Die magische Kraft des Bewusstseins

Joachim Faulstich ist ein Wanderer zwischen den Welten
der Medizin. Mit seinen vielfach ausgezeichneten Filmen
und Büchern, die außergewöhnliche Heilungswege dokumentieren,
hat er bereits vor mehr als 20 Jahren das
menschliche Bewusstsein und seine Möglichkeiten einer
Heilung in den Mittelpunkt seines medialen Schaffens gestellt.
Sein Ziel: Er will aufrütteln, den Kampf der Medizinsysteme
beenden helfen. Zu Gunsten eines Miteinanders
von altem, tradiertem Wissen und moderner, nachweisbarer
Wissenschaft. Er plädiert für mehr Offenheit bei den
Ärzten, auch außergewöhnlichen Heilmethoden aus der
Natur- und Erfahrungsmedizin Vertrauen zu schenken.
Wir treffen Joachim Faulstich an seinem Lieblingsort, dem
Frankfurter Domplatz, gleich um die Ecke vom Römer, wo
in den nächsten Jahren ein Stück altes Frankfurt aus der
Erde wächst. Inmitten der von modernen Hochhäusern geprägten
Innenstadt entsteht ein Quartier mit historischen
Gebäuderekonstruktionen, Plätzen und engen Gässchen,
ein urbanes Miteinander von Alt und Neu. Die symbiotische
Vereinigung einer modernen, architektonisch genau
berechneten Großstadt mit ihren tradierten Werten. Um
diese harmonische Ergänzung, um den Dialog – genau darum
geht es auch Joachim Faulstich. Im Leben und in der
Arbeit. Er ist einer aus der 68er-Generation. Weiße Haare,
Stoppelbart, Jeans und Ledertasche. Für unser Gespräch
hat er sein Lieblingscafé am Dom vorgeschlagen.
natürlich gesund & munter: Sie haben sich zu Beginn
Ihrer Fernseharbeit hauptsächlich mit sozialkritischen
Themen auseinandergesetzt. Woher kam Ihr Interesse
für alte Heiltechniken?
Joachim Faulstich: Das waren zweifelsohne meine Reisen
nach Südamerika in den 80er-Jahren, insbesondere in das
Amazonas-Gebiet von Peru. Hier habe ich eine archaische
Welt kennengelernt, die sich aus Mythen und überlieferten
Geschichten, aus Geistern und Schamanen zusammensetzt.
Ich habe Menschen getroffen, die in der Trance Kontakt mit
ihren Vorfahren aufgenommen haben, um Hinweise für
wichtige Lebensfragen oder Krankheiten zu bekommen.
Und ich habe mich darauf eingelassen, mehr zu erfahren.
Ich war offen, obwohl ich aus einer völlig anderen, rational
definierten und orientierten Welt kam.
Können Sie Ihre damaligen Erkenntnisse im Urwald
von Peru näher erläutern?


Für eine Reportage über die Shipibo-Indianer berichtete
eine deutsche Ärztin von ungewöhnlichen schamanischen
Heilungen an Patienten, die die Schulmedizin bereits aufgegeben
hatte. Eingesetzt wurden dabei Behandlungen in
Trance, im Kontakt mit anderen Ebenen der Wirklichkeit –
eine Methode, die unserer westlichen Medizin diametral
entgegen steht – die aber offenbar dennoch wirkte. Mit diesen
Geschichten aus einer alten, magischen Kultur kam ich
zurück nach Deutschland und begann in der europäischen
Medizingeschichte zu forschen. Ich wollte vor allem auch
wissen, wo unsere westlichen Wurzeln der Heilkunst liegen
und warum sie in modernen Arztpraxen und Kliniken immer
wieder als Scharlatanerie abgetan werden.
Als Sie in den 80er-Jahren Ihre ersten Fernsehdokumentationen
über außergewöhnliche Heilungen machten,
wurden Sie da nicht in die esoterische Ecke gestellt?
Ich berichtete damals über eine Heilerin aus Hessen. Sie
hieß Grete Flach und heilte mit Kräutern, Gesprächen und
auch mit Gebeten. Wenn sie mit ihren Patienten arbeitete,
war sie oft in leichter Trance, ganz ähnlich wie ich das ➔

Joachim Faulstich ist Journalist, Buchautor und Regisseur
wissenschaftlicher Fernsehdokumentationen. Seit den 80er-
Jahren, nach zahlreichen Reisen nach Südamerika und dem
Kontakt mit den medizinischen Vorstellungen indigener
Völker, insbesondere dem Schamanismus, liegt sein Fokus
auf Fragen der Komplementärmedizin, der Naturmedizin, der
Bewusstseinsforschung und der Neurobiologie. Für seine
Arbeiten wurden ihm zahlreiche Preise verliehen.

bei Schamanen in Südamerika gesehen hatte. Natürlich war
es damals im Fernsehen sehr ungewöhnlich, über eine solche
Heilerin eine Reportage zu machen, aber meine Kollegen
wussten, dass ich ein seriöser Rechercheur und Autor
bin. Das war eine gute Ausgangsposition, um diese Themen
in die Medien und damit in die Gesellschaft einzuführen.
Was ist Ihr Anspruch? Welche Anstöße wollen Sie
mit Ihrer Arbeit geben?
Ich möchte mithelfen, die Entweder-oder-Medizin – das
Gegeneinander von Schulmedizin und Erfahrungsheilkunde
– aufzulösen und in eine Sowohl-als-auch-Medizin
zu verändern. Ich möchte Bewusstsein für eine Medizin der
Zuwendung schaffen, die Körper, Seele und Geist wieder
als Einheit ansieht.
Sprechen Sie von einer Mind-Body-Medizin?
Genau das ist damit gemeint. Körper und Geist sind in der
frühen Entwicklungsgeschichte der Menschheit immer als
Einheit gesehen worden, als Ein-Klang. Der renommierte
Wissenschaftler für „Applied Neuroscience“ (Angewandte
Neurobiologie), Prof. Gerald Hüther, formuliert das so: „Wir
brauchen ein inneres Leitbild, das Sinn stiftet und uns einen
Ort der Geborgenheit zeigt.“ Wer seine innere Haltung verändert
und wieder in den Einklang und in die eigene Handlungsfähigkeit
kommt, der verändert das Netzwerk von
Körper und Geist insgesamt. Ob es dann am Ende zu einer
tatsächlichen Heilung kommt, bleibt offen. Wir brauchen
auch so etwas wie Gnade, um zu leben. Nicht im religiösen,
aber im spirituellen Sinn.
In Ihrer letzten Fernsehdokumentation „Das Geheimnis
der Heilung“ beschreiben Sie einige Beispiele – aussichtslose
Fälle in den Augen der Schulmedizin, die trotzdem
geheilt wurden. Zum Beispiel die Geschichte des polnischen
Cellisten Dominik Polonski, dem nach einer
Krebserkrankung ein Viertel seines Gehirns entfernt
wurde und der anschließend fast bewegungsunfähig
war. Was hat er anders gemacht als andere Patienten?
Er hatte plötzlich die innere Gewissheit, dass er aus eigener
Verantwortung einen stimmigen Genesungsweg gewählt
hat. Diese Haltung vereint fast alle Protagonisten. Natürlich
hat Dominik zunächst alle Möglichkeiten der Schulmedizin
in Anspruch genommen. Er wurde mehrfach am Kopf operiert
und auch bestrahlt. Aber als ihm seine Ärzte absolut
keine Überlebenschance mehr gaben, da besann er sich auf
seine eigenen Fähigkeiten zur Heilung. Noch in der Klinik
begann er mit intensiven Imaginationen und tauchte nächtelang
in heilsame Musik ein.
Der Neurowissenschaftler Prof. Gerald Hüther, den Sie
in unserem Gespräch schon zitiert haben, spricht hier
von der Bedeutung innerer Bilder.
Genau diese heilsamen Muster hat Dominik aktiviert. Plötzlich
konnte er sein gelähmtes Bein ein wenig bewegen. Dann
lernte er den Psychologen Martin Busch kennen, der auch
in der Feldenkrais-Methode ausgebildet ist und sie mit Elementen
der Hypnose verbindet. Bewegung, Bewusstheit
und Beziehung – das sind die drei Schlüsselbegriffe seiner
Denk-und Arbeitsweise. Zwischen den beiden entwickelte
sich bald ein tiefes Vertrauensverhältnis. Der Psychologe
half Dominik, seine Orientierung zu ändern, weg von der
Beschäftigung mit der Krankheit, hin zu inneren Bildern der
Heilung. So konnten, auch durch das Zusammenspiel mit
körperlichen Impulsen, die verlorenen Verknüpfungen im
Gehirn langsam wieder hergestellt werden. Ein erneuter Gehirnscan
zeigte keinen Tumor mehr an. Heute kann Dominik
völlig alleine laufen und macht wieder Musik.
Sie berichten auch von einer Frau mit einer schweren
Schwangerschaftskomplikation. Ihrem Kind hatten die
Ärzte keinerlei Überlebenschance mehr gegeben.
Sie meinen den spektakulären Fall von Ursula Mannweiler
aus Frankfurt. Sie war Patientin des Gynäkologen Prof.
Frank Louwen. In der 23. Schwangerschaftswoche diagnostizierte
man bei ihr eine schwere Plazentainsuffizienz (eine
mangelnde Versorgung des Fötus durch die ungenügende
Funktion der Plazenta). Der Ultraschall zeigte keinerlei
Fruchtwasser mehr, und nach Auswertung aller Untersuchungen
ging Prof. Louwen auch von einer Gehirnschädigung
des Kindes aus. Ein faktisches Todesurteil – und
eine Wiederholung der Ereignisse. Denn einige Jahre vorher
hatte diese Patientin mit derselben Diagnose bereits
ein totes Kind geboren. Auf ihren Wunsch hin bekam sie
Glucose-Infusionen. Und sie begann einen inneren Dialog
mit ihrem Kind und ein heftiges, inneres Streitgespräch mit
Gott. Mira kam tatsächlich gesund zur Welt. Prof. Louwen
sagte mir im Interview, dass dieses Phänomen „medizinisch
absolut nicht zu begründen“ sei. Die Neurowissenschaft hat
inzwischen herausgefunden, dass ein enger, symbiotischer
Austausch von Mutter und Kind im Mutterleib Botenstoffe
aus den Zellen freisetzt. Damit ist eine solche Heilung möglicherweise
zu erklären.
Das bedeutet, innere Heilung geht der äußeren voran?
Oder geschieht sie parallel?
Ich glaube, dass tatsächlich die innere Haltung und die
Aktivierung von persönlichen Ressourcen für einen Patienten
essenziell sind. Aber es gibt kein Patentrezept.
Sie sprechen in Ihren Büchern von mehreren inneren
Bewusstseinsebenen aus unserer menschlichen Vorgeschichte.
Können wir heute daraus noch heilende
Ressourcen beziehen?
Ich zitiere hier gerne den Philosophen und Bewusstseinsforscher
Jean Gebser, einen Vertreter der Integralen Theorie,
der versuchte, wissenschaftliche und spirituelle Erkenntnisse
zu verbinden. Er beschreibt die Entwicklung des menschlichen
Bewusstseins, beginnend mit dem archaischen
Zustand. Unser Ich ist auf dieser Ebene noch nicht von der
Außenwelt getrennt. Dann kommt die nächste Entwicklungsstufe,
die sogenannte magische Ebene. Hier nehmen
wir die Außenwelt als von uns getrennt wahr, spüren aber
noch eine Verbundenheit mit allem, was um uns herum existiert.
Es folgt die mythische Ebene. Plötzlich wird uns unsere
eigene Innenwelt, die man auch als Seele bezeichnen kann,
bewusst. Götter und Geister existieren als Helferwesen, die
man in Gebeten anrufen kann. Am Ende erreichen wir die
vierte Ebene in unserer Entwicklung, das rationale, analytische
Bewusstsein. Innen- und Außenwelt existieren jetzt völlig
getrennt voneinander. Die Vorstellungen früherer Entwicklungsstufen
werden als Aberglaube dargestellt, Götter und
Geister in die Esoterik-Ecke verbannt, und neue Mythen, wie
der Glaube an die Statistik, übernehmen zunehmend die
Macht. Damit sind wir endgültig im Heute angekommen.
Welche Konsequenzen haben diese Bewusstseinsentwicklungen
für unseren inneren Zustand?
Die archaischen und magischen Ebenen sind in uns tief verwurzelt.
Sie sind in unsere Gene implantiert. In diesen
menschlichen Entwicklungsstufen schlummern deshalb
unendlich viele Ressourcen. Bei einer Krankheit können wir
sie anzapfen, um möglicherweise in einen Zustand der Harmonie
zurückzukommen. Das geht über magische Bilderreisen,
Gebete, Träume, Rituale, Imaginationsübungen,
Naturerlebnisse und vieles mehr. Es geht dabei nicht darum,
in alte Entwicklungsstufen zurückzufallen, sondern in ein
neues Bewusstsein zu kommen, das alle Ebenen integriert.
Gibt es in der Zukunft eine Perspektive für eine
grenzüberschreitende Medizin ?
Immer mehr Ärzte schauen über ihr naturwissenschaftliches,
mechanistisches Weltbild hinaus und sind zumindest
offen für andere Sichtweisen. Wenn ein so anerkannter
Wissenschaftler wie Prof. Waldemar Uhl von der Uniklinik
Bochum auch mit einem Heiler zusammenarbeitet, der
Krebspatienten nach konventioneller medizinischer Behandlung
mit Handauflegen und geführten Meditationen
begleitet, oder wenn sich der Onkologe Dr. Thomas Schmitt
aus Wien mit seinen Patienten durch Trommeln auf eine
schamanische Reise begibt und damit für sie eine Verbesserung
der Lebensqualität erreicht, dann formt sich für mich
die Perspektive einer neuen Heilkunst. Diese Mind-Body-
Medizin, die alte Erfahrungen und neue wissenschaftliche
Erkenntnisse zum Besten des Patienten nutzt, begreift den
Menschen nicht mehr als biologische Maschine, sondern
immer mehr als Körper-Geist-Wesen, in dem subtile energetische
Prozesse ablaufen und in dem das Bewusstsein eine
ganz entscheidende Rolle spielt. Auch die moderne Psychoneuroimmunologie
sieht im menschlichen Bewusstsein eine
Kraft, die in der Lage ist, die sichtbare und messbare Realität
zu formen. Ich glaube, hier liegt das Geheimnis einer
möglichen Heilung. /ath