Andrea Thoma trifft: Prof. Bernd Böttiger „Herzmassage im Bee-Gees-Rhythmus“

Prüfen! Rufen! Drücken! Lebensrettende Herzmassage im Bee-Gees-Rhythmus

 Andrea Thoma trifft den renommierten Kölner Notfall- und Intensivmediziner, Prof. Bernd Böttiger

Wer bei einem Notfall einem Bewusstlosen helfen will, der kann sich eine einfache Gedankenstütze merken und bei der Herzdruckmassage ganz einfach an Musik denken. Zum Beispiel an den legendären Bee Gees-Hit „Staying Alive“. „Dieser schnelle Rhythmus hilft bei der Reanimation des Herzens immer im Takt zu bleiben“, so formuliert das einer der international renommiertesten Spezialisten für Notfall- und Intensivmedizin: Prof. Dr. Bernd Böttiger, Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin der Universitätsklinik Köln, den ich bei einer Talksendung mit Frank Elstner in Baden-Baden getroffen habe.

Seit Jahren setzt sich Böttiger mit einfachen Konzepten für eine schnelle und effektive Erste-Hilfe ein. Für Kinder und Jugendliche forderte der Mediziner immer wieder pro Schuljahr zwei Stunden aktiver Reanimationsübungen. Seit Ende 2014 wird dieses Konzept nun endlich bundesweit Schritt für Schritt an den Schulen umgesetzt. Nun unterstützt auch die WHO Prof. Böttigers Initiative, um weltweit dieses ambitionierte Erste-Hilfe-Projekt in der Bevölkerung zu verbreiten.

Das Credo der Initiative: Herzmassage ist viel wichtiger als Beatmen! Mehr Mut beim Helfen!

Andrea Thoma: Herr Prof. Böttiger, Sie plädieren für eine Herzmassage nach Popmusik? Wie geht das?

 Prof. Bernd Böttiger: Wenn man sich an diese populäre Musik erinnert, bekommt man ein einfaches Gefühl für die Frequenz, für den Rhythmus der Herzdruckmassage. `Staying Alive´ hat etwas mehr als 100 Beats in der Minute. Das ist perfekt, um den Oberkörper eines Bewusstlosen mit der Herzmassage 100 bis 120mal pro Minute zu bearbeiten. Und der Song macht klar, was man hier eigentlich macht: Man versucht nämlich einen Menschen am Leben zu erhalten.

 Und wer den Song nicht kennt?

 Der kann auch zu `Highway to Hell´ von AC/DC drücken. Das ist ein bisschen pietätlos, aber im Notfall auch hilfreich. Auch `Get Lucky´ von Duft Punk oder auch der Radetzkymarsch können helfen, im Takt zu bleiben. Ganz egal was der Ersthelfer an Musik im Kopf hat, Hauptsache er überwindet seine Ängste und legt in einem flotten Rhythmus los.

 Genau das machen in Deutschland aber nicht sehr viele Menschen…

 Da haben Sie absolut Recht. Nur 20 bis 30 Prozent der Ersthelfer legen auch wirklich mit der Herzmassage direkt los. Die anderen bleiben schockiert stehen, suchen Notrufnummern (112) oder telefonieren zunächst mit einem Arzt. In jedem Fall machen sie das Wichtigste nicht: Sie helfen nicht direkt. Und damit sinkt alle zehn Sekunden die Überlebenschance des Bewusstlosen. In vielen Ländern ist das völlig anders. In Norwegen oder Dänemark greifen 70 Prozent der Menschen direkt und beherzt zu. Auch in Amerika sind es immerhin noch 30 Prozent. Hier in Deutschland ist die Quote leider sehr schlecht. Wir haben einfach keine Kultur des Helfens.

Was meinen Sie damit?

 Wir sind nicht wirklich gut trainiert beim Thema `Servicementalität´. Noch immer überlegen Viele viel zu lange, ob sie nicht doch lieber einen Spezialisten zu Rate ziehen, wenn ein Mensch umfällt. Ganz sicher haben manche Menschen auch Angst, etwas falsch zu machen oder sogar nach der Hilfe noch rechtlich belangt zu werden. Wir haben auch eine große Distanz zu unseren Mitmenschen. Das ist nicht überall so. Man kann nichts falsch machen bei der Ersten-Hilfe. Nur wenn man nicht hilft, dann riskiert man womöglich das Leben und die Gesundheit eines Menschen. Denn schon nach etwa drei bis fünf Minuten sterben Zellen im Gehirn ab und damit entstehen irreversible Gesundheitsschäden.

 Was mache ich nun, wenn zum Beispiel jemand aus der Familie plötzlich zuhause kollabiert?

 Zunächst Ihre Schreck-Sekunde ganz schnell überwinden! Dann heißt es: Prüfen, Rufen, Drücken. Das bedeutet: Ich schaue, ob die Person noch atmet, ich spreche sie an, zwicke oder rüttele sie. Wenn keine Zeichen des Lebens mehr vorhanden sind, dann muss ich sofort die Notrufnummer 112 wählen und parallel am besten schon mit der Herzmassage starten. Wenn mehrere Personen da sind – zuhause, unterwegs, auf der Straße, an der Busstation – dann ruft einer die Notdienstzentrale, der andere legt sofort mit der Herzmassage los.

Wie funktioniert nun eine korrekte Herzmassage? Muss ich drücken und gleichzeitig beatmen, so wie ich das im Rahmen meiner Führerscheinprüfung einmal gelernt habe?

 Nein, das hat man früher so gelehrt. Inzwischen sagen wir Spezialisten, dass die Herzmassage vor allen anderen Erste-Hilfe-Maßnahmen steht. Und die geht so: Ich lege beide Hände übereinander und dann drücke ich in der Mitte des Brustkorbs, ungefähr zwischen den Brustwarzen, circa fünf bis maximal sechs Zentimeter tief ein. Dabei können auch schon mal ein paar Rippen zu Bruch gehen. Das ist egal. Es muss flott, fest und tief gedrückt werden. Immer im Beat von 100 bis 120mal in der Minute. Das ist sehr schnell und das Drücken ist auch sehr anstrengend. Es ist gut, wenn eine zweite Person spätestens nach etwa zwei Minuten übernimmt. Was auf keinen Fall passieren darf: Pausieren! Niemals. Denn daraus resultiert unmittelbar ein Stillstand des Blutkreislaufs und damit vermindert sich die Chance auf ein Überleben.

Wissen Sie, was bei einem Herzstillstand im Körper passiert? Das Herz bleibt stehen, das Blut fließt nicht mehr. Drücken wir aber kräftig auf den Brustkorb, quetschen wir das Blut dort heraus und bringen es überall im Körper wieder zum Fließen. Damit bekommen die Organe wieder Sauerstoff. Vor allem unser Gehirn, das mit Abstand den meisten Sauerstoff braucht, wird damit wieder versorgt. Schon nach 15 Sekunden ohne frischen Sauerstoff reduziert das Gehirn seine Funktionen. Nach drei bis fünf Minuten wird die Struktur beeinträchtigt, das Gehirn stirbt. Deshalb ist die Herzmassage so wichtig. Es sterben in Deutschland jedes Jahr 70.000 Menschen durch Herzstillstand, obwohl hier der Rettungsdienst gerufen wurde und auch Wiederbelebungsmaßnahmen durchgeführt wurden. Viele, sehr viele, hätte man durch schnelle Hilfe erfolgreich wiederbeleben können.

 Und was ist mit der Beatmung? Sie sagen, das Drücken sollte im Notfall Pflicht für jeden Bürger sein, die Beatmung sei die Kür? Kommt man denn ohne diese so genannte Kür im Notfall wirklich aus?

 Um diese Kür kümmern wir uns nur, wenn wir gut ausgebildet sind und uns eine Beatmung überhaupt zutrauen. Oder wenn wir auf einer einsamen Insel sind und keine professionelle Rettung naht. Dann wird massiert und beatmet. Und zwar solange, wie der oder die Helfer dazu in der Lage ist. Ist jemand in Erste-Hilfe geschult, kann und soll er natürlich beatmen, das verbessert die Überlebenschancen zusätzlich erheblich. Dann gilt: 30mal drücken, zweimal Atem spenden und dann immer in diesem Zyklus weitermachen. Für alle anderen Helfer heißt es: Hauptsache heftige Herzmassage. Häufig ist dann bei uns innerhalb von acht bis zehn Minuten ein Rettungswagen mit geschultem Personal vor Ort, die übernehmen können.

Sie fordern schon lange eine Kultur des Helfens bei den ganz Jungen unserer Gesellschaft, zum Beispiel in den Schulen…

 Ja, wir haben seit Jahren gefordert – was in Ländern wie Dänemark oder Norwegen übrigens schon lange Normalität ist – Schüler ab dem 7. Schuljahr sollen zweimal im Jahr in aktiver Herzmassage ausgebildet werden und zwar bis zum Ende ihrer Schulzeit. Dann ist das Helfen ein Stück Normalität für diese Kinder und damit verschwinden auch viele Ängste, wenn der Notfall mal eintritt. Das ist wie Schwimmen lernen.

 Sie waren mit Ihrer Initiative für den bundesweiten Pflichtunterricht Wiederbelebung inzwischen erfolgreich und nun unterstützt Sie sogar die WHO (Weltgesundheits-Organisation der U.N.).

 Ja, im Sommer 2014 hat die Kultusministerkonferenz den Beschluss gefasst, unser Projekt `Kids save Life´ umzusetzen. Damit werden grundsätzlich zwei Unterrichtsmodule pro Jahr, ab Jahrgangsstufe 7, mit dem Thema Wiederbelebung vertraut gemacht. Nun entscheidet jedes Bundesland, wann mit den Schulungen der Lehrer begonnen wird. Und seit 2015 haben wir die offizielle Bestätigung seitens der WHO, dass unser Projekt weltweit unterstützt wird.

Das war ein großer Schritt! Wiederbelebungsunterricht gehört in alle Schulklassen, weltweit. Sie haben sicher von dem Fall des 12-jährigen Nic aus Bad Honnef gehört, der auf dem Schulhof, mitten zwischen Schülern und Lehrern mit Kammerflimmern umgefallen ist. Zunächst hat keiner etwas getan. Ein Lehrer hat ihn dann in die stabile Seitenlage gebracht. Bei Kammerflimmern kann genau das absolut tödlich sein! Mitschüler hatten in dieser Zeit die 16-jährige Kea geholt, die als Schulsanitäterin ausgebildet ist. Kea hat dann, gemeinsam mit ihrer Freundin, sofort mit der Herzmassage und der Beatmung begonnen. Der Notarzt kam nach zehn Minuten. Da hat Nic schon wieder etwas geatmet. Die beiden waren gemeinsam mit ihren Familien vor kurzer Zeit bei mir in der Klinik. Das war einer der bewegensten Momente meiner ärztlichen Karriere. Und genau da müssen wir weitermachen: Die Kinder an das beherzte Helfen heranführen.

 Können Sie sich noch an Ihren ersten Notfall erinnern?

 Ganz genau sogar. Das war während meiner Studienzeit vor einer Sparkasse auf dem Uni-Platz in Heidelberg. Eine alte Dame ist direkt vor mir umgefallen. Und wenn ich ganz ehrlich bin, ich habe mich auch erst umgeschaut, ob nicht ein anderer Helfer in der Nähe ist. Das war aber nicht der Fall. Also habe ich – nach der kurzen Schreck-Sekunde – mit Prüfen, Rufen, Drücken – losgelegt. Und ich habe zusammen mit einer Passantin auch beatmet. Die Dame hat tatsächlich überlebt!

 Wie sinnvoll ist die Telefon-Reanimation?

 Das halte ich für einen essenziellen Baustein in der schnellen Erste-Hilfe. Die Disponenten in den 112-Notdienst-Leitstellen sollten dafür noch besser ausgebildet werden. Sie können am Telefon Ruhe und Kompetenz vermitteln und einen Helfer genau anweisen, was er tun soll. Die Herzdruckmassage kann man effektiv am Telefon erklären. Es gibt mittlerweile viele Menschen, die allein deshalb überlebt haben. Die Telefon-Reanimation sollte daher auch in Deutschland verpflichtend eingeführt werden.

 Vielleicht sagen Sie noch etwas zu den Defibrillatoren, die man jetzt in vielen öffentlichen Gebäuden und auch schon in Unternehmen sieht. Viele von uns kennen diese Instrumente sicher nur aus den Arztserien im Fernsehen. Dort ruft der Notarzt bei einer plötzlichen Bewusstlosigkeit seines Patienten immer nach dem so genannten Defi…

 Ganz ehrlich, ich halte das für keine gute Idee, einen Laienhelfer erst einmal mit einem Defi, also einem Defibrillator zu beschäftigen. Wissen Sie, wie viele Menschenleben dadurch gerettet wurden? Sehr wenige bisher! Wir haben vor kurzer Zeit hier in meiner Kölner Klinik die Astronauten der ESA in Notfallmedizin trainiert. Von der Herzmassage, über die Beatmung bis zur Benutzung eines Defis. Da oben im Weltall, wo die Astronauten bei einem Notfall auf sich allein gestellt sind, da ist ein Defi vielleicht sinnvoll. Und auch in Flugzeugen oder an entlegenen Orten, wo der Rettungsdienst, der immer einen Defi dabeihat, sehr lange braucht. Aber bis sich ein ungeübter Helfer mit der Technik auseinandergesetzt hat, ist meist schon zu viel wertvolle Zeit vergangen, dass der Defi dann auch nichts mehr hilft. Es gibt nur eine wertvolle Erste-Hilfe – das sind die Hände für die Herzmassage. Das sollte jeder können und vor allem auch wollen!

Biografisches:

Prof. Bernd Böttiger studierte Medizin an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, wo er 1988 promovierte. Vier Jahre später, 1992 machte er den Facharzt für Anästhesiologie und legte sein Examen an der European Academy of Anaesthesiology (DEAA) ab.

1994 wurde Böttiger Oberarzt an der Klinik für Anästhesiologie des Universitätsklinikums Heidelberg, wo er 1997 mit dem Thema: Reanimation nach Herz-Kreislauf-Stillstand habilitierte. Im Jahr 2002 bekam er die Stelle des stellvertretenden Klinikdirektors und des Leitenden Oberarztes in Heidelberg.

Seit 2007 ist Prof. Böttiger Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin an der Uniklinik Köln, Vorsitzender des Deutschen Rats für Wiederbelebung, German Resuscitation Council (GRC), Präsidiumsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) und der Deutschen Gesellschaft für interdisziplinäre Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI). Vor kurzem hat er das Institute of Medicine (IOM), das wichtigste und an die American Academy of Science angegliederte gesundheitspolitische Forum der USA, als einziger, nicht-amerikanischer Experte in einem Hearing zum Thema Wiederbelebung beraten.

Böttiger forschte in den USA und am Max Planck Institut in Köln, er wurde mit zahlreichen Preisen geehrt, unter anderem dem Preis der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN) und der Österreichischen Gesellschaft für Internistische und Allgemeine Intensivmedizin (ÖGIAIM). Gastprofessuren führten ihn unter anderem an die Universitäten von Stanford, Duke, Chicago und Pittsburgh in den USA. Seit Juni 2014 ist er Mitglied in der Leopoldina, der Deutschen Akademie der Wissenschaften.

Weitere Infos unter:

Erste-Hilfe-Kompakt-Handbuch

2012, Verlag: Dorling Kindersley, ISBN-10: 3831022437, ISBN-13: 9783831022434

Internet:

www.einlebenretten.de

www.grc-org.de

www.dgai.de

www.reanimationsregister.de

 

Web-TV:

http://www.swr.de/swr1/bw/programm/leute/boettiger-prof/-/id=1895042/did=16108088/nid=1895042/19hxqwy/index.html

https://www.youtube.com/watch?v=RsArHyybeWk

http://www1.wdr.de/fernsehen/aks/themen/leben-retten-heyer100.html

Text: ATH Medien

Foto Prof. Bernd Böttiger und Flyer: © Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin Universitätsklinik Köln

Autorin: © Andrea Thoma, © Buchcover: Klett-Cotta Verlag