. Behrendt eine ausführliche körperliche Untersuchung ganz vorne an. „Dann bestimme ich meist auch den Hormonstatus und prüfe vor allem die Schilddrüsenfunktion. Denn die Symptome einer kranken Schilddrüse sind denen der Wechseljahres-Beschwerden sehr ähnlich.“

Mindestens so wichtig wie die Untersuchung ist für den Frauenarzt, der 22 Jahre klinische Erfahrung mitbringt, das Gespräch mit der Patientin. „Aus meiner täglichen Praxis kann ich sagen, dass zwei Drittel aller Frauen, die mittlere bis starke Probleme in der Menopause haben, von sexuellen Schwierigkeiten berichten. Hier hilft uns Medizinern die moderne Diagnostik überhaupt nicht weiter. Es gilt das Thema aus der Tabuzone zu holen und offen anzusprechen. Und natürlich muss die Patientin dann den `Wechsel´ in ihrem Leben auch wollen.“

Dass eine Veränderung des Lebensstils gerade in den Wechseljahren wichtig ist, da sind sich Frauenarzt und Gesundheitsberaterin völlig einig. Dies gilt vor allem auch für den Bereich Ernährung, Entgiftung und Bewegung. „In den Jahren vor dem Wechsel leben wir Frauen durch die vierwöchige Menstruation in einem fortwährenden Entgiftungsprozess“, erklärt Gabi Zeller. „Der verabschiedet sich beim Älterwerden ganz langsam. Deshalb müssen wir vermehrt zusätzlich entgiften, übrigens auch mental, und uns vor allem gesund ernähren.“

 Leinöl mit Quark

Das hat die ehemalige Krankenschwester, die 2005 ihre Ausbildung als ärztlich geprüfte Gesundheitsberaterin absolviert hat, auch der 52jährigen Yogalehrerin Vera Heilmann aus Neuberg ans Herz gelegt. Frau Heilmann hatte sie mit starken Hitzewallungen und Schlafstörungen aufgesucht. „Hausaufgabe“ nach der ersten Sitzung war eine Umstellung auf die so genannte „Öl-Eiweiß-Kost“, die die deutsche Ärztin Dr. Johanna Budwig schon in den 50er Jahren bekannt gemacht hat.

„Leinöl heißt das Zauberwort“, sagt Gabi Zeller, die sich auf Ernährung, Entgiftung und Krebsberatung spezialisiert hat. „Ich esse seit Jahren täglich mindestens ein bis zwei Portionen Magerquark mit drei Esslöffeln Leinöl und etwas Milch vermischt. Dazu gibt es Nüsse und frische oder getrocknete Früchte. In Leinöl sind Lignane enthalten, die in Form von Phytoöstrogenen wirken.“

Übrigens schwört auch der Gynäkologe Dr. Behrendt auf sein tägliches „Leinöl-Müsli“ als „Zellnahrung“ und Entgiftungsmittel. „Ich esse Leinöl seit Jahren in einer Quark-Mischung und rate auch meinen Patientinnen dazu, vor allem bei einer Krebsdiagnose. Und neben dem Leinöl gehört auch Bio-Joghurt und der so genannte `Brottrunk´ zu meinem täglichen Ernährungsplan. Alles zusammen wirkt entgiftend und ist nicht nur in der Menopause gut für die Gesundheit.“

Ihrer Klientin hat Gabi Zeller noch Nahrungsergänzungen in Form von Bitterstoffen wie Artischocke, Löwenzahn, Rote Beete Saft und Sauerkrautsaft empfohlen. „Ein wahres Wundermittel scheint mir auch die regelmäßige Einnahme von Yams, Rotklee und Cissus“, berichtet Vera Heilmann bei ihrer dritten Sitzung in den Alzenauer Therapieräumen der Beraterin. „Aber ich denke, dass die Kombination aus Ernährungsumstellung, den Nahrungsergänzungsmitteln und vor allem viel Bewegung – mein Yoga und tägliches Laufen – mir innerhalb von wenigen Wochen schon erste Erfolge gebracht hat. Zumindest ist das nächtliche Schwitzen schon wesentlich besser geworden.“

Zur weiteren Entgiftung empfiehlt Gabi Zeller auch häufige Basenbäder, als Fuß- oder Wannenbad, angereichert mit Natronpräparaten oder Salzen aus dem Toten Meer. „Ganz wichtig sind auch Einläufe“, ergänzt sie. „Sie gehörten vor Jahrzehnten zur Standard-Medizin. Heute sind Einläufe fast vergessen. Aber gerade in den Wechseljahren sind sie ein gutes Entgiftungsmittel.“

Glückshormone durch Sport

Tägliche Bewegung, wie Fahrradfahren, Walking oder Jogging, Entspannungsgymnastik, Yoga oder autogenes Training gehören in der Zeit des so genannten „hormonellen Sinkflugs“ auch zu den Empfehlungen, sowohl des Gynäkologen als auch der Gesundheitsberaterin. „Ein Wechsel sollte ganzheitlich stattfinden“, davon ist Dr. Behrendt überzeugt. „Und dazu gehört auch ein verändertes körperliches Programm. Sport ist gut, um die Muskeln und Gelenke zu stärken und im Gehirn werden Endorphine freigesetzt, so genannte `Glückshormone´.

Das hilft vor allem auch bei seelischen Verstimmungen, die mit einer Hormonumstellung einhergehen können.“ Der Arzt verweist hier auch auf ein weiteres Tabuthema, die Inkontinenz. „Viele Frauen in den Wechseljahren haben damit Probleme. Hier gibt es spezielle Beckenbodenübungen, die helfen können, die Muskulatur des Beckens zu verstärken.“

Die Einnahme von pflanzlichen Wirkstoffen ergänzt die Therapievorschläge. Viele ganzheitlich orientierte Ärzte empfehlen sie längst als Hormonersatztherapie. „Es gibt zahlreiche Pflanzen, die so genannte Phytoöstrogene produzieren. Das sind Stoffe mit östrogenartiger Wirkung. Solche Präparate, zum Beispiel aus Traubensilberkerzen-Extrakten (Cimifuga) empfehle ich vor allem Frauen, die eine Krebs-Vorgeschichte haben. Es gibt noch immer viele Kollegen, die solchen Frauen trotz allem Hormonpräparate verschreiben. Das halte ich für sehr gefährlich. Die pflanzlichen Mittel brauchen zwar länger bis sie ihre Wirkung entfalten, aber gerade für Krebspatientinnen sind sie eine sinnvolle Alternative zu Hormonen.“

Immer wieder aber verweist der Frauenarzt auf das Gespräch als Basis jeder Veränderung. „Manchmal rate ich einer Patientin auch zu einem Einzel- oder Gruppengespräch bei einer Wechseljahres-Beraterin. Gerade Gesprächsgruppen unter Frauen, in denen sie sich und ihre körperlichen und seelischen Veränderungen `spiegeln´ können, sind für viele zum Loslassen, Annehmen und Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen, wichtig.“ In Holland werden Wechseljahres-Beraterinnen übrigens seit mehr als zehn Jahren ausgebildet. Diese Gespräche sind ein Standardangebot vieler Ärzte und Therapeutinnen und werden meist auch noch von den Krankenkassen bezahlt.

Selbstbewusst altern

Auch die moderne Anti-Aging-Medizin spielt eine große Rolle beim Thema Wechseljahre. Die Jugend- und Schönheitskultur macht es den Frauen beim Älterwerden wesentlich schwerer als den Männern. In manchen ostasiatischen Ländern oder etwa bei den Maya-Frauen in Lateinamerika gibt es nicht einmal den Ausdruck `Wechseljahre´. Das mag daran liegen, dass dort ältere Frauen eine viel höhere gesellschaftliche Anerkennung haben. Aber auch daran, dass die Frauen untereinander einen wesentlich aktiveren Austausch führen.

Dort, wo Frauen ihr Alter als eine Aufwertung in der Gesellschaft erfahren, wo sie beim Älterwerden immer höher angesehen sind und ihr Rat gefragt ist, spielen Wechseljahre eine weitaus kleinere Rolle als in unserer westlichen, jugendlich orientierten Kultur. Die Wechseljahre und der Umgang damit sind somit auch ein gesellschaftliches Thema – nämlich wie `Mann und Frau´ mit dem Älterwerden umgehen.

Hintergrund: Sanfte Behandlungen für die Wechseljahres-Symptome

Neben der jahrzehntelang verordneten Hormontherapie gibt es heute zahlreiche „sanfte“ Wege, die unterschiedlichen Symptome der Wechseljahre zu mildern. Dazu gehören vor allem auch pflanzliche Wirkstoffe: Cimifuga (Traubensilberkerze), Mönchspfeffer, Soja, Ginseng, Hopfen, Rotklee- und Yams-Präparate, Salbeitee (bei Schwitzen), homöopathische Stoffe wie Lachesis oder Pulsatilla. Viele Ärzte und Therapeuten raten auch zu Akupunktur oder dem so genannten Hormon-Yoga.

Literatur: „Weisheit der Wechseljahre“ von Christiane Northrup (Zabert Sandmann Verlag) oder „Frauen-Heil-Kunde“ von Margit und Ruediger Dahlke und Volker Zahn (Goldmann Verlag).

Weitere Informationen:

www.gfg.bv.de/kurse-beratung-kontakt.hmtl (Infos über Wechseljahres-Beraterinnen)

www.frauengesundheitszentren.de

www.aeggf.de

Text: Redaktion gesund-in-rheinmain

Foto: Medienbüro Andrea Thoma, Dr. Berendt privat,

Beitragsbild: 123RF